Besiege das Böse durch das Gute

Lass dich nicht vom Bösen besiegen,
sondern besiege das Böse durch das Gute!
Bibel, Brief des Paulus an die Römerbrief, Kapitel 12, Vers 21

Das ist leicht gesagt und schwer getan.
Der Verfasser, Paulus, traut es der christlichen Gemeinde in Rom zu. Und wir sollten es uns und anderen Menschen auch zutrauen. Oder zumuten: Dem Bösen widerstehen, indem wir das Gute tun. Wir können das. Wir müssen nicht die Aggression ausleben. Wir müssen nicht nachkarten. Es geht.

Gerade im Kleinen ist es nötig. Die schlechte Laune der Arbeitskollegen, die dumme Bemerkung der Nachbarin, das kann ich freundlich erwidern. Nur: es ist so anstrengend. Es entspricht oft nicht dem ersten Impuls. Das erste Signal ist oft: Ich werde stocksauer. Was mir dann hilft, ist, das böse Gefühl vorüberziehen lassen. Und dann kann ich überlegen, was ich tun kann, damit die Lage gut wird.

Gerade im Kleinen ist es nötig, doch oft helfen mir die großen Beispiele: dass Menschen sich versöhnen, die eigentlich Feinde sein können. Wie Phyllis und Aisha. Beide sind Mütter.
Phyllis Rodriguez hatte einen Sohn. Greg ,35 Jahre. Er hat im World Trade Center gearbeitet, 103. Stockwerk. Am 11. September 2001 ist er dort verbrannt, zusammen mit bald dreitausend anderen Menschen.
Aisha el-Wafi hat auch einen Sohn. Zacarias. Er sitzt im Gefängnis. Er hatte sich für die Attentate vorbereitet, aber war ein paar Tage vorher entdeckt und festgenommen worden. Seine Mutter hatte davon keine Ahnung gehabt.
Sie schämte sich für ihren Sohn.
Sie wollte die Angehörigen von Menschen kennen lernen, die durch die Attentate gestorben sind. Und ihr Mitgefühl ausdrücken. So fand sie Phyllis. Die beiden lernen sich kennen, erzählen einander von ihren Söhnen. Weinen miteinander. Werden im Laufe der Zeit zu Freundinnen.

Und dann der Gerichtsprozess gegen Zacarias. Der Staatsanwalt plädiert auf Todesstrafe. Aber 35 Angehörige von Opfern wurden zu Fürsprechern für ihn. Er war ja nicht beteiligt . Er war ja schon im Gefängnis, als die Attentate passierten.
Außerdem: „Unsere Angehörigen werden dadurch nicht wieder lebendig, dass er stirbt.“ Vergeltung hilft niemand. Was wir brauchen ist Versöhnung.
Auch Gregs Vater hat ein solches Plädoyer gehalten. Dieser Einsatz hatte Erfolg. Zacarias blieb am Leben. Er hat jetzt eine lebenslange Gefängnisstrafe. Und die Mütter arbeiten miteinander für Versöhnung.

(Siehe http://theforgivenessproject.com/stories/phyllis-rodriguez-aicha-el-wafi-usa/
Informationen auf Deutsch: https://de.lifestyle.yahoo.com/freundschaft–aicha-el-wafi-und-phyllis-rodriguez-162326133.html )

Oder die Angehörigen der ermordeten Jugendlichen in Israel und Palästina: während das für die Mehrheit auf beiden Seiten Anlass war, zu den Waffen zu greifen, haben sich Angehörige der Jugendlichen von beiden Seiten getroffen und sich gegenseitig getröstet. (http://forward.com/articles/201500/families-of-slain-israeli-and-palestinian-teens-tu/

Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute! Wir können es. Wir können es versuchen. Und wir können einander dazu ermutigen.

Eine gute Zeit in diesem Herbst!

Andacht im Gemeindebrief (September bis November 2014)

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24 Antworten to “Besiege das Böse durch das Gute”

  1. Claudia Sperlich Says:

    Sehr große Beispiele und ein guter Ansporn.
    Wo es schon schwierig genug ist, die eigenen genervten und gehässigen Gedanken durch Freundlichkeit dem Nerver gegenüber zu überwinden.

  2. nandalya Says:

    Zwei Gedanken zu deinem Text: Impliziert das Wort „Sieg“ nicht auch einen Kampf? Wäre mehr Toleranz unter den Menschen und Religionen nicht der bessere Weg?

  3. OneBBO Says:

    Statt Tränen der Rührung zu vergießen, fände ich es interessanter herauszufinden, was zusammentreffen muss, damit solche zwischenmenschlichen Überraschungen passieren können usw. Kann die Friedensforschung etwas dazu beitragen?

  4. Chris Says:

    Wenn alle Menschen „nur ein wenig“ davon umsetzen würden: wäre unser aller Leben viel reicher, friedlicher und schöner.

    Grüße von Christel

    • theomix Says:

      alle Menschen? Das verschwindet im Nebel. Du und ich.
      Gespräch an der Kirchentür:
      „Herr Pfarrer, Ihre Predigt heute über die Sünde, ich war beeindruckt.“
      „Haben Sie bei sich viel erkannt?“
      „Neee, aber wenn nur die Nachbarn heute hier gewesen wären, denen haben Ssie es so richtig gegeben.“

  5. Hase Says:

    DANKE für deine Andacht !
    Schön, dies zu lesen, es weckt Erinnerungen bei mir:
    „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem (Römer 12,21)“
    das ist der Konfirmationsspruch meiner Tochter vom 24. März 2002.
    Ihre positive Lebenseinstellung und die vielen Erfahrungen, die sie während des Studiums auch im Ausland gesammelt hat, kann sie nun neben ihrem privaten Umfeld auch in ihrem sozialen Beruf einbringen.

    Ja, jeder ein bisschen gibt viele bisschen…..

    einen guten Herbstanfang auch dir !

  6. Mirjam Marschall Says:

    Kann man das Böse denn nur besiegen wenn man an Gott glaubt? Kann Gott die Menschen da beeinflussen?
    Aber die, die an ihn glauben tun das doch auch nicht, oder?

    • theomix Says:

      Nein.
      Wohl, aber auf der Ebene der eigenen Verantwortung ist es egal.

      Wäre es so, hätte Paulus es nicht an eine Christengemeinde geschrieben.

  7. minibares Says:

    Sehr gute Beispiele, lieber Jörg.
    Genau, im Kleinen damit anfangen ist das Beste. Da geht es…

  8. freiedenkerin Says:

    Wenn betrunkene Kunden am Tabakstand auf dem Oktoberfest mich als alte Schlampe, Drecksau und Nutte beschimpfen, weil sie der Meinung sind, unsere Waren seien zu teuer, obwohl wir ganz normale Ladenpreise verlangen, wenn ein Besoffener vor meinen Augen die Hosen ‚runter lässt und ungeniert zu on.anieren beginnt, wenn gefragt wird, ob im Zigarettenpreis auch das Bla.sen bzw. der F.ick inbegriffen sei, dann MUSS man unbedingt die Ruhe bewahren, und darf dergleichen nicht an sich heran lassen, denn das geringste Zeichen von Aggression könnte unter Umständen lebensbedrohliche Auswirkungen haben.

    • theomix Says:

      Puh, üble Kiste. Dass hätt ich auch nicht gedacht, dass die Umsetzung der Friedensethik auf der Wiesn überlebensnotwendig wird. 😯

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