Jahreslosung 2015 im Kopf

„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“ Römer 15, 7

Dieser Vers aus dem Römerbrief ist die Jahreslosung für dieses Jahr – und mir selbst sehr wichtig. Der Kirchentag 1993 in München hatte den ersten Halbsatz als Motto, und im Januar vorher predigte ich darüber. Ich habe darüber gesprochen, wie schwer dieses Annehmen manchmal sein kann.

Dass Gott alle liebt, auch die Homosexuellen, das hatte mir schnell eingeleuchtet. Ist ja gar kein Problem. Vom Kopf her. Ich hatte am Anfang des Studiums mit einem jungen Pfarrer zu tun, ich freundete mich mit ihm und seiner Familie an. Eines Tages, da war ich schon im Berufsanfang,  telefonierten wir und er sagte: „Ich hatte mein Coming-out.“ Ich musste schlucken.

Blitzlichtartig merkte ich: dieses Schlucken verweigert das Annehmen, es ist ein Schloss vor dem Herzent. Und Annahme gibt es nur, wenn das Schloss geöffnet wird.

Immer wieder habe ich gelernt, dieses Schlucken wahrzunehmen, hinzuschauen, es selbst AUCH anzunehmen, und so zum Annehmen und Verstehen zu kommen. Annehmen und Verstehen dessen, was mich schlucken ließ.

Jahre später auch beim Bloggen: Was tummelte sich da an häretischem Zeugs, Feng-Shui-Jünger, Kartenlegerinnen, kann ja wohl nicht wahr sein. Hätte ich mich davon stoppen lassen, mir wären wichtige Begegnungen vorenthalten geblieben. Nicht das Weltanschauliche zählte, sondern die Menschen – mit riesigen Begabungen. Und mit großer Offenheit. Und ich komm daher und quengel herum? Es zählte anderes als Richtigkeiten. Diese Menschen waren (und sind) ein Geschenk.

Deswegen habe ich beherzt das Bodenbild meiner Fortbildung als Header, als Kopfbild ausgewählt. Der „religiöse Trash“ der Referentin. Er wurde während der Tage durch Fundstücke der Teilnehmer ergänzt. Ich muss den ganzen Kram nicht gut finden. Nur, wenn mein Schlucken zu laut ist, kann ich die Sehnsucht dahinter nicht hören und die Gaben der Menschen nicht erkennen.

Wohin einen der Weg führt, wenn wir die Annahme versuchen? Wir werden es erleben. Zu Gottes Lob.

 

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18 Antworten to “Jahreslosung 2015 im Kopf”

  1. paradalis Says:

    !!!!
    Du weißt, Jörg, manchmal fehlen mir die Worte. Aber du verstehst mich trotzdem.
    Danke dafür.

  2. freiedenkerin Says:

    Das Schlucken ist menschlich, sozusagen über viele Generationen hinweg „anerzogen“. Es bedeutet viel Arbeit an sich selbst, sich über diese Hemmschwellen von Vorurteilen und Bedenken hinwegzusetzen. Fast immer, wenn man diese Hürde überwunden hat, wird man auf zwischenmenschlicher Ebene belohnt, bzw. angenehm überrascht… 😉

  3. minibares Says:

    Mein Schlucken war schon immer laut, nun ist es in letzter Zeit noch lauter geworden. Hat meinen Mann schon früher gestört.
    Aber mit andersgläubigen oder andersgearteten habe ich zum Glück kein Problem.
    Zum Glück war das Gymnasium für beide Religionen offen.
    So fing es eben an. Und so ging es weiter. Dafür bin ich dankbar.
    Liebe Grüße Bärbel

    • theomix Says:

      Es sagt sich leicht. Wenn persönliche Nähe da ist, kann es manchmal ein Problem werden. Wenn es bei dir anders ist, um so besser.

  4. nandalya Says:

    Dankeschön für solch tolle Worte. Ein superschönes neues Jahr für dich.

  5. Rika Says:

    Diese Form der Schluckbeschwerden kenne ich auch – und ich bin dankbar, dass ich sie immer noch wahrnehme und es mir ab und zu sogar gelingt, sie als Zeichen für eine nötige Richtungs- oder besser gesagt „Hältungsänderung“ auch zu beherzigen. Manchmal ignoriere ich sie „mit Fleiß“, wie mein Schwiegervater zu sagen pflegte, was nichts anderes meint als „absichtlich!“, sich aber viel schöner anhört.
    Besonders fällt mir das bei meinen Auslassungen zum Thema Islam auf. Da schlucke ich oft, wenn ich an die muslimischen Freunde meiner Kinder denke und MEINE Wort lese…. „Wie fühlen sie sich, wenn sie mein Geschreibsel lesen?“

    Schlucken müssen führt zum Innehalten, Nachdenken, aber auch zur konkreten Stellungnahme, um die ich mich nicht drücken kann und will und werde.
    Das ging mir zur Frage der Homosexualität übrigens genauso wie dir; am Ende siegte die Zuneigung und Liebe zu den betroffenen Freunden und Verwandten über allzu sehr gefestigte „Glaubensgewissheiten“ oder was ich bislang dafür hielt!

    • theomix Says:

      Danke für diesen Kommentar! In deinem Blog beziehst du ja meist zweideutig Position, doch wäre das „Schlucken“ nicht ab und zu spürbar, ich hätte das Interesse am Mitlesen verloren. Es ist der Mühe wert, sich in andere hineinzudenken. Wie es wirklich aussieht, ergibt sich erst bei direktem Kontakt.
      Und mich selbst reizt auch immer wieder der Gedanke: Es könnte ja auch alles ganz anders sein, und so nimmt das Denken und Nachfragen seinen Lauf…

  6. hohesundtiefes Says:

    Danke dir für den Denkanstoß; auch mich lässt die Jahreslosung viel über die eigene Offenheit und auch über die eigenen Grenzen nachdenken.
    Je öfter ich sie lese, desto lauter wird die Mitte: „…wie Christus euch angenommen hat…“ Grenzenlos liebevoll setzt ER Lieblosigkeiten, Gier, Machtstreben und Selbstgerechtigkeit… eine Grenze.
    Ob ich je da hinkomme? Zu dieser Haltung der Annahme wie Christus – schon der Weg in die Richtung ist der Mühe wert. 😉

    • theomix Says:

      ich hatte damals den Anfang zum Thema. Die Kirchentagsleute scheuen sich zuweilen, IHN zu nennen. Das ist bedauerlich.
      wunderbar formuliert mit der grenzenlosen Liebe, die Grenzen setzt.
      Und das wunderlichste finde ich den Schluss: Zu Gottes Lob. Etwas, was die Herzen hüpfen lässt und den Mund singen. Frohes Jubeln, mindestens breites Lächeln.
      Der höhere Zweck des Ganzen ist nur ein Schlucken oder ein Staunen weit entfernt. Da kann man schon hinkommen. Nur nicht zu bescheiden. ER hat dich schon angenommen. Würdest du das bitte mal gerade weitergeben? – Na, geht doch! 😉

      • hohesundtiefes Says:

        Hier keine Angst, IHN zu nennen. 🙂
        Und ja doch: ich murkse in die Richtung – das weiterzugeben – manchmal sogar mit Erfolg. 🙂
        Gott loben – da bringst du mich auf einen Gedanken – einfach so! Weil ER uns so annimmt, wie wir sind. Das lässt mich dankbar staunen und tatsächlich breit lächeln. 🙂

  7. Babbeldieübermama Says:

    Auch ich schlucke ab und zu noch, aber es wird seltener. Mein Vorteil, ich habe viel zeit zum Nachdenken und Denken.
    Mich erschüttert dafür die zunehmende Brutalität, Lieblosigkeit, Gleichgültigkeit und ich stelle mit Erschrecken fest, die Vorurteile der Menschen gegen Randgruppen nehmen immer mehr zu.

    • theomix Says:

      O, ich finde, das Schlucken sollte gar nicht weniger werden. 🙂 Es ist ein Kompass für die eigene Aufmerksamkeit.
      Das Schlimme in der Welt ist natürlich auch eher im Haus als vorzeiten.

  8. Babbeldieübermama Says:

    Ich bin voll und ganz deiner Meinung. habe mich nur mal wieder falsch ausgedrückt. ;(

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