Posts Tagged ‘Gedicht’

Erfahrungen auf der Weltreise

22. 8. 2015

Die Ameisen

In Hamburg lebten zwei Ameisen,
die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee,
da taten ihnen die Beine weh,

Und da verzichteten sie weise
dann auf den letzten Teil der Reise.

Joachim Ringelnatz, 103 Gedichte

der frosch, wenn er quark möchte…

15. 8. 2015

der frosch, wenn er quark möchte,
braucht nur den mund zu öffnen
und laute von sich zu geben

der mensch, wenn er quark möchte,
muss mehr tun, laut an laut setzen,
artikulieren.

aber bedenke, mensch,
bevor du dein schicksal bejammerst,
wie schwer es die pferde haben

immer nur hafer.
und wenn sie quark möchten,
kriegen sie nur mehr hafer.

(c) theomix

Begegnung

25. 7. 2015

Joachim Ringelnatz:

Im Park

Ein ganz kleines Reh stand am ganz kleinen Baum
still und verklärt wie im Traum.
Das war des Nachts elf Uhr zwei.
Und dann kam ich um vier
morgens wieder vorbei.
Und da träumte noch immer das Tier.
Nun schlich ich mich leise – ich atmete kaum –
gegen den Wind an den Baum
und gab dem Reh einen ganz kleinen Stips.
Und da war es aus Gips.

Joachim Ringelnatz

Rätselhaftes im Wald

16. 5. 2015

Christian Morgenstern:

Geiß und Schleiche

Die Schleiche singt ihr Nachtgebet,
die Waldgeiß staunend vor ihr steht.

Die Waldgeiß schüttelt ihren Bart,
wie ein Magister hochgelahrt.

Sie weiß nicht, was die Schleiche singt,
sie hört nur, dass es lieblich klingt.

Die Schleiche fällt in Schlaf alsbald.
Die Geiß geht sinnend durch den Wald.

Wasser wortlos

14. 3. 2015

Christian Morgenstern:

Das Wasser

Ohne Wort, ohne Wort
rinnt das Wasser immerfort!
andernfalls, andernfalls
spräch es doch nichts andres als:

Bier und Brot, Lieb und Treu, –
und das wäre auch nicht neu.
Dieses zeigt, dieses zeigt,
dass das Wasser besser schweigt.

Jahreszeitlich weise

7. 3. 2015

Frühling

Nun ist er endlich kommen doch
in grünem Knospenschuh.
»Er kam, er kam ja immer noch«,
die Bäume nicken sich’s zu.

Sie konnten ihn all erwarten kaum,
nun treiben sie Schuss auf Schuss;
im Garten der alte Apfelbaum,
er sträubt sich, aber er muss.

Wohl zögert auch das alte Herz
und atmet noch nicht frei,
es bangt und sorgt: »Es ist erst März,
und März ist noch nicht Mai.«

O schüttle ab den schweren Traum
und die lange Winterruh,
es wagt es der alte Apfelbaum,
Herze, wag’s auch du!

Theodor Fontane

ewigkeit

6. 3. 2015

doch was ich sehe
ist heimat nicht

Ein Prosit auf die Evolution

28. 2. 2015

Sie stritten sich beim Wein herum,
was das nun wieder wäre;
das mit dem Darwin wär gar zu dumm
und wider die menschliche Ehre.

Sie tranken manchen Humpen aus,
sie stolperten aus den Türen,
sie grunzten vernehmlich und kamen zu Haus
gekrochen auf allen vieren.

Wilhelm Busch, aus: Kiritk  des Herzens

Aus der gehässigen Abteilung, in heiterer Verpackung

31. 1. 2015

Die erste alte Tante sprach:
»Wir müssen nun auch dran denken,
was wir zu ihrem Namenstag
dem guten Sophiechen schenken.«

Drauf sprach die zweite Tante kühn:
»Ich schlage vor, wir entscheiden
uns für ein Kleid in Erbsengrün,
das mag Sophiechen nicht leiden.«

Der dritten Tante war das recht:
»Ja«, sprach sie, »mit gelben Ranken!
Ich weiß, sie ärgert sich nicht schlecht
Und muss sich auch noch bedanken.«

Wilhelm Busch, Aus: Kritik des Herzens

Dunkles im Nonsens

13. 11. 2014

Christian Morgenstern:
Schiff “Erde”

“Ich will den Kapitän sehn”, schrie
die Frau, “den Kapitän, verstehn Sie?”
“Das ist unmöglich”, hieß es. “Gehn Sie!
So gehen Sie doch! Sie sehn ihn nie!”

