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Heilige des Alltags

6. 12. 2013

Heilige des Alltags: Manchmal nimmt man liebe und freundliche Menschen wahr und ahnt nicht, was sie mit sich herumtragen. Eine Geschichte, eine Sorge, eine Not hätte sie klein oder aggressiv oder giftig machen können. Und dann haben sie ihre Geschichte, ihre Sorge, ihre Not – niemand ahnt etwas – und sie strahlen Gutes aus.

Unbekannt sind sie manchmal auch, weil wegen Seelsorgegedöns keine Namen da stehen dürfen und die Geschichten hinter den Namen auch nicht, weil man auf Namen käme. Was dann dem Seelsorgegedöns widerspräche – einfach weil Seelsorge doch kein Gedöns ist.

Sie sind unerkannt, unbekannt und es gibt sie. Ich hatte vor ein paar Tagen eine Begegnung und um niemanden (mich eingeschlossen) wegen der Seelsorge auch nur annähernd in Schwierigkeiten zu bringen, eine alte Geschichte.

Ein liebenswerter alter Mann, für jeden ein freundliches Wort, mit Witz und Augenzwinkern. Seine Frau war vor Jahren gestorben. Im Kreise gleichalter Damen – und da hatte er Auswahl – war er ein  Charmeur, ein liebenswerter Hahn im  Korb. Wenn er redete, klang es komisch: ein Dialekt östlich der Elbe färbte die Sprache.

An einem Abend, nach dem Kreis in der Gemeinde damals, gab es noch ein gemütliches Treffen und der Wein löste seine Zunge. Er erzählte, unter welch abenteuerlichen Umständen er von dort nach hier kam. Er war Soldat. Hat sich durchgeschlagen, eine Soldat-Schwejk-Variante. Seine Frau war zu Hause. Hat sich aufgemacht gen Westen, die Front hat den Treck überrollt. Irgendwann hatten sie sich wieder. Und irgendwann, irgendwann, viel später, hat die Frau ihrem Mann gestanden, dass sie von Rotarmisten vergewaltigt worden war. Sie fühlte sich schuldig. Hatte Angst mit sich herumgetragen, ihr Mann werde sie verstoßen. Er, das Herz auf dem rechten Fleck, hat doch gewusst, welche Umstände dazu geführt hatten. Und dann lagen sie sich heulend in den Armen, minutenlang. Versöhnt über etwas, wofür keiner der beiden etwas konnte.

Er hatte beim Erzählen feuchte Augen bekommen. Ich, damals noch kopfbetonter als heute, war tief berührt.

Manchmal, habe ich daraus gelernt, manchmal nimmt man liebe und freundliche Menschen wahr und ahnt nicht, was sie mit sich herumtragen. Eine Geschichte, eine Sorge, eine Not hätte sie klein oder aggressiv oder giftig machen können. Und dann haben sie ihre Geschichte, ihre Sorge, ihre Not – niemand ahnt etwas – und sie strahlen Gutes aus.

So auch neulich bei…, aber ihr wisst schon, Seelsorgegedöns. 😉

Nachtrag (habe ich in einem Kommentar geschrieben): Die Wüstenväterlegenden schicken Mönchsschüler oft zu einem Heiligen in der Stadt. Unter der genannten Adresse finden sie einen Schuster, der still und bescheiden das lebt, was der Schüler erstrebt. Ich vergaß zu erwähnen: Der sympathische Herr war im Berufsleben Schuster gewesen. 😉

Karl Theodor Knochenbrecher (Wir basteln uns eine Biographie)

21. 1. 2009

Andrea hat sich ein Zitat von Karl Theodor Knochenbrecher gewünscht.  Ich Tor! Ich habe diesen Namen in einem Kommentar bei ihr hineingesetzt, aus lauter Überschwang.  Und nun das! Ein gutes Zitat braucht eine gute Biographie. Das soll sie sein:

Karl Theodor Knochenbrecher wird am 3. August 1788 in Neustadt an der Haardt geboren, als Sohn des Winzers Benedikt Knochenbrecher und Agathe geborene Schaaf . Apotheker und Pfarrer entdecken seine Begabung. Er kann das Gymnasium besuchen und studiert in Heidelberg und Halle.

Nach dem Examen 1813 wird er zunächst Privatlehrer bei Freiherrn von Knöselbeck in der Uckermark. Dort heiratet er Amalia von Cardamom (1793 – 1888), die Tochter des Gutsnachbarn. 1816 wird er Kandidat (Vikar) in der Pfalz, in Zweibrücken. 1818 legt er sein Zweites Examen ab und gerät während des Hilfsdienstes  in Dahn in Konflikt mit dem Pfälzer Konsistorium. Er wechselt 1820 nach Heidelberg und wird dort Privatdozent für Literatur und Philosophie.

Er nutzt die Kontakte zu Freiherr von Knöselbeck, der mittlerweile Regierungsbeamter in Trier ist. Karl Theodor wird ab 1827 Lehrer am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium. Bei der Abiturprüfung des jungen Karl Marx erleidet er 1835 einen Nervenzusammenbruch und wird für ein Jahr beurlaubt.

In diesem Jahr durchreist er Franken. Er nimmt an der Fahrt der ersten Eisenbahn auf deutschem Boden teil.

Er kehrt nach Trier zurück und wird Schulrat. 1838 wird er nach Koblenz versetzt, kauft bei Metternich ein kleines Weingut  und widmet sich in seiner Freizeit dem Weinbau. (Heute noch bekannter Trinkspruch: „Mach es so wie Knochenbrecher, trink den Wein nur aus dem Becher!“)

1847 bis 1850 ist er auf Geheiß der Schulbehörde in den USA, um dort Lehrer in Deutsch und Latein auszubilden. Seine Anregungen zum Schüleraustauch werden über 100 Jahre später wieder aufgegriffen.

Als er wiederkommt, ist fast alles wie vorher, die deutsche Revolution begann und  endet wieder. War da mal was? Er hat sie verpasst.

1854 kommt er in den Ruhestand und zieht sich auf sein Gut zurück. 1861 erhält er  Kontakt zu Bismarck, steht im regen Briefaustausch und unternimmt mehrer Besuche in Berlin. Winter 1869 geht die vierte Reise dorthin, von der er geschwächt zurückkehrt. Er verstirbt am 3. Februrar 1870 und wird unter großer Anteilnahme der Bevölkeurng und unter Beisein vieler hochgestellter Persönlichketen in Koblenz beigesetzt.

Von den fünf Kindern überleben ihn 3 Töchter (Amalie *1814, Luise *1818 und Helena *1829)


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