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Vorgefertigte Liturgie hält auf Distanz

7. 11. 2013

Sie wusste, es geht aufs Sterben und sie ließ mich rufen um das Abendmahl zu bekommen. Da bin ich nun.

Sie liegt im Bett. Schmales Gesicht,  spitzes Kinn – ja, sie weiß es. Sie ist bei vollem Bewusstsein.

Am Bett sitzt neben der Tochter eine alte Freundin. Sie ist da, auch wenn das Reisen ihr Mühe macht. Wir feiern eine kleine Feier zu Viert. Sehr dicht.

Am Schluss spüre ich: Die Sterbende braucht einen eigenen Zuspruch, bevor ich mit dem Segen schließe. Ich spreche das an. Sie ist einverstanden und blickt zu mir auf. Ich fasse ihre Rechte, lege ihr die Linke aufs Haupt.  Sie schaut mich mit großen Augen an. Schaut und schaut, sie ist nur Blick. Ich schaue zurück, mein Blick weicht nicht aus. Sie hält meine Hand fest. Ich spreche ein Segenswort. Sie schaut und schaut. Fester Griff in meiner und ihrer Hand. Eine Träne kullert ihr die Wange herab, wir schauen uns weiterhin an. Weitere Tränen kommen still. Ich höre links von mir ein Schniefen, bald auch ein zweites. Und merke, meine Augen werden feucht, bei mir kullert es auch.

Nach einer Weile setze ich mich wieder auf meinen Stuhl. Die alte Freundin zieht die Brille ab und wischt sich mit einem Taschentuch die Augen. Ich tu es ihr gleich.

Schließlich fassen wir uns an den Händen, ich spreche den Segen. Wieder halte ich die Hand der alten Frau. Wieder schauen wir uns an, lange.

Was erspart man sich doch, wenn man sich an die vorgefertigte Liturgie hält.


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