Posts Tagged ‘Krieg’

Gesteigertes Unheil

22. 6. 2016

Heute vor 75 Jahren begann der Angriff des Deutschen Reichs auf die Sowjetunion. Gut anderthalb Jahre zuvor hatten sich die beiden Diktaturgiganten verbündet und Polen aufgeteilt. Und dann kam der Angriff, ohne Vorwarnung, ohne Kriegserklärung.

Ein Angriffskrieg, auch im weiteren unmoralisch, im Umgang mit Zivilisten und  Kriegsgefangenen. Da es gegen den Bolschewismusging, waren aber alle in der Wehrmacht einverstanden.

Und am Schluss, 1945, war millionenfach Leid und Unrecht geschehen.

Es wäre noch viel mehr zu sagen. Es haben andere getan oder tun es in diesen Tagen.

An meinen Niemals-Onkel habe ich vor vier Jahren erinnert.

Mir bleibt dieser Tag als Zeichen großen Unglücks in Politik und Geschichte.

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Landleben März 1945

3. 5. 2016

Der Mann ist Jahrgang 29 und erinnert sich:

Er wurde wie viele, zum Kriegsende eingezogen. 30 Kilometer vom Heimatort war er stationiert. Eines Morgens waren alle anderen weg. Bis auf ihn und einen anderen Jungen. Die Front war nähergerückt. Auch die Beiden wollten nicht Kanonenfutter werden.

Was jetzt? Nach Hause! Zu Fuß und manchmal auf Gespannen, immer wieder aufgehalten wegen der Tiefflieger,  war er zwei Tage später wieder bei den Eltern. Die Mutter war nicht nur erfreut. „Du bist wohl wahnsinnig! Du bist jetzt fahnenflüchtig. Wenn man dich erwischt, dann ist es aus.“ Und sie wusste Rat: „Geh runter in den Kohlenkeller, unter der Treppe.“ Dort harrte er aus.

Einen Tag später bekam er mit, wie ein Auto vorfuhr. Feldjäger! Natürlich, das Elternhaus, lag ja nahe. Seine Mutter schoss aus der Tür. Die Soldaten hatten kaum nach dem Sohn gefragt, da legte sie los: „Es ist Krieg, mein Sohn ist irgendwo Soldat, ich weiß nicht, wo er ist, und ihr wagt es hierherzukommen? Bringt ihn mir gesund wieder!“

Schritte, die Wagentüren schlugen zu, der Motor sprang an und weg waren sie.

The Same Old Theme

25. 3. 2016

Karfreitag

Brüssel, Le Vernet, Srebrenica – Namen, die gestern in den Nachrichten zu hören waren; sie stehen für Gewalt und sinnlosen Tod.

The Cranberries, Zombie

Für Irland mag es stimmen, dasselbe alte Lied erklinge seit 1916 immer wieder. Es erklingt, seitdem Kain den Abel erschlug.

[Nein, das ist nicht wörtlich zu nehmen. Es ist Urgeschichte und beschriebt, dass seit Menschengedenken, also ziemlich von Anfang, die Aggression, die Gewalt, das Totschlagen da waren.]

Es erklang in Srebenica, in Auschwitz, Goma oder jüngst in Brüssel.

Nicht umsonst das Kreuz im Video. Nicht das Bild. das Wort vom Kreuz rettet: Gott will Frieden, ein Ende des Opferns, des Schlachtens und macht sich selbst klein und zum Opfer. Damit der Mensch frei werden kann. Aggression udn Gewalt sind seither nicht abgeschafft. Nur weiß man seither deutlich, dass es anders geht. Und dass Gott solche Gewalt und diese Tode nicht will.

Friedensdemo im Fotolabor

15. 7. 2014

Opa war in den braunen Zeiten Mitläufer. Zu Hause sagte er „Die Verbrecher“, wenn er von den Nazis sprach. Niemand hat ihn denunziert.

Im 1. Weltkrieg  hat er das Eisernes Kreuz 2. Klasse und die Württembergische Militärverdienstmedaille in Silber bekommen (als Rheinländer!). Doch sein Herz schlug links und er wusste, für wen er den Kopf hinhalten durfte: Für Kaiser und Industrie.

