Posts Tagged ‘Sterben’

Wie die Alten sungen?

15. 11. 2013

Ja, Herr Jesu, bei dir bleib ich
so in Freude wie in Leid;
bei dir bleib ich, dir verschreib ich
mich für Zeit und Ewigkeit.
Deines Winks bin ich gewärtig,
auch des Rufs aus dieser Welt;
denn der ist zum Sterben fertig,
der sich lebend zu dir hält.

Bleib mir dann zur Seite stehen,
graut mir vor dem kalten Tod
als dem kühlen, scharfen Wehen
vor dem Himmelsmorgenrot.
Wird mein Auge dunkler, trüber,
dann erleuchte meinen Geist,
dass ich fröhlich zieh hinüber,
wie man nach der Heimat reist.

Philipp Spitta (Bei dir, Jesu, will ich bleiben, Strophen 4 und 6)

Vorgefertigte Liturgie hält auf Distanz

7. 11. 2013

Sie wusste, es geht aufs Sterben und sie ließ mich rufen um das Abendmahl zu bekommen. Da bin ich nun.

Sie liegt im Bett. Schmales Gesicht,  spitzes Kinn – ja, sie weiß es. Sie ist bei vollem Bewusstsein.

Am Bett sitzt neben der Tochter eine alte Freundin. Sie ist da, auch wenn das Reisen ihr Mühe macht. Wir feiern eine kleine Feier zu Viert. Sehr dicht.

Am Schluss spüre ich: Die Sterbende braucht einen eigenen Zuspruch, bevor ich mit dem Segen schließe. Ich spreche das an. Sie ist einverstanden und blickt zu mir auf. Ich fasse ihre Rechte, lege ihr die Linke aufs Haupt.  Sie schaut mich mit großen Augen an. Schaut und schaut, sie ist nur Blick. Ich schaue zurück, mein Blick weicht nicht aus. Sie hält meine Hand fest. Ich spreche ein Segenswort. Sie schaut und schaut. Fester Griff in meiner und ihrer Hand. Eine Träne kullert ihr die Wange herab, wir schauen uns weiterhin an. Weitere Tränen kommen still. Ich höre links von mir ein Schniefen, bald auch ein zweites. Und merke, meine Augen werden feucht, bei mir kullert es auch.

Nach einer Weile setze ich mich wieder auf meinen Stuhl. Die alte Freundin zieht die Brille ab und wischt sich mit einem Taschentuch die Augen. Ich tu es ihr gleich.

Schließlich fassen wir uns an den Händen, ich spreche den Segen. Wieder halte ich die Hand der alten Frau. Wieder schauen wir uns an, lange.

Was erspart man sich doch, wenn man sich an die vorgefertigte Liturgie hält.

Auch er, ja auch er…

15. 4. 2013

Natürlich, die Nachrufe priesen ihn in den höchsten Tönen. Auch zu seinen Lebzeiten hätten ihm Lobhudeleien keinen Cent gebracht. Aber vielleicht der Seele in dem zum Schluss zerschundenen Körper gutgetan.

Das Leben kann so verlogen sein. Erst recht, wenn die Akteure mitlügen. Suchtstrukturen von vorn bis hinten. Aber wer durchschaut das schnell genug? Natürlich hat er sich selbst ruiniert. Deshalb ist er auch selbst gestorben. Gerade mal über Fünfzig.

Die Ruhmesreden helfen über das schlechte Gewissen hinwegzukommen. Dieses Leben war verpfuscht. Unrettbar. Und plötzlich Schluss. Das hatte ungeheurer Wucht. Ein Schlag in die Magengrube: Nie wieder kannst du ihn erreichen. Auf „Zurückspulen“ drücken wäre schön gewesen. Wer einmal so überraschend Abschied nehmen musste, kennt das Verlangen – und weiß, wie schwer Kopf und Herz begreifen…

 

Ein saures Aufstoßen zum Wochenbeginn. Sorry. Ab und zu einen Roten? Ich will das jetzt nicht diskutieren. Und Nachrufe? Bitte nicht warten! Schon jetzt an die bekannten Adressen. Sofort!

Bleibt sauber und kommt ohne Rausch durch die Woche!

Zum Gedenken an den ungenannten Erwähnten und die anderen Opfer des selbstgepanschten Unglücks. Und mal wieder: Nein, nicht aktuell und auch kein Jahrestag. Myriam Bryant hat das angestoßen…

Wenn Bibelleser sterben, ein zweiter Teil

1. 2. 2013

Der alte Herr ist in den Neunzigern gewesen und blieb bis auf den letzten Tag frisch im Kopf.

Kurz vor seinem neunzigsten Geburtstag treffe ich ihn auf der Straße, frage, wie es ihm geht. Er antwortet: „Der Psalm sagt doch: ‚Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre.'“ Und er ergänzt lachend: „Um fast zehn Jahre habe ich mein Konto überzogen, ich lebe auf Pump.“

Wenn Bibelleser sterben

29. 1. 2013

Am 29. Dezember kam er auf Intensiv. Erst sah es gut aus. Dann ging es ganz plötzlich bergab mit allem und so ist der alte Herr aus der Welt gegangen.

Abends, beim Gespräch im Haus des Verstorbenen:

„Wissen Sie, was wir unter anderen Papieren auf seinem Schreibtisch gefunden haben?“

Ich bekam einen Andachtskalender zu sehen.
Obenauf das Kalenderblatt vom 28. Dezember.
Oben stand:

Simeon sprach: Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast.
Lk 2, 29

Es traf, dieses Wort.

Rückblick, Abschied

12. 9. 2012

Gerne hätte ich den Musiker und einige Sänger am Bett des Sterbenden versammelt und das Lied vom Lachen und Vogelflug singen lassen. Vielleicht wäre ihm dann das Weggehen leichter gefallen.

Aber es ging nicht.

Er war an der Grenze des Todes und hat sich so schwer getan.

Das ist nun herum. Gestern Mittag ist er gestorben.

Vor langer Zeit, als er noch bei Kräften war, hat er uns einmal  sehr geholfen. Für ihn war es eine selbstverständliche Pflicht. Dank wollte er nicht.

Auf Gottes Agenda steht nun:

  • In die Arme schließen und in den Himmel aufnehmen.

Fragt mich nicht wie und was; ich meine, es muss so sein.

Was kommt danach?

6. 11. 2008

November – der Monat zum Thema Tod und Sterben. „Was kommt denn danach?“, fragte mich jüngst ein Bekannter. Mein Kopf weiß es nicht; er sieht die netten Äußerungen der Bibel, noch viel stärker aber den Tod und die Verwesung.

Aber mein  Herz hofft und glaubt: Wenigstens eine Hand, die uns auffängt, ein Netz, das sich spannt, wenn wir fallen. „Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes“ – nach Römer 8. Das zumindest. Nicht weniger und vielleicht nicht mehr.

Die teils bunten, knalligen Bilder in der Bibel sind weit weg. Wenn es gut geht, nehmen sie einen mit, wie ein guter Roman: Du tauchst ein in (more…)


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