Posts Tagged ‘Galgenlieder’

Manches klingt fremmed

8. 8. 2015

Das Hemmed

Kennst du das einsame Hemmed?
Flattertata, flattertata.

Der’s trug, ist bass verdämmet!
Flattertata, flattertata.

Es knattert und rattert im Winde.
Windurudei, windurudei.

Es weint wie ein kleines Kinde.
Windurudei, windurudei.

Das ist das einsame
Hemmed.

Christian Morgenstern, Das Hemmed

Ein sehr leises Gedicht

20. 6. 2015

Christian Morgenstern

Fisches Nachtgesang


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Rätselhaftes im Wald

16. 5. 2015

Christian Morgenstern:

Geiß und Schleiche

Die Schleiche singt ihr Nachtgebet,
die Waldgeiß staunend vor ihr steht.

Die Waldgeiß schüttelt ihren Bart,
wie ein Magister hochgelahrt.

Sie weiß nicht, was die Schleiche singt,
sie hört nur, dass es lieblich klingt.

Die Schleiche fällt in Schlaf alsbald.
Die Geiß geht sinnend durch den Wald.

Ein wichtiger Heiliger

25. 4. 2015

Der heilige Pardauz

Im Inselwald ›Zum stillen Kauz‹,
da lebt der heilige Pardauz.

Du schweigst? Ist dir der Mund verklebt?
Du zweifelst, ob er wirklich lebt?

So sag ichs dir denn ungefragt:
Er lebt, auch wenn dirs missbehagt.

Er lebt im Wald ›Zum stillen Kauz‹,
und schon sein Vater hieß Pardauz.

Dort betet er für dich, mein Kind,
weil du und andre Sünder sind.

Du weißt nicht, was du ihm verdankst, –
doch dass du nicht schon längst ertrankst,

verbranntest oder und so weiter –
das dankst du diesem Blitzableiter

der teuflischen Gewitter. Ach,
die Welt ist rund, der Mensch ist schwach.

Christian Morgenstern

Wieselei

21. 2. 2015

Christian Morgenstern:

Das ästhetische Wiesel

Ein Wiesel
saß auf einem Kiesel
inmitten Bachgeriesel.

Wisst ihr
weshalb?

Das Mondkalb
verriet es mir
im Stillen:

Das raffinier-
te Tier
tat’s um des Reimes willen.

Heute muss das… 🙂

Egal wie, Hauptsache anders

17. 6. 2014

Christian Morgenstern:

Der Ästhet

Wenn ich sitze, will ich nicht
sitzen, wie mein Sitz-Fleisch möchte,
sondern wie mein Sitz-Geist sich,
säße er, den Stuhl sich flöchte.

Der jedoch bedarf nicht viel,
schätzt am Stuhl allein den Stil,
überlässt den Zweck des Möbels
ohne Grimm der Gier des Pöbels.

Pfingsten: Gottesdienst mit Galgenliedern

8. 6. 2014

Pfingsten – Sprachwunder: Ein Brausen in verschiedenen Sprachen. Von außen nicht zu verstehen, von innen, vom Geist Gottes überträufelt, schon.

In einem Schulgottesdienst habe ich die Außenansicht darstellen können.

Man nehme:
1 Kirche
30 .- 40 Schulkinder der Klassen 3 und 4
1 Ausgabe „Christian Morgenstern, Galgenlieder“

Ich öffnete das Buch beim Gedicht „Das große Lalula„,
teilte die Schülerschar in etwa vier gleichgroße Gruppen ein
und verteilte folgende Zeilen aus dem Gedicht auf jeweils eine Gruppe:

  • „quasti basti bo“
  • „Hontraruru miromente“
  • „zasku zes rü rü“
  • „Entepente, leiolente“

Nun ließ ich alle zusammen ihren Satz mehrfach hintereinander laut vortragen.

Ein Tosen und  Brausen, unverständlich.

Das Wunder war: Viele verstanden die Sprache und der Geist floss über. Die Christenheit erinnert sich jedes Jahr zu Pfingsten daran.

Ich wünsche euch ein be-geist-erndes Pfingstfest!

 

Die wirklich praktischen Leute

30. 10. 2013

Ein Gedicht von Christian Morgenstern

Es kommen zu Palmström heute
die wirklich praktischen Leute,

die wirklich auf allen Zehen
im wirklichen Leben stehen.

Sie klopfen ihm auf den Rücken
und sind in sehr vielen Stücken –

so sagen sie – ganz die Seinen.
Doch wer, der mit beiden Beinen

im wirklichen Leben stände,
der wüsste doch und befände,

wie viel, so gut auch der Wille,
rein idealistische Grille.

Sie schütteln besorgt die Köpfe
und drehn ihm vom Rock die Knöpfe

und hoffen zu postulieren:
er wird auch einer der Ihren,

ein Glanzstück erlesenster Sorte,
ein Bürger, mit einem Worte.

Nach über 100 Jahren immer noch aktuell.

Unsinnspoesie, Galgenlied

19. 1. 2013

Christian Morgenstern:

Der Zwölf-Elf

Der Zwölf-Elf hebt die linke Hand:
Da schlägt es Mitternacht im Land.

Es lauscht der Teich mit offnem Mund
Ganz leise heult der Schluchtenhund.

Die Dommel reckt sich auf im Rohr
Der Moosfrosch lugt aus seinem Moor.

Der Schneck horcht auf in seinem Haus
Desglelchen die Kartoffelmaus.

Das Irrlicht selbst macht Halt und Rast
auf einem windgebrochnen Ast.

Sophie, die Maid, hat ein Gesicht:
Das Mondschaf geht zum Hochgericht.

Die Galgenbrüder wehn im Wind.
Im fernen Dorfe schreit ein Kind.

Zwei Maulwürf küssen sich zur Stund
als Neuvermählte auf den Mund.

Hingegen tief im finstern Wald
ein Nachtmahr seine Fäuste ballt:

Dieweil ein später Wanderstrumpf
sich nicht verlief in Teich und Sumpf.

Der Rabe Ralf ruft schaurig: »Kra!
Das End ist da! Das End ist da!«

Der Zwölf-Elf senkt die linke Hand:
Und wieder schläft das ganze Land.

Nach Diktat verreist.
Sinn

Anregung

5. 1. 2009

Im Gedankenaustausch mit wortman bin ich wieder auf Christian Morgenstern gekommen, dessen Galgenlieder meist über den Kopf den Weg zum Herzen finden.
Hier ein ziemlich unbekanntes Gedicht, das nach über einhundert Jahren weiterhin aktuell ist:

Die zwei Turmuhren

Zwei Kirchturmuhren schlagen hintereinander,
weil sie sonst widereinander schlagen müssten.
Sie vertragen sich wie zwei wahre Christen.
Es wäre dementsprechend zu fragen:
warum nicht auch die Völker
hintereinander statt widereinander schlagen.
Sie könnten doch wirklich ihren Zorn
auslassen, das eine hinten, das andre vorn.
Aber freilich: Kleine Beispiele von Vernunft
änderten noch nie etwas am großen Narreteispiele der Zunft.

Christian Morgenstern


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