Posts Tagged ‘Wilhelm Busch’

Gönnen für die Ewigkeit

10. 9. 2016

Strebst du nach des Himmels Freude
und du weißt’s nicht anzufassen,
sieh nur, was die andern Leute
mit Vergnügen liegen lassen.

Dicke Steine, altes Eisen
und mit Sand gefüllte Säcke
sind den meisten, welche reisen,
ein entbehrliches Gepäcke.

Lass sie laufen, lass sie rennen;
nimm, was bleibt, zu deinem Teile.
Nur, was sie dir herzlich gönnen,
dient zu deinem ew’gen Heile.

Wilhelm Busch, aus: Kritik des Herzens

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Leiser Moment

3. 9. 2016

Ich wusste, sie ist in der Küchen,
ich bin ihr leise nachgeschlichen.
Ich wollt ihr ew’ge Treue schwören
und fragen: »Willst du mir gehören?«
Auf einmal aber stutzte ich.
Sie kramte zwischen dem Gewürze;
dann schnäuzte sie und putzte sich
die Nase mit der Schürze.

Wilhelm Busch, aus: Kritik des Herzens

Falscher Absender 

27. 8. 2016

Wilhelm Busch, aus „Kritik des Herzens“:

Ich habe von einem Vater gelesen:
Die Tochter ist beim Theater gewesen.
Ein Schurke hat ihm das Mädchen verdorben,
sodass es im Wochenbette gestorben.

Das nahm der Vater sich tief zu Gemüte.
Und als er den Schurken zu fassen kriegte,
verzieh er ihm nobel die ganze Geschichte.
Ich weine ob solcher Güte.

Alte Geschichten

18. 6. 2016

Wilhelm Busch:
Der kühne Ritter und der gräuliche Lindwurm

Es kroch der alte Drache
aus seinem Felsgemache
mit grausigem Randal.
All‘ Jahr ein Mägdlein wollt‘ er,
sonst grollt er und radollt er,
fraß alles ratzekahl.

Was kommt da aus dem Tore
in schwarzem Trauerflore
für eine Prozession?
Die Königstochter Irme
bringt man dem Lindgewürme;
das Scheusal wartet schon.

Hurra! Wohl aus dem Holze
ein Ritter keck und stolze
sprengt her wie Wettersturm.
Er sticht dem Untier schnelle
durch seine harte Pelle;
tot liegt und schlapp der Wurm.

Da sprach der König freudig:
»Wohlan, Herr Ritter schneidig,
setzt Euch bei uns zur Ruh.
Ich geb Euch sporenstreiches
die Hälfte meines Reiches,
mein Töchterlein dazu!«

»Mau, mau!«, so rief erschrocken
mit aufgesträubten Locken
der Ritter stolz und keck.
»Ich hatte schon mal eine,
die sitzt mir noch im Beine!
Ade!«, und ritt ums Eck.

O altes blaues Wunder!
Da han wir doch jetzunder
mehr Herz im Kamisol.
Wir ziehen unsre Kappe
vor solchem Schwiegerpappe
und sprechen: »Ei jawohl!«

Weil der Juni darin vorkommt

11. 6. 2016

Wilhelm Busch:
Zum Geburtstag

Der Juni kam. Lind weht die Luft.
Geschoren ist der Rasen.
Ein wonnevoller Rosenduft
dringt tief in alle Nasen.

Manch angenehmes Vögelein
sitzt flötend auf den Bäumen,
indes die Jungen, zart und klein,
im warmen Neste träumen.

Flugs kommt denn auch dahergerennt,
schon früh im Morgentaue,
mit seinem alten Instrument
der Musikant, der graue.

Im Juni, wie er das gewohnt,
besucht er einen Garten,
um der Signora, die da thront,
mit Tönen aufzuwarten.

Er räuspert sich, er macht sich lang,
er singt und streicht die Fiedel,
er singt, was er schon öfter sang;
du kennst das alte Liedel.

Und wenn du gut geschlafen hast
und lächelst hold hernieder,
dann kommt der Kerl, ich fürchte fast,
zum nächsten Juni wieder.

Heija, der frische Mai…

7. 5. 2016

Wilhelm Busch:
Frühlingslied

In der Laube von Syringen,
oh, wie ist der Abend fein!
Brüder, lasst die Gläser klingen,
angefüllt mit Maienwein.

