Voll erwischt

Da hetze ich nach Schwerte, nach Villigst, ins Pastoralkolleg. Seit ein paar Jahren bin ich als Vertreter meines Kirchenkreises eingeladen. Ich komme gern, es wird das Programm des übernächsten Jahres geplant, viel diskutiert und angeregt,. Wie es sich gehört, beginnt der offizielle Teil mit einer Andacht. Oft schon war sie für mich eher eine Pflichtübung, – wenn noch die Gedanken halb auf der Autobahn sind. Diess Jahr war ich sehr zeitig und hatte mich vorher akklimatisiert..

Der Dozent hält eine interessante Andacht über Lukas 12, 22 – 31. Ein Gedanke: Das verworfene „Sorgen“ wird klarer, wenn man in die lateinische Übersetzung schaut: Dort steht nicht „curare“, „sorgen in Verantwortung“, sondern „solicitare“, „in sorgender Unruhe umhergetrieben werden“. Das leitet seine Strophenauswahl:

Wir singen die 1.,´ 5. und 7. Strophe von „Wer nur den lieben Gott lässt walten“von Georg Neumark:

1)
Wer nur den lieben Gott lässt walten
und hoffet auf ihn allezeit,
den wird er wunderbar erhalten
in aller Not und Traurigkeit.
Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut,
der hat auf keinen Sand gebaut.

2)
Was helfen uns die schweren Sorgen,
was hilft uns unser Weh und Ach?
Was hilft es, dass wir alle Morgen
beseufzen unser Ungemach?
Wir machen unser Kreuz und Leid
nur größer durch die Traurigkeit.

3)
Man halte nur ein wenig stille
und sei doch in sich selbst vergnügt,
wie unser’s Gottes Gnadenwille,
wie sein Allwissenheit es fügt;
Gott, der uns sich hat auserwählt,
der weiß auch sehr wohl, was uns fehlt.

4)
Er kennt die rechten Freudenstunden,
er weiß wohl, wann es nützlich sei;
wenn er uns nur hat treu erfunden
und merket keine Heuchelei,
so kommt Gott, eh wir’s uns versehn,
und lässet uns viel Guts geschehn.

5)
Denk nicht in deiner Drangsalshitze,
dass du von Gott verlassen seist
und dass ihm der im Schoße sitze,
der sich mit stetem Glücke speist.
Die Folgezeit verändert viel
und setzet jeglichem sein Ziel.

6)
Es sind ja Gott sehr leichte Sachen
und ist dem Höchsten alles gleich:
Den Reichen klein und arm zu machen,
den Armen aber groß und reich.
Gott ist der rechte Wundermann,
der bald erhöhn, bald stürzen kann.

7)
Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
verricht das Deine nur getreu
und trau des Himmels reichem Segen,
so wird er bei dir werden neu;
denn welcher seine Zuversicht
auf Gott setzt, den verlässt er nicht.

Auch die Melodie trägt.

Das Lied erwischt mich voll, plötzlich entstehen Feuchteflecke in den Augenwinkeln: Genügend Sorgen waren da, die anderer, auch eigene und familiäre. Manches läuft einem hinterher. Der Text, die Worte: elementar. Und ich denke an einige, denen diese Worte gut tun können.

Einem Menschen habe ich sie zugeschickt, sie haben geholfen, obwohl zuvor wenig in diese Richtung geprägt hat. Das verdoppelt für mich die Wirkung dieser Worte. Ganz wie Georg Neumark das gedichtet hat. Irgendwie.

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18 Antworten to “Voll erwischt”

  1. allemeineleidenschaften Says:

    Das glaub ich gerne, dass diese Zeilen helfen können, da, wo sie gebraucht werden.
    Aber auch mir hat gerade die 2. Strophe vor Augen geführt, auf welch hohem Niveau ich nach dem Aufstehen in Gedanken gestöhnt habe. (Die Müdigkeit steckt mir noch in den Knochen, nach gestriger anstrengender und körperlicher Arbeit, und ich nörgelte rum, dass ich doch so gern noch in meinem Bettchen bleiben wollte).
    In weiser Voraussicht, dass ich gleich wieder viel zu tun habe, nörgele ich aber nicht mehr, denn es stimmt: Klagen versaut einem nur den guten Tag! 🙂
    In diesem Sinne: Ich wünsche allen einen fröhlichen, sonnigen und gesunden Tag und verlängere den Wunsch noch übers Wochenende 😉

  2. preachitbaby Says:

    Das rechte Wort zur rechten Zeit. Danke!

  3. minibares Says:

    Davon werden bei Beerdigungsmessen ja immer nur die Strophen 1, 2 und 7 gesungen.
    Die anderen waren mir gar nicht bekannt. Danke dafür, lieber Jörg.
    Die können auch mir helfen.
    Ganz liebe Grüße Bärbel

  4. Tausend Says:

    Gestern habe ich mir den Kopf über diese Stelle zerbrochen (konnte ihn aber wieder zusammenleimen). Die Lesart mit dem lateinischen Ausdruck sagt mir zu. Im Griechischen, das hab ich jetzt aus Neugier auch nachgeguckt, steht merimnao, was wohl wieder beide Sinnrichtungen zulässt. Allerdings ist der Kontext ja doch recht eindeutig, es geht darum, nicht nach irdischem Reichtum zu streben, nichts anzuhäufen und dem Wohlwollen Gottes mehr zu trauen als seinen eigenen Händen. Im Grunde genommen ist das eine Absage an Ackerbau und Viehzucht.
    Wörtlich nehmen könnte man es schon, z. B. wenn man alles aufgibt, was man hat und in einen Orden eintritt. Das wäre eine praktische Konsequenz, die der Aufforderung wirklich folgt.
    Wenn es um die innere Haltung zum Leben geht, finde ich die Stelle nicht so sehr hilfreich, da kann ich mit stoischer oder hedonistischer Philosophie mehr anfangen.
    Das ist nur für den Kopf. Herz lasse ich gerne anderen.

  5. schnuppismama Says:

    Eines meiner Lieblingslieder!

  6. Chris Says:

    Schwerte: da wohne ich ganz nah
    😉

    Danke für den wunderbaren Text.
    Hab ich noch weitergeleitet an eine gläubige Freundin

    Gruß Christel

  7. Hase Says:

    DANKE
    das Lied hat heute der Kirchenchor im Gottesdienst gesungen
    und in der Predigt war es auch Thema

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