Im Nachlass fand sich dieses Foto.

Wir haben den Krieg satt

Die Inschrift an der Wand ist nachträglich eingefügt worden, wie man bei genauerem Nachsehen entdecken kann. (Analoges Photoshop des frühen 20. Jahrhunderts, sozusagen.) Anders wäre es zu riskant gewesen.

Erinnerungen – fast eine Momentaufnahme

26. 6. 2014

Auf einer Jubiläums-Konfirmation:  Ein Jubilar gibt Erinnerungen zum Besten. Anders als die anderen ist er ein “Schriftgelehrter”: Damals Lehrerkind, dann selbst Lehrer geworden.

Er hat ein paar handschriftliche Notizen, die kurzweilig zu hören sind. Der Vater wurde in der Nazizeit in den Ort strafversetzt und musste auch ein Mal wegen politischer Unbotmäßigkeit ein paar Tage ins Gefängnis. Nach dem Krieg hatten es auf dem Dorf die Bauern leichter, ein Dorflehrer hat weder Kühe noch Äcker.

“Eines Tages”, erzählt der Jubilar, “hatten wir so wenig, da musste ich mit meinem Vater betteln gehen, in die Nachbardörfer. Von einer Bäuerin bekamen wir ein Butterbrot mit Gelee, das wollte ich mit meinem Vater teilen. Aber er sagte, er hätte keinen Hunger. Da habe ich es natürlich gerne gegessen.

Am Abend kamen wir nach Hause – mit drei Kartoffeln.

Am andern Morgen kam ich in die Küche – und  da stand ein Eimer voll mit Kartoffeln auf dem Tisch.”

Seine Stimme wird bei den letzten Worten brüchig, die Augen werden ihm feucht. “Entschuldigung”, sagt er, und fährt fort: “Als mein Vater mich sah, sagte er: ‘Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben gestohlen.’” Pause, seine Mundwickel zucken.

Ein Jubilar gegenüber schluchzt auf und hat nasse  Augen.

Und schon weiter im Text…

Lesestoff zum Beitrag gestern

22. 5. 2014

Ich bedanke mich für euer Interesse und die anregenden Kommentare.

Wesentliche Hilfe für Kopf und Herz erhielt ich durch zwei Bücher von Sabine Bode:

Die vergessene Generation: Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen
und
Kriegsenkel: Die Erben der vergessenen Generation.

Das erste Buch habe ich verschlungen; es half mir die Generation der Nachgeborenen zu verstehen. (Es geht um die Menschen der Jahrgänge 1930 bis 1945.)

Das zweite Buch konnte ich nur häppchenweise verkraften, denn  ich merkte bald: Da bin ich! Auch wenn ich nicht in das Schema passe (20-er-jahrgänge, wohl gemerkt), die Lektüre ließ mich über die eigene  Familiengeschichte nachdenken. Und ich verstand auch, warum manche Gleichaltrige schwere Geschichten am eigenen Leibe und an der Seele ausgetragen haben.

In und um Ypern

6. 9. 2013

Ich hatte als Teilnehmer der deutsch-belgischen Tagung Gelegenheit, einen Friedhof (Essex Farm Cemetrery) gezeigt zu bekommen, das Kriegsmuseum (eher Antikriegsmuseum) „In Flanders Fields“ zu besichtigen und „The Last“ Post“ am Menentor zu verfolgen.

Der Ieprer Werbefilm zeigt in der ersten Minute Streifzüge durch das Museum.Hier wird nicht mehr zwischen Guten und Bösen unterschieden, weil so viele unter diesem Krieg gelitten haben, an erster Stelle die Zivilisten, aber auch die Soldaten in den Gräben. Unsere Gruppe hatte nur 50 Minuten Zeit, das reicht für einen gründlichen Besuch nie und nimmer. Zwei Stunden dürfen es schon sein.

The Last Post ist in Wikipedia gut dokumentiert. Die Bilder und Töne sind am Schluss des Films.

