Posts Tagged ‘Gedicht’

Starkes Tier mit Hunger

30. 4. 2016

Christian Morgenstern:

Der Steinochs

Der Steinochs schüttelt stumm sein Haupt,
dass jeder seine Kraft ihm glaubt.
Er spießt dich plötzlich auf sein Horn
und bohrt von hinten dich bis vorn.
Weh!

Der Steinochs lebt von Berg zu Berg,
vor ihm wird, was da wandelt, Zwerg.
Er nährt sich meist – und das ist neu –
von menschlicher Gehirne Heu.
Weh!

Der Steinochs ist kein Tier, das stirbt,
dieweil sein Fleisch niemals verdirbt.
Denn wir sind Staub, doch er ist Stein!
Du möchtest wohl auch Steinochs sein?
He?

Heute wie vor 156 Jahren

23. 4. 2016

Theodor Fontane:

Albumvers
(zum 23. April 1860)

Vertage die Sorgen
bis auf morgen,
eh du’s gedacht,
kommt Hilfe über Nacht.

Kluge Leute
freun sich des Heute; –
liebe wieder, was dich liebt,
und genieße dankbar,
was Gott dir gibt!
Probatum est!

der krümel

16. 4. 2016

ein krümel lief den tisch entlang
bis ich ihn mit dem finger fang.

was sage ich? es heißt doch „fing“
ich fing das krümelige ding.

wie seltsam, dass es laufte
und nicht noch koma saufte.

moment, es heißt doch lief,
nicht laufte, was ist schief?
und soff statt saufte, unbedingt.
so ist’s, wenn man die hufe schwingt…

Vorwärtsfrühling

19. 3. 2016

Emanuel Geibel:
Hoffnung

Und dräut der Winter noch so sehr
mit trotzigen Gebärden
und streut er Eis und Schnee umher,
es muss doch Frühling werden.

Und drängen die Nebel noch so dicht
sich vor den Blick der Sonne,
sie wecket doch mit ihrem Licht
einmal die Welt zur Wonne.

Blast nur, ihr Stürme, blast mit Macht,
mir soll darob nicht bangen,
auf leisen Sohlen über Nacht
kommt doch der Lenz gegangen.

Da wacht die Erde grünend auf,
weiß nicht, wie ihr geschehen,
und lacht in den sonnigen Himmel hinauf
und möchte vor Lust vergehen.

Sie flicht sich blühende Kränze ins Haar
und schmückt sich mit Rosen und Ähren
und lässt die Brünnlein rieseln klar,
als wären es Freudenzähren.

Drum still! Und wie es frieren mag,
o Herz, gib dich zufrieden;
es ist ein großer Maientag
der ganzen Welt beschieden.

Und wenn dir oft auch bangt und graut,
als sei die Höll‘ auf Erden,
nur unverzagt auf Gott vertraut!
Es muss doch Frühling werden.

vorfrühling (bonner hofgarten)

17. 3. 2016

als wären jahrzehnte ein flügelschlag
so sitz ich hier
begrüß die vorboten des frühlings
die sonne die vögel die sonne
ahne die wärme
das genügt fürs erste

Nähe und Distanz

12. 3. 2016

Wenn das Rhinozeros, das schlimme,
dich kriegen will in seinem Grimme,
dann steig auf einen Baum beizeiten,
sonst hast du Unannehmlichkeiten.

Wilhelm Busch, aus: Ein Muster der Schnelligkeit

Die Sache mit der Seele

5. 3. 2016

Christian Morgenstern:
Die Zirbelkiefer

Die Zirbelkiefer sieht sich an
auf ihre Zirbeldrüse hin;
sie las in einem Buche jüngst,
die Seele säße dort darin.

Sie säße dort wie ein Insekt
voll wundersamer Lieblichkeit,
von Gottes Allmacht ausgeheckt
und außerordentlich gescheit.

Die Zirbelkiefer sieht sich an
auf ihre Zirbeldrüse hin;
sie weiß nicht, wo sie sitzen tut,
allein ihr wird ganz fromm zu Sinn.

Ruhm ist nicht alles

27. 2. 2016

Wilhelm Busch:
Der Ruhm

Der Ruhm, wie alle Schwindelware,
hält selten über tausend Jahre.
Zumeist vergeht schon etwas eh’r
die Haltbarkeit und die Kulör.

