Posts Tagged ‘Gedicht’

29. 10. 2016

Hermann von Lingg:
Das Krokodil

Im heil’gen Teich zu Singapur,
da liegt ein altes Krokodil
von äußerst grämlicher Natur
und kaut an einem Lotosstiel.
Es ist ganz alt und völlig blind,
und wenn es einmal friert des Nachts,
so weint es wie ein kleines Kind,
doch wenn ein schöner Tag ist, lacht’s.

Haarsträubend

15. 10. 2016

Der Frosch

Es ging ein Frosch spazieren
an einem schönen Sommertag,
wollt lassen sich frisieren
an einen Gartenhag.

Da sprach der Herr Frisierer:
„Ihr Frösche seid ein dummes Korps!
Wie kann man euch frisieren?
Ihr habt ja gar keen Hoor!“

Aus: Göpels deutsches Lieder- und Commersbuch, 1847, Verfasser unbekannt

Warnung vor Waldspazorgängen

8. 10. 2016

Zwei Löwen gingen einst selband
in einem Wald spazoren
und haben da, von Wut entbrannt,
einander aufgezohren.

Da kamen eines Tags daher
des Wegs zwei Leute, edel,
die fanden von dem Kampf nichts mehr
als beider Löwen Wedel.

Daraus gehet nun für groß und klein
die weise Lehr hervor:
Selbst mit dem besten Freunde dein
im Walde nie spazor.

Anonym, Fliegende Blätter (1845)

Wie relativische Satzverschränkung sättigt

1. 10. 2016

Christian Morgenstern:
Die Mittagszeitung

Korf erfindet eine Mittagszeitung,
welche, wenn man sie gelesen hat,
ist man satt.
Ganz ohne Zubereitung
irgendeiner andern Speise.
Jeder auch nur etwas Weise
hält das Blatt.

Bisschen bissig

17. 9. 2016

Sei ein braver Biedermann,
fange tüchtig an zu loben!
Und du wirst von uns sodann
gerne mit emporgehoben.

Wie, du ziehst ein schiefes Maul?
Willst nicht, dass dich andre adeln?
Na, denn sei mir nur nicht faul
und verlege dich aufs Tadeln.

Gelt, das ist ein Hochgenuss,
schwebst du so mit Wohlgefallen
als ein sel’ger Kritikus
hoch erhaben über allen.

Wilhelm Busch, aus: Kritik des Herzens

Gönnen für die Ewigkeit

10. 9. 2016

Strebst du nach des Himmels Freude
und du weißt’s nicht anzufassen,
sieh nur, was die andern Leute
mit Vergnügen liegen lassen.

Dicke Steine, altes Eisen
und mit Sand gefüllte Säcke
sind den meisten, welche reisen,
ein entbehrliches Gepäcke.

Lass sie laufen, lass sie rennen;
nimm, was bleibt, zu deinem Teile.
Nur, was sie dir herzlich gönnen,
dient zu deinem ew’gen Heile.

Wilhelm Busch, aus: Kritik des Herzens

Leiser Moment

3. 9. 2016

Ich wusste, sie ist in der Küchen,
ich bin ihr leise nachgeschlichen.
Ich wollt ihr ew’ge Treue schwören
und fragen: »Willst du mir gehören?«
Auf einmal aber stutzte ich.
Sie kramte zwischen dem Gewürze;
dann schnäuzte sie und putzte sich
die Nase mit der Schürze.

Wilhelm Busch, aus: Kritik des Herzens

Falscher Absender 

27. 8. 2016

Wilhelm Busch, aus „Kritik des Herzens“:

Ich habe von einem Vater gelesen:
Die Tochter ist beim Theater gewesen.
Ein Schurke hat ihm das Mädchen verdorben,
sodass es im Wochenbette gestorben.

Das nahm der Vater sich tief zu Gemüte.
Und als er den Schurken zu fassen kriegte,
verzieh er ihm nobel die ganze Geschichte.
Ich weine ob solcher Güte.