Das Weib, mit rasender Gebärde:
“So bringen Sie ihm das – und das -,”
(Sie spie die ganze Reling nass.)
Das Schiff, auf dem sie fuhr, hieß “Erde”.

Wenn man überlegt: Vor über 100 Jahren erschienen, und in einer Sammlung von Nonsens-Gedichten – dann erstaunt das sehr und erschreckt mich auch.

Brutales Sommerliedchen

2. 7. 2014

abendrot abendrot
schlage lauter fliegen tot

oder lass sie lieber leben
dass sie an der lampe kleben.

Eine Prise Schadenfreude

10. 4. 2014

Wilhelm Busch:
Tröstlich

Nachbar Nickel ist verdrießlich,
und er darf sich wohl beklagen,
weil ihm seine Pläne schließlich
alle gänzlich fehlgeschlagen.

Unsre Ziege starb heut morgen.
Geh und sag’s ihm, lieber Knabe!
Dass er nach so vielen Sorgen
auch mal eine Freude habe.

Dieser Klassiker darf nicht fehlen

1. 4. 2014

Christian Morgenstern:
Der Lattenzaun

Es war einmal ein Lattenzaun,
mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.

Ein Architekt, der dieses sah,
stand eines Abends plötzlich da –

und nahm den Zwischenraum heraus
und baute draus ein großes Haus.

Der Zaun indessen stand ganz dumm,
mit Latten ohne was herum,

Ein Anblick grässlich und gemein.
Drum zog ihn der Senat auch ein.

Der Architekt jedoch entfloh
nach Afri- od- Ameriko.

Wie hat mein Blog das so lange ohne dieses zentrale Gedicht ausgehalten?

wie b itte

18. 2. 2014

von jabelbund nach kirdumir
sind’s hundertzwanzig kilometer.
da kann doch keiner was dafür,
die heidi nicht, auch nicht der peter

zum laufen ist das viel zu lang.
zum fliegen lohnt der aufwand nicht
da wird es auch dem tommi bang,
ist er doch hier ein leichtgewicht.

doch tom, die heidi und der peter
die mögen nicht auf gleisen rutschen,
da machen sie ein mordsgezeter.
wie solln sie nun zum ziel hinflutschen?

nimms auto, rufst du, klare sache.
doch dauert das hier viel zu lange.
wenn ich jetzt eine pause mache,
dann wird mir um die lösung bange.


von wegen pause, gleich ist schluss!
den lesern wird das niemals passen.
ich gebe euch noch gruß und kuss
und kann es selbst noch gar nicht fassen.


ein nachwort noch, ein klitzekleines:
in kirdumir und jabelbund,
da denkt man sich im grunde eines:
du bleibest nur zuhaus gesund.

Der will nur wortspielen

16. 1. 2014

Christian Morgenstern:
Der Werwolf

Ein Werwolf eines Nachts entwich
von Weib und Kind und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: “Bitte, beuge mich!”

Der Dorfschulmeister stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:

“Der Werwolf”, sprach der gute Mann,
“des Weswolfs, Genitiv sodann,
dem Wemwolf, Dativ, wie mans nennt,
den Wenwolf, – damit hats ein End.”

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
er rollte seine Augenbälle.
“Indessen”, bat er, “füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!”

Der Dorfschulmeister aber musste
gestehn, dass er von ihr nichts wusste.
Zwar Wölfe gäbs in großer Schar,
doch “Wer” gäbs nur im Singular.

Der Wolf erhob sich tränenblind –
er hatte ja doch Weib und Kind!!
Doch da er kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben.