Ein Schmetterling voll Eleganz,
genannt der Ritter Schwalbenschwanz,
ein Exemplar von erster Güte,
begrüßte jede Doldenblüte
und holte hier und holte da
sich Nektar und Ambrosia.

Mitunter macht er sich auch breit
in seiner ganzen Herrlichkeit
und zeigt den Leuten seine Orden
und ist mit Recht berühmt geworden.

Die jungen Mädchen fanden dies
entzückend, goldig, reizend, süß.

Vergeblich schwenkten ihre Mützen
die Knaben, um ihn zu besitzen.

Sogar der Spatz hat zugeschnappt
und hätt‘ ihn um ein Haar gehabt.

Jetzt aber naht sich ein Student,
der seine Winkelzüge kennt.

In einem Netz mit engen Maschen
tät er den Flüchtigen erhaschen,
und da derselbe ohne Tadel,
spießt er ihn auf die heiße Nadel.

So kam er unter Glas und Rahmen
mit Datum, Jahreszahl und Namen
und bleibt berühmt und unvergessen,
bis ihn zuletzt die Motten fressen.

Man möchte weinen, wenn man sieht,
dass dies das Ende von dem Lied.

Entwicklung

20. 2. 2016

Wilhelm Busch, Lieder eines Lumpen 1

Als ich ein kleiner Bube war,
war ich ein kleiner Lump;
Zigarren raucht‘ ich heimlich schon,
trank auch schon Bier auf Pump.

Zur Hose hing das Hemd heraus,
die Stiefel lief ich krumm,
und statt zur Schule hinzugehn,
strich ich im Wald herum.

Wie hab‘ ich’s doch seit jener Zeit
so herrlich weit gebracht! –
die Zeit hat aus dem kleinen Lump
’nen großen Lump gemacht.

Wo der Hund begraben liegt…

30. 1. 2016

Christian Morgenstern
Das Grab des Hunds

Gestern war ich in dem Tal,
wo der Hund begraben liegt.
Trat erst durch ein Felsportal
und dann, wo nach links es biegt.

Vorwärts drang ich ungestört
noch um ein Erkleckliches –
Ist auch niemand da, der hört?
Denn nun tat ich Schreckliches:

Hob den Stein, auf welchem steht,
welchem steht: Hier liegt der Hund –
hob den Stein auf, hob ihn – und –
sah – oh, die ihr da seid, geht!

Sah – sah die Idee des Hunds,
sah den Hund, den Hund an sich.
Reichen wir die Hände uns;
dies ist wirklich fürchterlich.

Wie sie aussah, die Idee?
Bitte, bändigt euren Mund.
Denn ich kann nicht sagen meh,
als dass sie aussah wie ein – Hund.

Winterwarten

23. 1. 2016

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben:

Der Winter und die Spatzen

Sie zwitscherten und sangen,
man hörte kaum sein Wort:
Der Winter ist gegangen
und alles Leid ist fort! –

Ei, wartet nur, ihr Spatzen!
Sollt mich schon wieder seh’n.
Das Zwitschern und das Schwatzen,
das soll euch bald vergeh’n!

Da kam der Winter wieder,
er brachte Kält‘ und Schnee;
Da gab es keine Lieder,
kein fröhliches Juchhe.

Die Spatzen aber saßen
vergnügt in Stall und Haus:
O Winter, lass das Spaßen!
Wir lachen dich doch aus.

So ist es auch ergangen:
Kaum war der Winter fort,
die Spatzen fröhlich sangen,
man hörte kaum sein Wort.

 

Winterliche Gedanken

16. 1. 2016

Dr. Owlglaß
Schneeschmelze

Die Erde schluckt alles: schluckt den Schnee,
des Winters Leid, des Lebens Weh.

Sie schluckt’s und spuckt es wieder aus,
macht Gras und Kraut und Blumen draus.

Und immer, immer ist jemand da,
der nie noch so viel Schönes sah

— bis alles wieder welkt und dorrt.
So geht das fort und ewig fort.

Stumm sitzt Gott Vater auf dem Thron.
…O Gott, was hast du bloß davon?