Wer Gelegenheit hat, nach Ieper zu kommen, sollte sie nutzen. Wer keine hat, sollte sie sich schaffen. Bei Gelegenheit.

Auf Flanderns Feldern

5. 9. 2013

„In Flanders Fields“ „ist eines der bekanntesten englischsprachigen Gedichte über den Ersten Weltkrieg.“ (wikipedia)

In Flanders fields the poppies blow
Between the crosses, row on row,
That mark our place; and in the sky
The larks, still bravely singing, fly
Scarce heard amid the guns below.

We are the Dead. Short days ago
We lived, felt dawn, saw sunset glow,
Loved and were loved, and now we lie
In Flanders fields.

Take up our quarrel with the foe:
To you from failing hands we throw
The torch; be yours to hold it high.
If ye break faith with us who die
We shall not sleep, though poppies grow
In Flanders fields.

Die dritte Strophe hat noch Pathos, wie es damals zu sein hatte, doch  verhalten genug um nicht wie Hurrapatriotismus zu klingen. Hier die deutsche Übersetzung.

Der Autor, der Sanitätsarzt John McCrae, verarbeitet in seinem Gedicht die Nachricht vom Tod eines Freundes an der Front. Der Legende nach hat er das Gedicht auf der Fahrt eines Krankentransports in ein Krankenhaus in der Nähe, in zwanzig Minuten, heruntergeschrieben. McCrae hatte schon – die zweite Legende – das Gedicht weggeschmissen, aber ein andere Offizier fand es, gab es an Zeitungsredaktionen weiter und Ende 1915  kam es in der Zeitschrift „The Punch“ heraus  Seither ist es in Großbritannien (und wohl auch anderen englischsprachigen Ländern) sehr populär. Und beschert den Soldatenfriedhöfen des Commonwealth Plastikmohnblumen..

Traurig: John McCrae starb 1918, mit 45 Jahren, an einer Lungenentzündung. An Krankheiten und Seuchen starben viele Soldaten des Ersten Weltkriegs, nicht nur durch Kampfhandlungen.

Höchstens 95 Jahre alt

4. 9. 2013

In Ypern (flämisch Ieper) ist kein Haus, kein Baum, kein Strauch älter als 95 Jahre alt. Die Gegend war eine der am stärksten umkämpften Frontabschnitte im 1. Weltkrieg. Auf kleinster Fläche in vier Jahren 500.000 vernichtete Menschenleben. Die Hügelkette um die Stadt war von deutschen Truppen besetzt. Ihnen gegenüber, in der Stadt, belgische und britische Heere.

Die Begegnungstagung der deutsch-belgischen Protestanten tagte in der Nähe von Ypern, zum Thema „Vom Thema Krieg und Frieden – Zur Erinnerung an den 1. Weltkrieg vor 100 Jahren“. Am letzten vollen Tag hatten wir neun Stunden, um einiges von der Stadt und der Geschichte zu erfahren. Zu kurz, um alles ausführlich anzuschauen. Lang genug, um zu spüren: Die Schrecken dieses Krieges sind noch nah.

1919 kehrte die Bevölkerung wieder zurück in die (nun) „tote Zone“. Zehn Jahre dauerte der Wiederaufbau. Heute wird in Ypern wieder gelebt und geliebt und gelacht. Und erinnert und getrauert.

Immer Mist

2. 9. 2013

Arlissa besingt deutlich den Beziehungskrieg. Aber die (Sprach-)Bilder kommen vom Militärischen her. Das ist uns in diesen Tagen näher gerückt.

Krieg ist immer Mist. So herum wie so herum.

Viel Schwung und viele friedliche Gedanken für diese Arbeitswoche!

Zur Erinnerung

6. 8. 2013

Am 6. August 1945 wurde die erste Atombombe abgeworfen. Hiroshima.

Am 9. 8. auf Nagasaki.

Die Erinnerung daran wachhalten. Damit es sich nicht wiederholt.

Schon 2009 im Blog

Quer liegen aus Leidenschaft?

19. 6. 2013

Manches bei ihm beeindruckt mich. Sein Buch „Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte: Die Pläne der Nazis nach dem Endsieg“ halte ich für äußerst lehrreich – und erschreckend.