Menschenliebe vor Insektenfreude

2. 7. 2016

Christian Morgenstern:
Philanthropisch

Ein nervöser Mensch auf einer Wiese
wäre besser ohne sie daran;
darum seh er, wie er ohne diese
(meistens mindestens) leben kann.

Kaum dass er gelegt sich auf die Gräser,
naht der Ameis, Heuschreck, Mück und Wurm,
naht der Tausendfuß und Ohrenbläser,
und die Hummel ruft zum Sturm.

Ein nervöser Mensch auf einer Wiese
tut drum besser, wieder aufzustehn
und dafür in andre Paradiese
(beispielshalber: weg) zu gehn.

Bewundertes Warten

25. 6. 2016

Es stand ein Mann am Siegestor,
der an ein Weib sein Herz verlor.
Schaut sich nach ihr die Augen aus,
in Händen einen Blumenstrauß.
Zwar ist dies nichts Besunderes.
Ich aber – ich bewunder es.

Erich Mühsam, aus der Sammlung „Wüste – Krater – Wolken“

Alte Geschichten

18. 6. 2016

Wilhelm Busch:
Der kühne Ritter und der gräuliche Lindwurm

Es kroch der alte Drache
aus seinem Felsgemache
mit grausigem Randal.
All‘ Jahr ein Mägdlein wollt‘ er,
sonst grollt er und radollt er,
fraß alles ratzekahl.

Was kommt da aus dem Tore
in schwarzem Trauerflore
für eine Prozession?
Die Königstochter Irme
bringt man dem Lindgewürme;
das Scheusal wartet schon.

Hurra! Wohl aus dem Holze
ein Ritter keck und stolze
sprengt her wie Wettersturm.
Er sticht dem Untier schnelle
durch seine harte Pelle;
tot liegt und schlapp der Wurm.

Da sprach der König freudig:
»Wohlan, Herr Ritter schneidig,
setzt Euch bei uns zur Ruh.
Ich geb Euch sporenstreiches
die Hälfte meines Reiches,
mein Töchterlein dazu!«

»Mau, mau!«, so rief erschrocken
mit aufgesträubten Locken
der Ritter stolz und keck.
»Ich hatte schon mal eine,
die sitzt mir noch im Beine!
Ade!«, und ritt ums Eck.

O altes blaues Wunder!
Da han wir doch jetzunder
mehr Herz im Kamisol.
Wir ziehen unsre Kappe
vor solchem Schwiegerpappe
und sprechen: »Ei jawohl!«

Weil der Juni darin vorkommt

11. 6. 2016

Wilhelm Busch:
Zum Geburtstag

Der Juni kam. Lind weht die Luft.
Geschoren ist der Rasen.
Ein wonnevoller Rosenduft
dringt tief in alle Nasen.

Manch angenehmes Vögelein
sitzt flötend auf den Bäumen,
indes die Jungen, zart und klein,
im warmen Neste träumen.

Flugs kommt denn auch dahergerennt,
schon früh im Morgentaue,
mit seinem alten Instrument
der Musikant, der graue.

Im Juni, wie er das gewohnt,
besucht er einen Garten,
um der Signora, die da thront,
mit Tönen aufzuwarten.

Er räuspert sich, er macht sich lang,
er singt und streicht die Fiedel,
er singt, was er schon öfter sang;
du kennst das alte Liedel.

Und wenn du gut geschlafen hast
und lächelst hold hernieder,
dann kommt der Kerl, ich fürchte fast,
zum nächsten Juni wieder.

Schön wie ein Purzelbaumgedicht :)

28. 5. 2016

Ein ringelnatzsches Gegenstück zu Morgensterns Purzelbaum-Gedicht:

Joachim Ringelnatz:

Bumerang

War einmal ein Bumerang;
war ein Weniges zu lang.
Bumerang flog ein Stück,
aber kam nicht mehr zurück.
Publikum ­ noch stundenlang ­
wartete auf Bumerang.

Starkes Tier mit Hunger

30. 4. 2016

Christian Morgenstern:

Der Steinochs

Der Steinochs schüttelt stumm sein Haupt,
dass jeder seine Kraft ihm glaubt.
Er spießt dich plötzlich auf sein Horn
und bohrt von hinten dich bis vorn.
Weh!

Der Steinochs lebt von Berg zu Berg,
vor ihm wird, was da wandelt, Zwerg.
Er nährt sich meist – und das ist neu –
von menschlicher Gehirne Heu.
Weh!

Der Steinochs ist kein Tier, das stirbt,
dieweil sein Fleisch niemals verdirbt.
Denn wir sind Staub, doch er ist Stein!
Du möchtest wohl auch Steinochs sein?
He?

Heute wie vor 156 Jahren

23. 4. 2016

Theodor Fontane:

Albumvers
(zum 23. April 1860)

Vertage die Sorgen
bis auf morgen,
eh du’s gedacht,
kommt Hilfe über Nacht.

Kluge Leute
freun sich des Heute; –
liebe wieder, was dich liebt,
und genieße dankbar,
was Gott dir gibt!
Probatum est!

der krümel

16. 4. 2016

ein krümel lief den tisch entlang
bis ich ihn mit dem finger fang.

was sage ich? es heißt doch „fing“
ich fing das krümelige ding.

wie seltsam, dass es laufte
und nicht noch koma saufte.

moment, es heißt doch lief,
nicht laufte, was ist schief?
und soff statt saufte, unbedingt.
so ist’s, wenn man die hufe schwingt…

Vorwärtsfrühling

19. 3. 2016

Emanuel Geibel:
Hoffnung

Und dräut der Winter noch so sehr
mit trotzigen Gebärden
und streut er Eis und Schnee umher,
es muss doch Frühling werden.

Und drängen die Nebel noch so dicht
sich vor den Blick der Sonne,
sie wecket doch mit ihrem Licht
einmal die Welt zur Wonne.

Blast nur, ihr Stürme, blast mit Macht,
mir soll darob nicht bangen,
auf leisen Sohlen über Nacht
kommt doch der Lenz gegangen.

Da wacht die Erde grünend auf,
weiß nicht, wie ihr geschehen,
und lacht in den sonnigen Himmel hinauf
und möchte vor Lust vergehen.

Sie flicht sich blühende Kränze ins Haar
und schmückt sich mit Rosen und Ähren
und lässt die Brünnlein rieseln klar,
als wären es Freudenzähren.

Drum still! Und wie es frieren mag,
o Herz, gib dich zufrieden;
es ist ein großer Maientag
der ganzen Welt beschieden.

Und wenn dir oft auch bangt und graut,
als sei die Höll‘ auf Erden,
nur unverzagt auf Gott vertraut!
Es muss doch Frühling werden.

vorfrühling (bonner hofgarten)

17. 3. 2016

als wären jahrzehnte ein flügelschlag
so sitz ich hier
begrüß die vorboten des frühlings
die sonne die vögel die sonne
ahne die wärme
das genügt fürs erste

Nähe und Distanz

12. 3. 2016

Wenn das Rhinozeros, das schlimme,
dich kriegen will in seinem Grimme,
dann steig auf einen Baum beizeiten,
sonst hast du Unannehmlichkeiten.

Wilhelm Busch, aus: Ein Muster der Schnelligkeit

Die Sache mit der Seele

5. 3. 2016

Christian Morgenstern:
Die Zirbelkiefer

Die Zirbelkiefer sieht sich an
auf ihre Zirbeldrüse hin;
sie las in einem Buche jüngst,
die Seele säße dort darin.

Sie säße dort wie ein Insekt
voll wundersamer Lieblichkeit,
von Gottes Allmacht ausgeheckt
und außerordentlich gescheit.

Die Zirbelkiefer sieht sich an
auf ihre Zirbeldrüse hin;
sie weiß nicht, wo sie sitzen tut,
allein ihr wird ganz fromm zu Sinn.


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