Posts Tagged ‘Familie’

Seitengespräch im Café: Überbetonte Freude

24. 2. 2016

Dass Kinder vom ersten Tag an willkommen sind, gehört zum Geschäftsmodell dieses Cafés. Ich stelle mich also auf schreiende Säuglinge und quengelnde Rotznasen ein. Im Obergeschoss betrete ich einen gemütlichen Raum. Kaffeetischchen und Stühle auf der einen Seite, eine Spielecke mit Ohrensesseln auf der anderen. Auch in der Mitte Sessel, dort nehme ich Platz. Eine Gruppe von Müttern mit Säuglingen hat sich in der Spielecke breitgemacht. Auch bei den Geräuschen. Ich meine nicht die zwei, drei schreie der Wickelkinder. Es sind die Mütter. Sie traktieren ihrer Stillprobleme lauthals und alles überdröhnend. In der einen Ecke sitzt ein älteres Paar und genießt still – was sonst? – den Kaffee. Ich in meiner Ecke mache es ihnen gleich, und der Cappuccino ist wirklich gut. Bei der Frage, wie die Männer so mitmachen beim Wickelgeschäft, betrachte ich noch eine weitere Kleingruppe: eine einzelne Mutter mit ihrem Kind, das in einer Sitzschale liegt. Still – was sonst? – sitzt sie da, kümmert sich um das Kleine, nippt ab und zu an ihrem Getränk. Und schaut kaum auf.

Was für eine Schieflage:  Die Brüllmütter drücken alles platt, nehmen nicts wahr außer sich selbst. Und bin ich so altmodisch, dass ich finde, die besprochenen Fragen gehen eigentlich niemanden anderen etwas an? Ganz zu schweigen, dass die anderen im Raum vielleicht auch lieber gar nichts davon hören wollten? Die analoge Welt ist manchmal auch nicht besser als die virtuelle. Die jedoch kann ich abschalten. Hier kann ich nur austrinken, bezahlen und gehen. Und darüber nachdenken, was „kinderfreundlich“ oder „familienfreundlich“ heißen kann.

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masurisch

10. 12. 2014

dunkel der wald
der see bei lyck
melancholisch
wie ganz masuren
da steht er
so alt wie ich jetzt
und schaut hin

und auf einem andern bild noch
der alte fährmann
damals eine lebende legende
heute weder das erste
noch das zweite

ich war noch nie dort
doch die bilder und geschichten
stimmen melancholisch

masuren im herzen

familie – 2

24. 7. 2014

was du bist
hast du nicht
allein entschieden

wenn es gut geht
edle mischung
wenn nicht
scherbenhaufen

es ist gut gegangen
herzlichen glückwunsch!

familie – 1

23. 7. 2014

die gene
die erziehung
die werte
die loyalität

erst die nestflucht
dann die wurzeln

Aus der Zeit gefallen, vielleicht Nummer 1

11. 4. 2013

Neulich beim Aufräumen stieß ich auf ein altes Foto aus den Hinterlassenschaften meiner Mutter. Da liegt es vor mir. Keine Assoziation. Das Haus ist gut in Schuss, aber nicht blitzblank neu, meine ich. Die Rückseite des Bildes ist wie eine Postkarte bedruckt.

Das Haus am waldesrand - aus der Zeit gefallen

Ich rätsel, wann und wo das Bild aufgenommen sein kann.
Wann: Zwischen 1910 und 1930, schätze ich. Vor 1920 hat man auf Fotos selten gelacht, das spricht eher für die zwanziger Jahre.
Wo: Ländlich. Mittelgebirgslandschaft. Am Hang, rechts eher Laub-, links eher Nadelwald.

Die Kinder: Die drei Mädchen vorne mit weißen Kitteln, die Jungen mit ähnlichen Jacken, ähnlich gekleidet die beiden älteren Mädchen hinten. (Da es uniform wirkt, kam ich auf Heim. es könnte aber auch der Stil der Zeit sein.)

Im Haus fünf Erwachsene in drei Fenstern. Links unten ein Paar, also Mann und Frau. der Mann mit Kragen und Binder. Oben in einem Fenster zwei Frauen, die eine im hellen Kittel, die andere wirkt auch einfach gekleidet. Im fenster rechts daneben ein einzelner Herr, mit dunklem Sakko und Krawatte. Er ist kahl – oder verbirgt der Schatten einen Haarkranz? Und er lehnt sich aus dem Fenster.

Privathaus? Ein Kinderheim oder ähnliches? Keine Stromleitungen sind zu erkennen. (Danke, Mialieh!)

Wie aus der Zeit gefallen kommt es mir vor. Wer mag genauer hinschauen und Beobachtetes weitersagen? Oder fällt jemandem der Groschen und erkennt es?