Hier besonders an >N< gedacht, mit Dank für die Erinnerung an dieses wertvolle Gedicht, indem sie eine Kopie zur Erweiterung der Kulturbildung für sich, die nachwachsende Generation und eventuell bedürftige Gäste an die Toiletteninnentür geheftet hat. (Und sowieso Dank auch für den Austausch. Ist eigentlich klar, nur nicht allen Leserinnen und Lesern. ;) )

Lied mit neuem Text

5. 12. 2013

Tausend (leider nicht mehr mit dem Blog besenraum) hat mir die Nonsensifizieung eines netten Liedes zur Verfügung gestellt.

Im Zweifel

Im Zweifel für den Zweifel
Das Plaudern und den Kult
Im Zweifel fürs Zerreißen
Des Fadens der Geduld

Im Zweifel für den Zweifel
Und für Absurdität
Im Zweifel gegen Zweifellosigkeit
von früh bis spät

Im Zweifel für den Zweifel
Und gegen den Gesang
im Zweifel für den Teufel
Und den Sonnenuntergang

Im Zweifel für die Süßigkeit
Und meine weißen Strähnen
Weise wird man mit der Zeit
Das muss ich nicht erwähnen

Im Zweifel für Zweifaltigkeit
und eine Falte gratis
Im Zweifel für das letzte Mahl
Und viele bunte Smarties

Im Zweifel für den Zweifel
Die Mauer und den Zaun
Im Zweifel für den neuen Bund
Und für den alten Clown

Im Zweifel für die Sonntagszeitung
Und für meinen Dachs
Für die äußerste Bestechlichkeit
Und Kerzen ohne Wachs

Im Zweifel für die Mittagspause
Unter einer Fichte
Im Zweifel für die Klitterung
der hässlichen Geschichte

Im Zweifel für die Bitterkeit
der schwarzen Schokolade
Ich hab leider keine Zeit
Für Schach und für Scharade

Im Zweifel für Zierrosen und
für welkende Bananen
Im Zweifel für den Mandelbaum
Und gegen die Platanen

Im Zweifel für den Zweifel
Den Esel und das Schaf
Die Kühe und die Schweine
Und einen ruhigen Schlaf

Danke, Tausend, für den schönen Qualitätsnonsens auf deinem Blog!

Gedanken Friedrich Rückerts

8. 11. 2013

Wir verbitten uns Beileidsbezeugungen,
seufzende Worte, stumme Verbeugungen,
förmlich in Falten gelegtes Gesicht,
das hilft uns nicht und tröstet uns nicht.

Wir erbitten uns leichtere Spendungen,
fein gleichgültige Mienen und Wendungen;
denn gleichgültig ist doch der Welt,
was ein Herz für so wichtig hält.

Jeder hat in dem eigenen Herzen
eine Kammer für seine Schmerzen,
aber im Weltgesellschaftshaus
tauscht man nur Unterhaltung aus.

Ich will und kann dein Weh nicht heilen,
und du sollst nicht das meine teilen;
wir wollen uns nur mit Anstand verstehn,
wie sonst miteinander umzugehn.

Hier zuerst gesehen.

Am Brunnen

23. 10. 2013

2013-10-03 10.15.04

hier stehst du jetzt
am kalten morgen
oder läufst herum

da war was
an einem sonntag
ausflug und mittagessen
mit verwandten

rechts um die ecke
am kebab-stand
die kleinen kinder an der hand

am brunnen
kalter morgen
die augen tränen
der kalte wind
wirklich nur der?
frag lieber nicht nach

mein kleines glück (fragmentarisch)

2. 10. 2013

mein kleines glück
das mag ich so
und hielt es gerne fest

doch ist es scheu
und schnell entflohn
bevor ich es fixier

Was mir beim Tod des alten Literaturkritikers

20. 9. 2013

Die Brille

Korf liest gerne schnell und viel;
darum widert ihn das Spiel
all des zwölfmal unerbetnen
Ausgewalzten, Breitgetretnen.

Meistens ist in sechs bis acht
Wörtern völlig abgemacht,
und in ebensoviel Sätzen
lässt sich Bandwurmweisheit schwätzen.

Es erfindet drum sein Geist
etwas, was ihn dem entreißt:
Brillen, deren Energieen
ihm den Text – zusammenziehen!

Beispielsweise dies Gedicht
läse, so bebrillt, man – nicht!
Dreiunddreißig seinesgleichen
gäben erst – Ein – – Fragezeichen!!

Christian Morgenstern


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