Heija, der frische Mai,
er bringt uns mancherlei.
Das Schönste aber hier auf Erden
ist lieben und geliebt zu werden,
Heija, im frischen Mai.

Über uns die lieben Sterne
blinken hell und frohgemut,
denn sie sehen schon von ferne,
auch hier unten geht es gut.

Wer sich jetzt bei trüben Kerzen
der Gelehrsamkeit befleißt,
diesem wünschen wir von Herzen,
dasser bald Professor heißt.

Wer als Wein- und Weiberhasser
jedermann im Wege steht,
der genieße Brot und Wasser,
bis er endlich in sich geht.

Wem vielleicht sein altes Hannchen
irgendwie abhanden kam,
nur getrost, es gab schon manchen,
der ein neues Hannchen nahm.

Also, eh der Mai zu Ende,
aufgeschaut und umgeblickt,
keiner, der nicht eine fände,
die ihn an ihr Herze drückt.

Jahre steigen auf und nieder;
aber wenn der Lenz erblüht,
dann, ihr Brüder, immer wieder
töne unser Jubellied.

Heija, der frische Mai,
er bringt uns mancherlei.
Das Schönste aber hier auf Erden
ist lieben und geliebt zu werden,
Heija, im frischen Mai.

Aus „Schein und Sein“

Unterwegs

9. 4. 2016

Wilhelm Busch:
Wanderlust

Die Zeit, sie orgelt emsig weiter,
sein Liedchen singt dir jeder Tag,
vermischt mit Tönen, die nicht heiter,
wo keiner was von hören mag.

Sie klingen fort. Und mit den Jahren
wird draus ein voller Singverein.
Es ist, um aus der Haut zu fahren.
Du möchtest gern woanders sein.

Nun gut. Du musst ja doch verreisen.
So fülle denn den Wanderschlauch.
Vielleicht vernimmst du neue Weisen
und Hühneraugen kriegst du auch.

Nähe und Distanz

12. 3. 2016

Wenn das Rhinozeros, das schlimme,
dich kriegen will in seinem Grimme,
dann steig auf einen Baum beizeiten,
sonst hast du Unannehmlichkeiten.

Wilhelm Busch, aus: Ein Muster der Schnelligkeit

Ruhm ist nicht alles

27. 2. 2016

Wilhelm Busch:
Der Ruhm

Der Ruhm, wie alle Schwindelware,
hält selten über tausend Jahre.
Zumeist vergeht schon etwas eh’r
die Haltbarkeit und die Kulör.

Ein Schmetterling voll Eleganz,
genannt der Ritter Schwalbenschwanz,
ein Exemplar von erster Güte,
begrüßte jede Doldenblüte
und holte hier und holte da
sich Nektar und Ambrosia.

Mitunter macht er sich auch breit
in seiner ganzen Herrlichkeit
und zeigt den Leuten seine Orden
und ist mit Recht berühmt geworden.

Die jungen Mädchen fanden dies
entzückend, goldig, reizend, süß.

Vergeblich schwenkten ihre Mützen
die Knaben, um ihn zu besitzen.

Sogar der Spatz hat zugeschnappt
und hätt‘ ihn um ein Haar gehabt.

Jetzt aber naht sich ein Student,
der seine Winkelzüge kennt.

In einem Netz mit engen Maschen
tät er den Flüchtigen erhaschen,
und da derselbe ohne Tadel,
spießt er ihn auf die heiße Nadel.

So kam er unter Glas und Rahmen
mit Datum, Jahreszahl und Namen
und bleibt berühmt und unvergessen,
bis ihn zuletzt die Motten fressen.

Man möchte weinen, wenn man sieht,
dass dies das Ende von dem Lied.

Entwicklung

20. 2. 2016

Wilhelm Busch, Lieder eines Lumpen 1

Als ich ein kleiner Bube war,
war ich ein kleiner Lump;
Zigarren raucht‘ ich heimlich schon,
trank auch schon Bier auf Pump.

Zur Hose hing das Hemd heraus,
die Stiefel lief ich krumm,
und statt zur Schule hinzugehn,
strich ich im Wald herum.

Wie hab‘ ich’s doch seit jener Zeit
so herrlich weit gebracht! –
die Zeit hat aus dem kleinen Lump
’nen großen Lump gemacht.