Tag der Verbrecherbande

30. 1. 2013

Heute vor 80 Jahren ernannte der damalige deutsche Reichspräsident einen neuen Reichskanzler. Auf ihm ruhten die Hoffnungen von Millionen. Nur wenige durchschauten ihn. Wer sich durch sein Grundlagenwerk gequält hatte, ahnte: Der bringt Terror und Krieg. Nach dem 30. Januar 1933 wurde immer mühsamer ein Schein des Rechts gewahrt. Und schließlich kam es, wie befürchtet.

„Mein Vater hat die Nazis immer nur ‚die Verbrecher‘ genannt“, erzählte eines Abends mein Vater*. Der mit vielen, wenn auch nicht allen Wassern gewaschen war: Klares Taufwasser zur Konfirmation und zugleich braune Brühe in der politischen Erziehung.

Ich, Nachgeborener, wusste, es war leicht, Eltern zu denunzieren – und geschah auch. „Und du hast ihn nicht verpfiffen?“ „Nein.“

Auf die Frage, warum, konnte er nichts sagen. So sieht Familien-Solidarität aus..

* Am Stichtag 12 Jahre alt.

Ein Vormittag nur, aber nicht wie jeder andere

9. 1. 2013

Auf geht es zu meiner Lieblingsschule, an der ich wieder ab acht Uhr zwei Stunden Religion unterrichten darf.
Ich erfahre so nebenbei, was die Kinder der 3./ 4. Klasse zum Jahreswechsel gemacht haben und was die Kinder der 1. und 2. zu Weihnachten geschenkt bekamen.

Zur Frühstückspause findet Lena im Ranzen ihre Armbanduhr wieder – auch ein Geschenk. Sie hatte munter eine Fülle aufgezählt, was unterm Baum lag. Da guckte Manuel etwas enttäuscht – er hatte nur ein Stofftier bekommen – aber was für eins (ich habe es gesehen): Einen Riesenelchkopf, den er sich wie ein Geweih an die Wand hängen kann. Nur eben wuschelig und nicht knochig. Sachen gibt’s.

Nach Kaffee und obligatorischen Schwatz im Lehrerzimmer geht es auf dem weiteren Weg in den Heimatort noch schnell beim Ehepaar S. vorbei. Die Frau hat mehrere chronische Krankheiten. Sie und ihr Mann freuen sich über den Besuch.

Dann noch eine weitere Station: Vor fünf Wochen hatte Herr K. Geburtstag, nun seine Frau. Als ich sie begrüße, ist nicht fröhlich. Die Sorgenfalten auf der Stirn gelten ihrem Mann, der zur Zeit bettlägerig ist und gerade schläft. Da will ich nicht lange stören.

Zu Hause erwarten mich drei Nachrichten, Rückrufe sind fällig:

Mit dem ersten Rückruf bestätige ich einen Termin, bei Nummer Zwei vereinbare ich übers soziale Netzwerk ein Telefonat zur Abendstunde.

Schnell noch nach den Mails geschaut und mit der Bürofrau geklärt, was in die örtlichen Mitteilungsblätter gesetzt wird.

Das dritte Anruf hat Gewicht: Da hat eine Familie, die ich ganz gut kenne, seit ein paar Monaten Frau Scharf zur Nachbarin. Und die kenne ich auch: Sie hat jetzt innerhalb von fünf Jahren die vierte Wohnung. Bei zweien habe ich ihre Version mitbekommen, warum sie ausziehen musste, die Geschichten eigneten sich als Drehbücher für Provinz-Tatorte. Während sie bei der ersten Adresse gegen die Mafia gekämpft hatte und die Polizei ein Hehlernest ausnehmen konnte, hatte sie in der zweiten gegen Wucher und Mietermobbing zu kämpfen. Bei Nummer drei verlor sich ihre Spur.

Nummer vier sollte bald verlassen werden, weil die bislang verstoßene Tochter aus idar-Oberstein einen Umzugswagen schicken wollte. Frau Scharf sitzt seit Tagen auf gepackten Koffern und gefüllten Umzugskartons. Jetzt wollte sie, weil der Umzug doch nun wirklich bald käme, die Tiefkühltruhe abtauen – trotz Inhalt…

Was kann man von außen tun? Soweit ich weiß, sehr wenig. Ich bot an, mich beim örtlichen Pflegestützpunkt zu erkundigen, die haben so was öfter. Und mich beschäftigt das schon länger, denn als vor Jahren jemand in der Familie wegen Demenz in ein Heim ziehen sollte, war genau das die Frage.

Ich erhielt die gewünschte Antwort: Der sozialpsychiatrische Dienst hat einen Mitarbeiter, der auf Hinweise hin Besuche macht. Das teilte ich den kümmernden Nachbarn mit – und siehe da, der Name des Mitarbeiters war aus Frau Scharfs Mund schon gefallen.

Das letzte Gespräch am Telefon: Bei einen verurlaubten Arbeitsbereich hatte die Vertretung gestern absagen müssen; ich bekomme mit nur einem Anruf die Vertretung der Vertretung. Einiges organisatorisch geklärt und nebenher noch dies und das besprochen.

Zwölf Uhr dreißig. Gut, dass nicht jeder Vormittag so ist!

