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Wann sind wir endlich da?

12. 4. 2011

In Fulda setzte sich die Oma mit dem Enkel in die Reihe vor mir. Vermutlich hatte sie den kleinen Jason ein paar Tage gehütet, denn sie schien etwas überfordert. Irgendwann machte sich Jason, geschätzt zwischen vier und fünf, selbständig und machte Turnübungen. Eine gute Chance, seine Aggression auszuleben. Er stellte sich zwischen zwei Reihen, stemmte sich hoch und strampelte wild mit den Beinen.

Mir kam es ein bisschen sehr aggressiv vor. Na ja. Irgendwann traf er mein Schienbein. Ich war erbost und äußerte das spontan und eindeutig. Großmutter raunte ihm etwas zu. Held Jason schaute mich entschlossen an, hielt die Lippen zusammen und murmelte „Mschulmemm-m“. Ich ahnte, was das heißen sollte, aber ein bisschen deutlicher könnte er ja doch noch. „Was hast du bitte gesagt?“ „Ömschulmimumm.“ Das akzeptierte ich. Ich musste ja nicht Jasons Logopäde werden.

Dann krabbelte er auf seinen Sitz, ließ sich was aus einem Buch vorlesen, traktierte den auf leise gestellten Gameboy, bekam von Oma etwas zu essen. Nahezu himmlische Ruhe, ich konnte sogar ein wenig dösen.

So verging die Zeit. Ich, wieder munter, sah Jason im Gang. Er spielte mit einem anderen Kind. Wie schön Bahnfahren sein kann!

Leider war der Spielkumpel bald ausgestiegen und Jason begann wieder seine Sportübung. Natürlich hielt er gebührenden Abstand zu mir. Aber nun dachte ich mir: Er ist gelangweilt und ich kriege eh nichts anderes getan, dann ans Werk zum Rollenwechsel! So winkte ich ihn her zu mir und raunte ihm zu: „Hast du Langeweile?“ Er nickte, und das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Sie hielt bis zum Hauptbahnhof Leipzig.

Er setzte sich neben mich, wir tauschten unsere Namen aus, er ließ sich von Oma ein Spielzeugauto reichen und ließ es über Sitze und Lüftungsschlitze sausen. Wir schauten uns ein paar Fotos in der unvermeidlichen „mobil“ an. Schöne Tierbilder gab es da.

Und derlei Späße mehr. Das Vertrauen wuchs und er sagte mir sogar seinen ganzen Namen: „Jason Gebastian Kurz“. Wie gesagt, ich musste ja nicht sein Logopäde werden.

Leipzig kam, die ersehnte Mama war nicht mehr weit, er warf sich sein Rucksäckchen um und schnappte den eingetüteten Roller. Der junge Sachse sagte natürlich (ich bin vielleicht doch ein verhinderter Logopäde) immer „Rollor“ dazu. Wir verabschiedeten uns und ich hatte ab Leipzig den Weg durch die sächsische Provinz vor mir. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.


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