Auch Dr. Owlglaß darf jetzt frei zitiert werden. Mehr über ihn bei wikipedia.

Das mit den Wünschen im Zusammenhang

19. 12. 2015

Wilhelm Busch:
Niemals

Wonach du sehnlich ausgeschaut,
es wurde dir beschieden.
Du triumphierst und jubelst laut:
Jetzt hab ich endlich Frieden!

Ach, Freundchen, rede nicht so wild,
bezähme deine Zunge!
Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt,
kriegt augenblicklich Junge.

Böse Jahreszeit

12. 12. 2015

Heinrich Heine
Winter

Die Kälte kann wahrlich brennen
wie Feuer. Die Menschenkinder
im Schneegestöber rennen
und laufen immer geschwinder.

Oh, bittre Winterhärte!
Die Nasen sind erfroren,
und die Klavierkonzerte
zerreißen uns die Ohren.

Weit besser ist es im Summer,
da kann ich im Walde spazieren,
allein mit meinem Kummer,
und Liebeslieder skandieren.

Heine wurde am 13. Dezember 1797 geboren.

So gesehen ist diese Woche nichts Neues passiert

5. 12. 2015

Wilhelm Busch:
Oben und Unten

Dass der Kopf die Welt beherrsche,
wär zu wünschen und zu loben.
Längst vor Gründen wär die närr’sche
Gaukelei in Nichts zerstoben.

Aber wurzelhaft natürlich
herrscht der Magen nebst Genossen,
und so treibt, was unwillkürlich,
täglich tausend neue Sprossen.

Was sind wir oder nicht?

28. 11. 2015

Wir sind’s gewiss in vielen Dingen,
im Tode sind wir’s nimmermehr,
Die sind’s, die wir zu Grabe bringen,
und eben diese sind’s nicht mehr.
Denn, weil wir leben, sind wir’s eben
von Geist und Angesicht;
Und weil wir leben, sind wir’s eben
zur Zeit noch nicht.

Friedrich Schleiermacher zugeschrieben.

Morgensterns Tierleben: Gefährliches löst sich auf

14. 11. 2015

Meist erleichtert es, wenn sich eine Gefahr in Rauch auflöst. Hier scheint jedoch noch etwas Anderes versteckt zu sein.

Christian Morgenstern:
Das Löwenreh

Das Löwenreh durcheilt den Wald
und sucht den Förster Theobald.

Der Förster Theobald desgleichen
sucht es durch Pirschen zu erreichen,

und zwar mit Kugeln, deren Gift
zu Rauch verwandelt, wen es trifft.

Als sie sich endlich haben, schießt
er es, worauf es ihn genießt.

Allein die Kugel wirkt alsbald:
Zu Rauch wird Reh nebst Theobald …

Seitdem sind beide ohne Frage
ein dankbares Objekt der Sage.

Zeitraffer

26. 9. 2015

wenn alles, was wir treiben,
dann lassen wir es bleiben.

morgenklage/ seelenselfie

25. 9. 2015

da sitze ich und bin maulig
nichts recht, alles quer

alles egal, Gott
auch die gründe, nach Dir zu fragen
flüchtlinge, kriegstote, sklavenarbeit
ach, Gott

das glas wasser,
du quelle des lebens
die tasse gefüllt,
du himmlische kraft
leben kehrt zurück
hunger nicht nur nach brot
durst nicht nur nach kaffee

der nebel lichtet sich
da sitze ich, Gott, ich bin da
und du auch

Flüstern im Wald

19. 9. 2015

Christian Morgenstern:

Die zwei Wurzeln

Zwei Tannenwurzeln groß und alt
unterhalten sich im Wald.

Was droben in den Wipfeln rauscht,
das wird hier unten ausgetauscht.

Ein altes Eichhorn sitzt dabei
und strickt wohl Strümpfe für die zwei.

Die eine sagt: knig. Die andre sagt: knag.
Das ist genug für einen Tag.


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...diese Frage wird oft Kindern und Jugendlichen gestellt. Hier soll diese Frage an Erwachsene aus Politik und Gesellschaft gestellt werden - bei Angelegenheiten, die Kinder und Jugendliche oder auch Familien betreffen.

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