Archive for 30. Dezember 2020

Biblische Streifzüge: Weihnachten nach… (4)

30. 12. 2020

Weihnachten nach Johannes

Das Johannesevangelium hat eine Einleitung, die weltumspannend ist und wie die Schöpfungsgeschichte beginnt: „Am Anfang…“ Am Anfang war der LOGOS, das Wort, die Vernunft, das Weltprinzip – das mag den ersten Lesern im Ohr geklingelt haben. Die Philosophie lässt grüßen. Und dann geht das Ganze hinüber zur Geschichte mit Johannes dem Täufer. Das war es schon.

„Bleib mir weg mit Bethlehem“, das scheint ein heimliches Motto des Johannesevangeliums zu sein. Es kommt gar nicht vor. Im Gegenteil, Johannes hat eine kleine feine Spitze in sein Werk eingebaut: „Philippus findet Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josefs Sohn, aus Nazareth.“ (1,45) Josefs Sohn, aus Nazareth – das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Auch in den anderen Evangelien ist er Jesus von Nazareth, aber Lukas und Matthäus haben ihn natürlich nicht Josefs Sohn genannt.

Man darf sich da natürlich zurechtreimen, dass seine Namensangabe mit „Sohn Gottes“ höchst seltsam angemutet hätte, aber so steht es nun mal da. Jesus ist Josefs Sohn. Eine Krippe hat hier keinen Platz.

Oder doch?

Im 1. Johannesbrief, der sprachlich und inhaltlich in der Nähe des Evangeliums ist, da sind die Anfangsverse so, als ob sie aus dem Mund der Hirten oder der Weisen kämen:

„Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens – und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist – was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch.“ (1. Joh. 1, 1-3a)

Diese Stelle sagt zumindest: Hier, beim Glauben, geht es um Dinge von Fleisch und Blut – wie Jesus auch aus Fleisch und Blut war. (Auch hier das Stichwort „Anfang“ und wieder der Logos…)

Wer mehr darin sieht, darf sich freuen, dass es zur Epistellesung am 1. Sonntag nach Weihnachten geworden ist, also recht nah an der Krippe.


%d Bloggern gefällt das: