Posts Tagged ‘Heilige’

Halber Mantel und die Folgen

18. 11. 2015

„Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. „
Matthäus 25, 40

Das hört auch Sankt Martin in seinem Traum. In der Nacht, nachdem er den Mantel mit dem Bettler geteilt hat. Und der Bettler, so sagt der Traum, ist niemand anders als Jesus Christus selbst.

Dass jemand reitet, ist kein Problem. Dass jemand seinen Mantel mit dem Schwert teilt, ist originell. Einzigartig ist der Traum. Er ist die Pointe der Geschichte. Und doch wird er gerne vergessen.

Ein wichtiger Heiliger

25. 4. 2015

Der heilige Pardauz

Im Inselwald ›Zum stillen Kauz‹,
da lebt der heilige Pardauz.

Du schweigst? Ist dir der Mund verklebt?
Du zweifelst, ob er wirklich lebt?

So sag ichs dir denn ungefragt:
Er lebt, auch wenn dirs missbehagt.

Er lebt im Wald ›Zum stillen Kauz‹,
und schon sein Vater hieß Pardauz.

Dort betet er für dich, mein Kind,
weil du und andre Sünder sind.

Du weißt nicht, was du ihm verdankst, –
doch dass du nicht schon längst ertrankst,

verbranntest oder und so weiter –
das dankst du diesem Blitzableiter

der teuflischen Gewitter. Ach,
die Welt ist rund, der Mensch ist schwach.

Christian Morgenstern

Heilige des Alltags

6. 12. 2013

Heilige des Alltags: Manchmal nimmt man liebe und freundliche Menschen wahr und ahnt nicht, was sie mit sich herumtragen. Eine Geschichte, eine Sorge, eine Not hätte sie klein oder aggressiv oder giftig machen können. Und dann haben sie ihre Geschichte, ihre Sorge, ihre Not – niemand ahnt etwas – und sie strahlen Gutes aus.

Unbekannt sind sie manchmal auch, weil wegen Seelsorgegedöns keine Namen da stehen dürfen und die Geschichten hinter den Namen auch nicht, weil man auf Namen käme. Was dann dem Seelsorgegedöns widerspräche – einfach weil Seelsorge doch kein Gedöns ist.

Sie sind unerkannt, unbekannt und es gibt sie. Ich hatte vor ein paar Tagen eine Begegnung und um niemanden (mich eingeschlossen) wegen der Seelsorge auch nur annähernd in Schwierigkeiten zu bringen, eine alte Geschichte.

Ein liebenswerter alter Mann, für jeden ein freundliches Wort, mit Witz und Augenzwinkern. Seine Frau war vor Jahren gestorben. Im Kreise gleichalter Damen – und da hatte er Auswahl – war er ein  Charmeur, ein liebenswerter Hahn im  Korb. Wenn er redete, klang es komisch: ein Dialekt östlich der Elbe färbte die Sprache.

An einem Abend, nach dem Kreis in der Gemeinde damals, gab es noch ein gemütliches Treffen und der Wein löste seine Zunge. Er erzählte, unter welch abenteuerlichen Umständen er von dort nach hier kam. Er war Soldat. Hat sich durchgeschlagen, eine Soldat-Schwejk-Variante. Seine Frau war zu Hause. Hat sich aufgemacht gen Westen, die Front hat den Treck überrollt. Irgendwann hatten sie sich wieder. Und irgendwann, irgendwann, viel später, hat die Frau ihrem Mann gestanden, dass sie von Rotarmisten vergewaltigt worden war. Sie fühlte sich schuldig. Hatte Angst mit sich herumgetragen, ihr Mann werde sie verstoßen. Er, das Herz auf dem rechten Fleck, hat doch gewusst, welche Umstände dazu geführt hatten. Und dann lagen sie sich heulend in den Armen, minutenlang. Versöhnt über etwas, wofür keiner der beiden etwas konnte.

Er hatte beim Erzählen feuchte Augen bekommen. Ich, damals noch kopfbetonter als heute, war tief berührt.

Manchmal, habe ich daraus gelernt, manchmal nimmt man liebe und freundliche Menschen wahr und ahnt nicht, was sie mit sich herumtragen. Eine Geschichte, eine Sorge, eine Not hätte sie klein oder aggressiv oder giftig machen können. Und dann haben sie ihre Geschichte, ihre Sorge, ihre Not – niemand ahnt etwas – und sie strahlen Gutes aus.

So auch neulich bei…, aber ihr wisst schon, Seelsorgegedöns. 😉

Nachtrag (habe ich in einem Kommentar geschrieben): Die Wüstenväterlegenden schicken Mönchsschüler oft zu einem Heiligen in der Stadt. Unter der genannten Adresse finden sie einen Schuster, der still und bescheiden das lebt, was der Schüler erstrebt. Ich vergaß zu erwähnen: Der sympathische Herr war im Berufsleben Schuster gewesen. 😉

Die Heiligen

1. 11. 2013

Eine Andacht für den Pfarrkonvent, 2012 geschrieben und für diesen Tag aufgehoben. Ein echter Feiertag für mich.

