Zur Weisheitsbewegung in der Bibel

Vor gut einem Vierteljahr hatte ich bei einem Beitrag Nachfragen zur biblischen Weisheit. Ich habe das zusammengefasst, es ist sehr stichwortartig und komprimiert. Wenn ich es besser haben wollte, müsste es noch länger warten. Ich veröffentliche es aber jetzt. Wer Fragen hat, kann sie ja stellen. 😉

Ich gebe wieder, was so ausgangs des Studiums hängen geblieben ist.

In der Bibel gibt es ausdrücklich so genannte Weisheitsbücher: Hiob, Sprüche, Prediger (Kohelet), Hoheslied. Sie sind Teil einer Weisheitsbewegung im Alten Orient. Besonders viel weiß man aus Ägypten.

A. Die frühe Weisheit:

Mit König Salomo begann eine Epoche, in der das Königreich Israel durch ein Machtvakuum zwischen Ägypten und Babylonien zu größer Ausdehnung kam. Das brachte dann einen regen kulturellen Austausch mit den Nachbarstaaten.

Die Weisheit war Importgut. Sie bemühte sich, Erfahrungswissen zu sammeln.

Das Axiom der Weisheit: Es gibt in der vorhandenen Welt eine Ordnung. Sie zu durchschauen ist die Kunst!
Im Verhalten des Menschen entdeckte man den „Tun-Ergehen-Zusammenhang“:
Was du tust, hat Folgen, die zu dir zurückkommen.
Das prägt die Spruchsammlung Sprüche 10 -22.

B. Die Blüte der Weisheit

Sprüche 1 – 9 stellt ein späteres Stadium dar: Hier begegnen größere Texteinheiten, sie haben deutlich ein pädagogisches Interesse. Die Weisheit ist nicht nur eine Tugend, sie tritt auch als fiktive Person auf.

C. Die Krise der Weisheit:

Der Tun-Ergehen-Zusammenhang kriegt Kratzer: Wie ist das, wenn der gute Mensch gar nicht das Gute bekommt, das er verdient, und es dem Bösen bis zuletzt gut geht? Stimmt die Tradition da noch? Diese Fragen prägt das

a. Buch Hiob

Es besteht aus drei (bis vier) Schichten:

I. Rahmenhandlung

Sie ist noch von der Tradition des TEZ geprägt.
Die Wette zwischen Gott und  Satan über das Verhalten des Hiob. In der 1. Wette kriegt der gerechte und gute Hiob eine eklige Hautkrankheit. Aber er hält an Gott fest. Dann kommt es härter; innerhalb kurzer Zeit überbringen Boten die Nachricht, dass alle seine Kinder verunglückt und gestorben sind. Auch da bleibt Hiob treu und schwört Gott nicht ab. Daraufhin wird er mit neuen Kindern und neuem Reichtum beschenkt.
Im Wechsel von himmlischer Szene und Handlung auf der Erde fehlt eine Szene: Was Gott mit Satan macht, als er die Wette verloren hat. Vermutung: Sie ist gestrichen worden. Denn da steht jetzt viel Umfangreicheres und Längeres:

II. Das Streitgespräch zwischen Hiob und seinen drei Freunden

Als es Hiob am schlechtesten geht, kommen drei Freunde zu ihm, bleiben zunächst schweigend bei ihm und wollen ihn dazu bringen, sich selbst zu erforschen, ob er nicht etwa eine verborgene Schuld auf sich geladen hat; trotz reinem Gewissen hat er vergessen sie zu nennen.
Heutige Lesegewohnheiten hätten gerne einen deutlichen  roten Faden. Der ist leider nur schwer zu entdecken. Als Tendenz zeigt sich: Hiob steigert seine Unschuldsbeteuerungen und legt die Verantwortung für sein schlimmes Schicksal auf Gott. Ja, er ruft Gott zum  Zeugen gegen Gott an. Damit fordert er ihn heraus.

III. Der vierte Freund

Plötzlich sitzt da ein vierter Freund in der Runde. Er ist mit allem überhaupt nicht einverstanden und verteidigt den TEZ – der eben nicht so deutlich sei. Hiob hätte besser hinhören müssen. Der Freund monologisiert über mehrere Kapitel, ohne dass Hiob den Hauch einer Chance zur Antwort bekäme.

IV. Gottes Antwort – zu II.

Gott antwortet aus dem Sturmgewitter und weist Hiob zurecht. Er wäre nur ein kleiner Mensch und könne in Gottes Walten nicht hereinfummeln. So bringt er Hiob zum Schweigen.
Zu guter Letzt rechtfertigt er Hiobs Reden und weist die Argumente der Freunde ab. (Was dann auch dem vierten gilt!)

Nicht unbedingt ermutigend, diese Gedanken. Eine mögliche Konsequenz ist

b. Das Buch Kohelet/ Prediger

Inhalt kurz zusammengefasst: Da man eh nichts Genaues weiß und alles vergänglich ist, soll man am besten das Leben maßvoll genießen und Gott einen guten Mann sein lassen, äußeres Befolgen der Regeln inklusive.

D. Anhang: Das Hohelied

Eine Sammlung von Liebesliedern. Wie sie es die in die Bibel geschafft haben, weiß man nicht so genau. Als weisheitlich zählen sie, weil sie Salomo erwähnen. Und Liebe und so Sachen gehören nun mal zur Schöpfung, dem Forschungsobjekt der Weisheit.
Mystische Deutungen haben dieses kleine Buch vor der Sittenzensur gerettet. Was zwischen Mann und Frau spielt, lässt sich auf Gott und seine Braut, das Gottesvolk, deuten.

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33 Antworten to “Zur Weisheitsbewegung in der Bibel”

  1. nandalya Says:

    Punkt IV, erster Absatz: Ist der weise, der sich derart über andere erhebt? Ist der weise, der Kinder tötet, um Menschen auf den Weg eines Gottes zu bringen? Ist der weise, der mit einem Teufel wettet und als Einsatz die Leben von Menschen setzt?

    • theomix Says:

      Alles nein. Hier zieht der Autor die Fäden und Gott ist eine Romanfigur. Allerdings: Gott rückt nahe an einen zynischen Tyrann.

    • Murenus Says:

      Ich glaube, die Wette mit dem Teufel soll darauf zielen, die Ohnmacht des Teufels zu zeigen. Ich meine, letztendlich ist das Hiobbuch eine Deutung Gottes. Und die Deutung, die es vorschlägt richtet sich u.a. gegen theologische Strömungen, die den Teufel (oder etwas vergleichbares) als Grund von allem Übel annehmen wollen.
      Und auch soll es doch in der Geschichte nicht um einen Gott gehen, der Kinder tötet. Am Ende der Geschichte leben sie doch wieder, oder? Gerade hier hat das Buch ja ziemlich märchenhafte Züge, die etwas lehren wollen.
      Ich finde es immer schwierig, einen Teil aus einem Buch herauszunehmen. Gerade das Buch Hiob hat so viele Antworten auf den Umgang mit Leid und richtet sich gegen so viele Gegenpositionen, dass es schwer ist, da nur eines heranzuziehen. Gerade weil die Antworten auch zusammenhängen. Es ist ein zusammenhängender Versuch von Menschen, die Frage des Leids zu erklären vor dem Hintergrund, dass der Tun-Ergehen-Zusammenhang – also, sei gut und es geht dir gut – eben nicht greift.
      Aber ja, in einer Welt, die so schlecht wie die unsere ist, an einen Gott zu glauben, hat etwas zynisches. Die Frage ist, ob das schlecht ist…

  2. Murenus Says:

    Sehr coole Zusammenfassung. Nur bei deiner Bewertung Hiobs würde ich widersprechen, dass das Ende nicht ermutigend sei. Hiob wird ins Recht gesetzt. Die, die nach Gründen suchen, werden verworfen. Die, die die Schuld bei Hiob suchen. Hiob hingegen, der Gott anklagt, dem wird recht gegeben von Gott. Ich finde das durchaus ermutigend. Ich finde das Hiobbuch bis heute eine der schlüssigsten Antworten auf die Theodizeefrage.

    • theomix Says:

      Danke.
      Widerspruch dankend entgegengenommen. Denn die Rechtfertigung Hiobs ist auf alle Fälle ermutigend.
      Allerdings sehe ich das nur für den Dialogteil. Den Vorwurf des Zynismus bei der Rahmenhandlung ist nicht ganz von der Hand zu weisen. (Mag es auch anachronistisch sein so zu denken.)
      Und ich bin auch kritisch, was die Gottesreden betrifft. Um Hiob in seiner Rede zu rechtfertigen braucht es keine Gottesrede, die den Hiob erst klein macht (und seine Fragen nicht beantwortet). (Wobei darin auch eine gewisse Weisheit liegt, es gibt auf diese Fragen vermutlich keine befriedigende Antwort.)

      • Murenus Says:

        Die Rahmenhandlung hat einen zynischen Grundtenor. Das stimmt. Nicht ohne Grund wird ja in der Forschung davon ausgegangen, dass Rahmen und Dialoge erst sehr spät zusammengefügt wurden und eigentlich getrennte Geschichten waren.
        Aber, genau wie du es sagst, die Weisheit ist die Nicht-Antwort bei gleichzeitiger Rechtfertigung des Klagens gegenüber den Freunden, die nach Antworten und Verantwortung gesucht haben.

  3. Tausend Says:

    Danke, interessant, mal mehr Zusammenhänge zu sehen.
    Würde das für das Buch Hiob bedeuten, dass jeglicher Einfluss des Menschen auf sein eigenes Ergehen abgewiesen wird? Dass Hiob zwar Recht hatte, zu erkennen, dass er der Willkür Gottes ausgeliefert war, es ihm aber prinzipiell nicht zusteht, sich einzumischen? Was daran beruhigend sein könnte, sehe ich auch nicht. Bleibt ein despotischer Gott und die zerstörte Illusion, der Mensch hätte wenigstens ein kleines bisschen Freiheit für sein eigenes Leben.

    • theomix Says:

      Wie immer die israelische Weisheit aussah, Determinismus war nicht ihr Ding.
      Bei Hiob geht es ja um eine Krise des Tun-Ergehen-Zusammnehangs. was passiert, wenn man ihn ersatzlos auflöst, steht, so deute ich das, im Buch Prediger. (Dessen Lebenssicht ja auch nicht gerade pures Glück ist.)
      Die Sprüche vom Sorgen in der Bergpredigt greifen das weisheitliche Denken auf. Vorausgesetzt und gesagt wird, dass Gottes Willen für die Menschen gut ist. Meine Basis, sozusagen…

      • Tausend Says:

        An Determinismus habe ich auch nicht gedacht, das wäre mit göttlicher Willkür ja nicht zu vereinen. Ich frage mich nur, was das für den Menschen und sein Verhalten zu bedeuten hätte. Insgesamt wirkt diese Weisheitsliteratur unklarer und umwegiger im Vergleich mit griechischen Philosophen. Oder nur weniger vertraut und mehr kontextabhängig.

        • theomix Says:

          Die hebräische Weisheitsliteratur setzt früher an als die griechische Philosophie. Vielleicht sind deshalb beide schwieriger zu vergleichen.
          Gnade, Rettung haben etwas Willkürliches. Und woran Gnade zu spüren ist, steht auch noch nicht fest… rettung hat den Nachteil, dass für ein paar Gerettete andere hopps gehen müssen…
          Im Sinne der Weisheit könnte ja sein,e s einfach zu probieren, wie man zurechtkommt und im Rückblick auszuwerten, wie es einem selbst geht. Das Ergebnis ist vorläufig. (Sonst wäre das nicht weise. Meine ich.)

        • Tausend Says:

          Wahrscheinlich sind sie schwer zu vergleichen, weil die Ausrichtung so anders ist. Das Alter sagt m. E. weniger als eine bestimmte Haltung, die nicht zeitgebunden sein muss. Ich erhoffe mir von „weisen“ Texten Vorstellungen zu existentiellen Fragen. Nicht zwingend Übereinstimmung, aber zumindest ein bisschen mehr Richtung. Nach dem, was Du schreibst klingt das Buch Kohelet interessant. Das werde ich erstmal lesen (und es dann wahrscheinlich mit einer griechischen Schule vergleichen und Dich dann mit einer Behauptung ärgern, dass die Griechen es viel klarer gesagt haben, oder auch nicht).

        • theomix Says:

          Mach ma. ich ärger zurück. Verrat aber noch nicht wie. Vielleicht pöbel ich ein wenig herum wie Hiob. Mal sehen…

        • Tausend Says:

          Ich hab mein Laserschwert immer dabei.

        • theomix Says:

          Leider sind Laserschwerter bei philosophischen und theologischen Auseinandersetzungen nicht zugelassen.

        • Tausend Says:

          Das macht nichts, meins ist unsichtbar. Wie willst Du es verbieten?

        • theomix Says:

          Ich habe da Mittel und Wege, aber die lege ich nicht offen.
          Spätestes, wenn du es benutzen willst, würde ich es sowieso merken.
          Vor allem hier auf dem Blog wird es dir nicht gelingen, es zu benutzen.

        • Tausend Says:

          Wittel und Mege, das sagst Du nur. Ich benutze es unsichtbar, das kannst Du nicht sehen, denn Du kannst mich ja nicht sehen. Da müsstest Du ja fähig sein, ein unsichtbares Laserschwert, heimlich geführt von einer nicht zugegenen Person, zu sehen.

        • theomix Says:

          Ich merke die Nichtwirkung. Das genügt fürs Erste.

        • Tausend Says:

          Fürs Erste mag es reichen, das Minus-Erste ist unerreicht.

        • theomix Says:

          Im Reich der Dinge gähnt die Leere, wenn das Erste zum Minus-Ersten kommt.

        • Tausend Says:

          Wenn das Erste zum Minus-Ersten kommt, kommt zum Ersten der Besuch der alten Dame, und das Vakuum ist mehr als gefüllt.

        • theomix Says:

          Der König Salomo kommt. Bei diesem Beitrag!
          Der Effekt ist der gleiche.

        • Tausend Says:

          Ich habe das Buch gelesen und finde es schwer vorzustellen, dass das den Menschen ausgereicht hat. Es sind sehr viele Worte für sehr wenig. Vielleicht erwarte ich zu viel von den Texten. Bei vielen philosophischen Texten (auch wenn ich inhaltlich nicht zustimme), öffnen sich meistens Welten. Diesen Eindruck hatte ich im AT noch nie, und ich frage mich immer wieder, was das ist, das mir verborgen bleibt.

        • theomix Says:

          Geistesgeschichtlich ist die AT-Weisheit im Verhältnis zu Plato vor-philosophisch. Die erste Weisheit war gleichzeitig auch vor-naturwissenschaftlich.
          Darin liegt für mich die eine Faszination: ein Versuch, einen Gesamtblick auf die Welt zu bekommen. Allerdings ist einiges vom Zettelkasten mit aufgeschrieben.
          Faszination Nummer zwei: In den Geschichtsbüchern, den Psalmen das Archaische. Ein Zulassen der Emotionen, v. a. der Aggression. Ich denke da, nicht, das wäre gut, aber so ist der Mensch.
          Die Weisheit sieht da auch eher ein pädagogische Aufgabe und mahnt zur Mäßigung. Na ja, immerhin.

          Natürlich bringt das Gegeneinanderhalten von Eindrücken keinen Konsens hervor, aber wir kennen unsere Gesichtspunkte.

        • Tausend Says:

          Das vorwissenschaftliche Interesse ist bei den Vorsokratikern auch da, und sie scheinen ja auch weniger griffig als Plato, auch wegen der Form. Den Versuch auf den Gesamtblick finde ich auch faszinierend. Ich sehe manches überhaupt erst im Gegeneinanderhalten der Eindrücke und finde es bereichernd, manchmal mindestens so sehr wie die Lektüre selbst.

        • theomix Says:

          Von den Vorsokratikern ist nicht so viel Schriftliches da, so weit ich weiß. (Man sollte sie nicht Vorsekretiker nennen, nur weil Heraklit „Alles fließt“ [πάντα ῥεῖ] gesagt hat.)

        • Tausend Says:

          Man kann sie auch nicht Versekratiker nennen, weil sie nicht gedichtet haben.

        • theomix Says:

          Welch weise Einsicht.

        • Tausend Says:

          Wer mit den Weisen umgeht…

        • theomix Says:

          Was weis ich.. 😉

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