Ralph Giordano hat mit runden Neunzig ein Interview gegeben. Ein querköpfiger Selbstdarsteller. Nun kommt er sehr nachdenklich daher. Hier der Link zum Kölner Stadtanzeiger.

Tag der Verbrecherbande

30. 1. 2013

Heute vor 80 Jahren ernannte der damalige deutsche Reichspräsident einen neuen Reichskanzler. Auf ihm ruhten die Hoffnungen von Millionen. Nur wenige durchschauten ihn. Wer sich durch sein Grundlagenwerk gequält hatte, ahnte: Der bringt Terror und Krieg. Nach dem 30. Januar 1933 wurde immer mühsamer ein Schein des Rechts gewahrt. Und schließlich kam es, wie befürchtet.

„Mein Vater hat die Nazis immer nur ‚die Verbrecher‘ genannt“, erzählte eines Abends mein Vater*. Der mit vielen, wenn auch nicht allen Wassern gewaschen war: Klares Taufwasser zur Konfirmation und zugleich braune Brühe in der politischen Erziehung.

Ich, Nachgeborener, wusste, es war leicht, Eltern zu denunzieren – und geschah auch. „Und du hast ihn nicht verpfiffen?“ „Nein.“

Auf die Frage, warum, konnte er nichts sagen. So sieht Familien-Solidarität aus..

* Am Stichtag 12 Jahre alt.

Soldat spielen geht nicht

14. 11. 2012

Ich stieß neulich auf den Bericht über Scott Ostrom: Er zog als Elite-Soldat in den Irak und kam als seelisches Wrack zurück. Der Weg zurück ins Leben ist mühsam.

Eine kürzere Fassung des Berichts findet sich im Rundbrief der Aktion „Ohne Rüstung leben“, Seite 5 bis 7.

Über meine Glückssucht

17. 6. 2012

Hurra, dank Bundespräsident weiß ich jetzt: Ich bin glückssüchtig! Genauer: Ich bin Teil einer glückssüchtigen Gesellschaft.

Ich kann es nämlich wirklich nur schwer ertragen, dass es wieder deutsche Gefallene gibt.

Den Bruder meiner Mutter konnte ich nie Onkel nennen, weil er 16 Jahre vor meiner Geburt gestorben ist. Er war Soldat. Er wurde getötet. Er war ein deutscher Gefallener.

Ich hätte ihn lieber kennengelernt als nur seine Fotos zu betrachten.
Ich wäre lieber zu der Bestattung eines 80-jährigen Onkels gefahren als über die  Umbettung eines 22-jährigen in Nordwestrussland zu lesen.

Dank meiner Erziehung,
die zum überwiegenden Teil meine Mutter übernahm,
finde ich, das Wort „Gefallener“ beschönigt einen meist grausamen, schmerzvollen Tod.

Und dank dieser Erziehung dreht sich mir der Magen um,
wenn ich das Wort „Vaterland“ höre.

Vermutlich verdanke ich es auch dieser Erziehung, dass ich – etwa seit Mitte der Neunziger – bei der „verantwortungsvollen Rolle, die Deutschland in der Welt übernehmen muss“ immer an Willem Zwo denken muss und seinen „Platz an der Sonne“.

Ich bin glückssüchtig. Und vermutlich ein ganz, ganz schwerer Fall.

Alt und aktuell

30. 12. 2009

Chritsian Morgenstern schrieb 1904:

„Lehrer-Komödie. Die Armut der Lehrer, während die Staaten Unsummen für die Wehrmacht hinauswerfen. Da sie nur Lehrer für 600 Mark sich leisten können, bleiben die Völker so dumm, dass sie sich Kriege für 60 Milliarden leisten müssen.“

(Stufen, Teddington [Großbritannien] 2006, Seite 84)

Die Geldangaben stimmen nicht mehr. Man muss sie nur im Verhältnis umrechnen. Und Lehrer gelten nicht unbedingt mehr als arm. Aber auch die Kriege sind unverhältnismäßig teurer geworden.


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