Am Tisch Jesu

Gründonnerstag

Denn ich habe vom Herrn empfangen, was ich auch euch überliefert habe, denn der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm das Brot, dankte und brach’s und sprach:  Nehmet, esset, das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird, solches tut zu meinem Gedächtnis! Desgleichen auch den Kelch  nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; solches tut, so oft ihr’s trinket, zu meinem Gedächtnis! Denn so oft ihr dieses Brot esset und den Kelch trinket, verkündiget ihr den Tod des Herrn, bis dass er kommt.
1. Korinther 11, 23 – 26 (Luther 1912/ Schlachter 1951)

Priska schaute immer wieder zu ihrem Mann hinüber: Würden die Fünf vom Hafen heute wieder zu spät kommen? Die anderen Gäste, fast dreißig hatte Priska gezählt, hatten bereits mit dem Essen begonnen. Priska und Aquila kannten fast alle mit Namen und wussten, wo sie wohnten und arbeiteten. Sie alle trafen sich schon fast zwei Jahre lang jeden Abend mit Priska und Aquila in ihrem Haus zum gemeinsamen Abendessen und zur Mahlfeier. Eine bunt gemischte Gruppe waren sie: Da saßen einfache Handwerker neben wohlhabenden Bürgern, Sklaven neben freien Arbeitern, ganze Familien und viele Alleinstehende. Jeden Abend mischten sich auch einige Hungerleider aus dem Slum am Hafen in die Runde. Sie hatten einfach Hunger und wollten sich einmal richtig satt essen. Vor allem Aquila kümmerte sich um sie und achtete dar auf, dass sie genug bekamen. Er fragte nie jemanden nach dem Namen, wenn er oder sie es nicht freiwillig tat.

In der letzten Zeit kam es oft vor, dass die fünf Sklaven im Hafen noch einige Schiffe entladen mussten und darum erst spät zur Gemeinde kamen. Ein paar Mal waren sie auch schon mit leeren Schüsseln empfangen worden. Auch an diesem Abend war es nicht anders. Müde und hungrig kamen die Fünf in die Hausgemeinde. „Jetzt können wir endlich mit der Abendmahlsfeier beginnen!“ rief Severus, ein Beamter aus der römischen Verwaltung. Er hatte schon einiges getrunken und war in Stimmung. Priska war entsetzt: Wie kann man das Mahl feiern, wenn einige noch Hunger haben? Für sie gehörte beides zusammen: sich miteinander satt essen, dabei fröhlich sein und das Abendmahl feiern. Gemeinde Christi sein hieß für sie, alles miteinander zu teilen und so den Auferstandenen erfahren. Er wirkt durch uns. Wir sind sein Leib. Als Priska das sagte, entstand ein lebhaftes Gespräch. Gehören Abendmahl und Abendessen zusammen? Oder sind es getrennte Dinge? Die Gemeinde konnte sich nicht einigen. Die KorintherInnen wandten sich sich brieflich an den Gründer der Gemeinde, Paulus. Der antwortete zu dieser Frage mit dem Predigttext…

Nachdem diese Worte in der Hausgemeinde verlesen waren, war es zunächst still. Priska unterbrach das Schweigen. „Paulus erinnert uns an Jesus. Bei ihm war das gemeinsame Essen immer eine Mahlzeit für alle. Alle waren eingeladen. Und alle wurden satt. Wer Tischgemeinschaft mit ihm hatte, war als Kind Gottes angenommen.“

„Schade“, fügte Junia, die Apostelin, hinzu, „schade, dass wir die alte Sitte vergessen haben, vor dem gemeinsamen Essen das Brotwort und nach dem Essen das Kelchwort zu sprechen. Essen und Trinken hält eben Leib und Seele zusammen.“

„Ja“, sagte Aquila, „und dass Jesus von Leib und Blut sprach, leuchtet ein: Unser Körper verwandelt die Nahrung, die wir aufnehmen. Aus Brot und Wein werden Lebenskraft und Körperwärme. Genauso sol­len wir alles, was Jesus getan hat, in uns auf­neh­men. Und es soll sich in Mut und Trost ver­wandeln.“

Achaikus, einer der Sklaven, ergriff das Wort: „Da kann ich mich gut anschließen. Wir sind Gäste des Gekreuzigten. Aber nicht nur hier, wenn wir beisam­men sind. In seinem Bild sehe ich auch die Gesichter der anderen Sklaven am Hafen. Ich denke an die Leute aus dem Slum: Gekrümmte, gedemütigte Män­ner und Frauen. Gottes Barmherzigkeit hat mich auf­gerichtet und hat mir meine Menschenwürde zurück­gegeben. Wie kann ich sie weitergeben an meinesgleichen? Das beschäftigt mich, wenn ich hier bin.“

Erastus, ein anderer Sklave, ergänzte: „Wenn wir Fünf hier sind, dann ist immer die Not da. Darum tut es mir weh, wenn wir spät von der Arbeit kommen und ihr habt alles aufgegessen.“

Aquila ergriff das Wort: „Paulus hat Recht. Wir feiern das Abendmahl unwürdig, wenn wir die Not aus­blenden, wenn wir den Hunger der Sklaven über­sehen, wenn uns gleichgültig ist, wie es ausgenutz­ten Frauen, Kindern und Männern geht. – Das Mahl Christi würdig feiern heißt doch, wie Christus den dämonischen Mächten widerstehen. Den Mächten, die ihn ans Kreuz genagelt haben: Ungerechtigkeit, Feigheit, Herrschsucht und Gewalt.“

Severus meldete sich auch zu Wort: „Wenn wir hier schon alles sagen dürfen, möchte ich auch noch los­wer­den, was mich stört. Wir sind ja heute Abend aus­nahmsweise unter uns.“ Er blickte in die Runde, tatsächlich, kein Fremder hörte mit. „Mich stört es schon lange, dass aus dem Slum am Hafen immer wie­der Leute mitkommen und einfach so am Abend­mahl teilnehmen. Ihr wisst doch, es sind oft nicht gerade die Anständigsten unter den Armen – um es mal liebevoll auszudrücken. Ich finde, wir sollten das ändern. Nur wer Christ ist, ist würdig genug, am Mahl teilzunehmen. Wir dürfen doch nicht die Perlen vor die Säue werfen.“

Eine Weile war es still. Dann stand Stephanus auf. Er war einer der Ältesten in der Hausgemeinde. Er machte nie große Worte. Aber er hatte ein feines Gespür, wenn die Gemeinde in Gefahr geriet. „Im Gebet, das Christus am Kreuz gebetet hat, heißt es: ‚Die Elenden sollen essen, dass sie satt werden.‘ Wenn wir die ungerufenen Gäste des Gekreuzigten aus unserer Mitte aus­schlie­ßen, schließen wir Christus selbst aus. Dann haben wir kein Recht mehr, Abendmahl zu feiern. Denn am Tisch Jesu saßen und sitzen immer nur solche, die es nicht verdienen.“

Stephanus setzte sich wieder. Niemand sagte etwas. Priska stand auf: „Ich glaube, wir können jetzt wieder Abendmahl feiern. Kommt, alles ist bereit!“ Und sie führte alle an die Festtafel.

Am Tisch Jesu saßen und sitzen immer nur solche, die es nicht verdienen. Das genügt.

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2 Antworten to “Am Tisch Jesu”

  1. minibares Says:

    eine tolle Geschichte.
    Genau, alle können kommen.

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