Posts Tagged ‘Kalendergeschichte’

Landleben März 1945

3. 5. 2016

Der Mann ist Jahrgang 29 und erinnert sich:

Er wurde wie viele, zum Kriegsende eingezogen. 30 Kilometer vom Heimatort war er stationiert. Eines Morgens waren alle anderen weg. Bis auf ihn und einen anderen Jungen. Die Front war nähergerückt. Auch die Beiden wollten nicht Kanonenfutter werden.

Was jetzt? Nach Hause! Zu Fuß und manchmal auf Gespannen, immer wieder aufgehalten wegen der Tiefflieger,  war er zwei Tage später wieder bei den Eltern. Die Mutter war nicht nur erfreut. „Du bist wohl wahnsinnig! Du bist jetzt fahnenflüchtig. Wenn man dich erwischt, dann ist es aus.“ Und sie wusste Rat: „Geh runter in den Kohlenkeller, unter der Treppe.“ Dort harrte er aus.

Einen Tag später bekam er mit, wie ein Auto vorfuhr. Feldjäger! Natürlich, das Elternhaus, lag ja nahe. Seine Mutter schoss aus der Tür. Die Soldaten hatten kaum nach dem Sohn gefragt, da legte sie los: „Es ist Krieg, mein Sohn ist irgendwo Soldat, ich weiß nicht, wo er ist, und ihr wagt es hierherzukommen? Bringt ihn mir gesund wieder!“

Schritte, die Wagentüren schlugen zu, der Motor sprang an und weg waren sie.

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Denkwürdig

6. 11. 2013

Johann Peter Hebel: Die leichteste Todesstrafe

Man hat gemeint, die Güllotine sei’s. Aber nein! Ein Mann, der sonst seinem Vaterland viele Dienste geleistet hatte und bei dem Fürsten wohl angeschrieben war, wurde wegen eines Verbrechens, das er in der Leidenschaft begangen hatte, zum Tode verurteilt. Da half nicht Bitten, nicht Beten. Weil er aber sonst bei dem Fürsten wohl angeschrieben war, ließ ihm derselbe die Wahl, wie er am liebsten sterben wolle; denn welche Todesart er wählen würde, die sollte ihm werden.

Also kam zu ihm in den Turn der Oberamtsschreiber: »Der Herzog will Euch eine Gnade erweisen. Wenn Ihr wollt gerädert sein, will er Euch rädern lassen; wenn Ihr wollt gehenkt sein, will er Euch henken lassen. Es hängen zwar schon zwei am Galgen, aber bekanntlich ist er dreischläferig. Wenn Ihr aber wollt lieber Rattenpulver essen, der Apotheker hat. Denn welche Todesart Ihr wählen werdet, sagt der Herzog, die soll Euch werden. Aber sterben müsst Ihr, das werdet Ihr wissen.«

Da sagte der Malefikant: »Wenn ich denn doch sterben muss, das Rädern ist ein biegsamer Tod, und das Henken, wenn besonders der Wind geht, ein beweglicher. Aber Ihr versteht’s doch nicht recht. Meines Orts, ich habe immer geglaubt, der Tod aus Altersschwäche sei der sanfteste, und den will ich denn auch wählen, und keinen andern«, und dabei blieb er und ließ sich’s nicht ausreden. Da musste man ihn wieder laufen und fortleben lassen, bis er an Altersschwäche selber starb. Denn der Herzog sagte: »Ich habe mein Wort gegeben, so will ich’s auch nicht brechen.«

Dies Stücklein ist von der Schwiegermutter, die niemand gerne umkommen lässt, wenn sie ihn retten kann.


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