Weihnachten bringt aus dem Konzept

24. 12. 2012

Es war hektisch im Advent. Keine Zeit, hübsche fremde Federn zu suchen, um den Blog damit zu schmücken. Nur eigene: Ein paar Gedanken, die ich in unseren Gemeindebrief geschrieben habe,  schicke ich als Gruß an euch, meine Leserinnen und Leser. 

Weihnachten bringt aus dem Konzept. Geht es euch auch so? Jedes Jahr derselbe Stress: Sind die Geschenke rechtzeitig da, gelingen die Vorbereitungen, geht es  gut mit der Familie? Wir brauchen das feststehende Ritual, das ist das Wohltuende an Weihnachten – und immer wird es unterbrochen.

Weihnachten bringt aus dem Konzept. Schon das Fest selbst: „Geburtstag Jesu“ sagen wir. Es ist jedoch nur die Geburtstagsfeier. Wie bei der englischen Königin: Weil sie im unsteten April Geburtstag hat, wird die Feier in den warmen Sommer verlegt.
Bei Jesus ist es ähnlich: Die Feier seines Geburtstags ist am 24. Dezember; wann er genau geboren wurde, wissen wir nicht. Man hat halt vor 1.700 Jahren ein Fest vorgefunden, das römische Sonnenfest, und hat die Feier auf diesen Tag gelegt. Weil es um das Licht geht, das zunimmt. Für uns ist Weihnachten mitten im Winter. Geographischer Zufall: In Brasilien kann man zur Heiligen Nacht leicht bekleidet an den Strand gehen. Südlich des Äquators ist Sommer, wenn wir Winter haben.

Weihnachten bringt aus dem Konzept. Der Gott der Philosophen ist das höchste Wesen, fern von den Menschen. Was für eine Zumutung, wenn gesagt wird: „Gott ist Mensch geworden“. Lukas erzählt es in der Weihnachtsgeschichte, im 2. Kapitel seines Evangeliums: Der göttliche Retter ist ein winziger Säugling. Und Gottes Gesandte erscheinen nicht den Mächtigen und Machthabern, sondern einigen Hirten, nicht gerade eine gute Referenz.
Wir haben uns an diese Geschichte gewöhnt, doch vor fast zweitausend Jahren passte das für anspruchsvolle Denker nicht ins Konzept.

Bei allen guten Erinnerungen und hohen Erwartungen an Weihnachten jedes Jahr: Ich meine, es ist der Sinn dieser Tage, uns aus dem Konzept zu bringen. Nur ein bisschen, ein feiner Riss in unserer Planung, ein kleiner Spalt in den Erwartungen. Denn Gott sucht sich dort eine Zugang, wo wir mit unserer Weisheit am Ende sind. Da fängt Gott an.

Weihnachten bringt aus dem Konzept. Denn es ist nicht „unser“ Fest. Es gehört dem Heiland, dem Retter der Welt. Dem großen Gott, der sich klein macht wie ein Säugling.

Ich wünsche ein frohes Fest mit vielen Überraschungen!

Familie

29. 12. 2011

Familie, viel gescholtene Daseinsform, häufig ungeliebt. Lästige Pflichten tauchen oft in Erinnerungen auf. Freunde seien doch wichtiger, weil selbstgewählt.

Über 20 Jahre habe ich sie nicht mehr gesehen, die Verwandte, alle paar Jahre gab es mal einen Schwatz am Telefon oder Grüße per Post. Und nun ergibt sich die Gelegenheit, sich wiederzusehen. Wunderbar, sie freut sich, und ich mich auch.

Sie holt mich vom Bahnhof ab, ich denke: „Die ist ja noch kleiner als ich sie in Erinnerung hatte!“ Einer ihren ersten Sätze: „Sag mal, bist du größer geworden?“  Ich sag ihr meine spontanen Gedanken, wir lachen. Zu Hause bei ihr reden und reden wir – irgendwann gibt es Bewegung an der Haustür: die beiden Töchter sind da!

Auch älter geworden, und ich hatte in den Jahren zuvor nur Kontakt zu ihrer Mutter. Aber sie sind gekommen, meinetwegen. Einfach weil ich, der Großcousin, da bin. Kaum zu fassen. Ich weiß nicht so genau, wie mir geschieht, da klingelt das Handy und die Heimat begehrt Auskunft. Ich erzähle kurz. Und merke, wenn ich wollte, könnte ich jetzt auch losheulen. Ich will aber nicht.

Die Töchter nehmen  nach einem guten Stündchen Abschied. Auch zu zweit  gibt es ja so viel zu erzählen und auszutauschen. Bis wir um Mitternacht für weiteres zu müde sind.

Am anderen Tag fahre ich nach Hause. Abends muss ich doch dahin und dorthin mailen, wie es mir erging. Da allerdings sind hinterher die Augen feucht.

Familie: eine Verbindung, die vorgegeben ist, nicht selbst gewählt. Und zugleich ein Band, das einen halten kann. Wie schön, das auch so herum zu erfahren.


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