Das mit den Wünschen im Zusammenhang

19. 12. 2015

Wilhelm Busch:
Niemals

Wonach du sehnlich ausgeschaut,
es wurde dir beschieden.
Du triumphierst und jubelst laut:
Jetzt hab ich endlich Frieden!

Ach, Freundchen, rede nicht so wild,
bezähme deine Zunge!
Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt,
kriegt augenblicklich Junge.

So gesehen ist diese Woche nichts Neues passiert

5. 12. 2015

Wilhelm Busch:
Oben und Unten

Dass der Kopf die Welt beherrsche,
wär zu wünschen und zu loben.
Längst vor Gründen wär die närr’sche
Gaukelei in Nichts zerstoben.

Aber wurzelhaft natürlich
herrscht der Magen nebst Genossen,
und so treibt, was unwillkürlich,
täglich tausend neue Sprossen.

Hilft nicht gegen Haarausfall

7. 11. 2015

Wenn alles sitzen bliebe,
was wir in Hass und Liebe
so voneinander schwatzen;
wenn Lügen Haare wären,
wir wären rau wie Bären
und hätten keine Glatzen.

Wilhelm Busch, aus: Kritik des Herzens

Wie lernfähig der Mensch ist…

24. 10. 2015

Sehr tadelnswert ist unser Tun,
wir sind nicht brav und bieder. –
Gesetzt den Fall, es käme nun
die Sintflut noch mal wieder.

Das wär‘ ein Zappeln und Geschreck!
Wir tauchten alle unter;
dann kröchen wir wieder aus dem Dreck
und wären, wie sonst, recht munter.

Wilhelm Busch, aus: Kritik des Herzens

Die Nachbarskinder

11. 7. 2015

Wer andern gar zu wenig traut,
hat Angst an allen Ecken;
wer gar zu viel auf andre baut,
erwacht mit Schrecken.

Es trennt sie nur ein leichter Zaun,
die beiden Sorgengründer;
zu wenig und zu viel Vertraun
sind Nachbarskinder.

Wilhelm Busch, aus: Schein und Sein

Schein und Sein

27. 6. 2015

Wilhelm Busch:
Schein und Sein

Mein Kind, es sind allhier die Dinge,
gleichwohl, ob große, ob geringe,
im wesentlichen so verpackt,
dass man sie nicht wie Nüsse knackt.

Wie wolltest du dich unterwinden,
kurzweg die Menschen zu ergründen.
Du kennst sie nur von außenwärts.
Du siehst die Weste, nicht das Herz.

Haarige Sache

13. 6. 2015

Wenn alles sitzen bliebe,
was wir in Hass und Liebe
so voneinander schwatzen;
wenn Lügen Haare wären,
wir wären rau wie Bären
und hätten keine Glatzen.

Wilhelm Busch, aus: Kritik des Herzens

Ein Prosit auf die Evolution

28. 2. 2015

Sie stritten sich beim Wein herum,
was das nun wieder wäre;
das mit dem Darwin wär gar zu dumm
und wider die menschliche Ehre.

Sie tranken manchen Humpen aus,
sie stolperten aus den Türen,
sie grunzten vernehmlich und kamen zu Haus
gekrochen auf allen vieren.

Wilhelm Busch, aus: Kiritk  des Herzens

Aus der gehässigen Abteilung, in heiterer Verpackung

31. 1. 2015

Die erste alte Tante sprach:
»Wir müssen nun auch dran denken,
was wir zu ihrem Namenstag
dem guten Sophiechen schenken.«

Drauf sprach die zweite Tante kühn:
»Ich schlage vor, wir entscheiden
uns für ein Kleid in Erbsengrün,
das mag Sophiechen nicht leiden.«

Der dritten Tante war das recht:
»Ja«, sprach sie, »mit gelben Ranken!
Ich weiß, sie ärgert sich nicht schlecht
Und muss sich auch noch bedanken.«

Wilhelm Busch, Aus: Kritik des Herzens

Überall dabei

27. 11. 2014

Wirklich, er war unentbehrlich!
Überall, wo was geschah
zu dem Wohle der Gemeinde,
er war tätig, er war da.

Schützenfest, Kasinobälle,
Pferderennen, Preisgericht,
Liedertafel, Spritzenprobe,
ohne ihn, da ging es nicht.

Ohne ihn war nichts zu machen,
keine Stunde hatt‘ er frei.
Gestern, als sie ihn begruben,
war er richtig auch dabei.

Wilhelm Busch, aus: Kritik des Herzens


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