AUGSBURGER BEKENNTNIS,
ARTIKEL 21:VOM DIENST DER HEILIGEN

Vom Heiligendienst wird von den Unseren so gelehrt, dass man der Heiligen gedenken soll, damit wir unseren Glauben stärken, wenn wir sehen, wie ihnen Gnade widerfahren und auch wie ihnen durch den Glauben geholfen worden ist; außerdem soll man sich an ihren guten Werken ein Beispiel nehmen, ein jeder in seinem Beruf. […]  Aus der Heiligen Schrift kann man aber nicht beweisen, dass man die Heiligen anrufen oder Hilfe bei ihnen suchen soll. „Denn es ist nur ein einziger Versöhner und Mittler gesetzt zwischen Gott und den Menschen, Jesus Christus“ (1.Tim 2,5). Er ist der einzige Heiland, der einzige Hohepriester, Gnadenstuhl und Fürsprecher vor Gott (Röm 8,34). Und er allein hat zugesagt, dass er unser Gebet erhören will. Nach der Hl. Schrift ist das auch der höchste Gottesdienst, dass man diesen Jesus Christus in allen Nöten und Anliegen von Herzen sucht und anruft: „Wenn jemand sündigt, haben wir einen Fürsprecher bei Gott, der gerecht ist, Jesus“ ( 1. Joh 2,1) usw.

HEIDELBERGER KATECHISMUS
Frage 55

Was verstehst du unter der »Gemeinschaft der Heiligen«?

Erstens:
Alle Glaubenden haben als Glieder
Gemeinschaft an dem Herrn Christus
und an allen seinen Schätzen und Gaben.

Zweitens:
Darum soll auch jeder seine Gaben
willig und mit Freuden
zum Wohl und Heil der anderen
gebrauchen.

Wir wissen es: die Heiligen sind Beispiele.

Wir beten sie nicht an, verehren sie auch nicht.
Der katholische Heiligenkalender hat ja für jeden Tag mindestens 3 Heilige, eine Auswahl von über tausend Menschen, die alle schon nicht mehr leben und vorbildlich für uns sein können. Aber da wir es nicht mit der katholischen Tradition haben, haben wir es auch nicht so mit den Heiligen, selbst mit denen vor dem Jahr 1517.(Ausnahmen gibt es, etwa Martin, Nikolaus und Franz von Assisi.)

Wir Evangelischen haben ja zahllose andere Beispiele, die wir als Heilige anführen, wie etwa Dietrich Bonhoeffer, Mutter Theresa, Martin Luther King, ja Moment wer noch? Vielleicht noch Albert Schweitzer. Oder war das Albert Einstein, irgendwie sehen die sich so ähnlich, volles graues Haar und Schnauzbart…

und … ja, richtig, Dietrich Bonhoeffer und Mutter Theresa.

Für Experten gibt es ja doch mehr, sie stehen zum Beispiel unter heiligenlexikon.de

Dorothee Sölle hat in ihren Bibelarbeiten mit Luise Schottroff immer wieder „moderne Heilige“ gesucht, aus den letzten Jahrzehnten: Menschen, die die Befreiung vorgelebt haben. Menschen, die „dem Terrorsystem der Sünde nicht mehr untertan waren“ (Die Erde ist des Herrn, 1984). Ganz so, wie es der Heidelberger Katechismus beschreibt: sie lassen uns teilhaben an ihren Schätzen und Gaben.

Aber ob man sie wirklich nicht verehren darf? Ich habe da eine irritierende Erfahrung gemacht. (Ich meine diesen Beitrag.) Und ich kann sie mir wunderbar psychologisch erklären. (Wie auch das Wunder von Ostern.) Aber sie erst einmal mitzumachen war auch wunderbar.

Seltsame Heilige

21. 5. 2012

Meine Abwesenheit diente unter anderem dem Besuch des Katholikentags in Mannheim.

Was verbindet aufrechte Katholiken mit echten Protestanten? Sie sind…

Erst der Zusammenhang klärt auf: Das steht auf einem Fahrzeug, und gerahmt wird dieser Text von zwei Erzprotestanten.

Theomix und Hao – zwei Mal haben wir uns getroffen und unsere Katholizität ausgelotet. Wir haben gemerkt, wir mögen unsere Konfession. Dass jeder und jede das Eigne liebt, ohne das andere abzuwerten – das würde die Gemeinsamkeit zwischen den Konfessionen steigern.

„Seltsame Heilige“ sind ja noch mehr. Das findet, wer den Verlag an der Autotür sucht: Bitte, hier.

Zwickmühle

7. 7. 2010

Für I., auf die nächsten 20 Jahre!

Wo war das Handy hingekommen? Am Morgen hatte ich es noch dabei. Abends fand ich es nicht mehr. Auch das Abfahren der Morgenstrecke mit dem Rad hatte nichts gebracht. Allmählich wurde ich nervös.

Das Telefon klingelte und unterbrach mein Suchen. Das lenkte netterweise ein Weilchen ab. Irgendwann aber wurde ich wieder nervös. Ich stand auf und ging im Zimmer umher. Als auch das nicht mehr half, sagte ich: „Du, ich möchte mein Handy weitersuchen. Können wir morgen weiterreden?“ Die Freundin ist im besten Sinne katholisch und sagte mir: „Wenn du etwas verzweifelt suchst, dann musst du dich an Sankt Antonius wenden. Er ist der Heilige  des Verlorenen.“ „Da bringst du mich aber in eine schwierige Situation, so als bewussten Protestanten, da kann ich…“ Ich kam nicht weiter. Ich sah plötzlich mein Handy auf dem CD-Spieler liegen.

Seither weiß ich noch weniger, was ich jetzt mit Heiligen machen soll…


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