Erinnerungen – fast eine Momentaufnahme

Auf einer Jubiläums-Konfirmation:  Ein Jubilar gibt Erinnerungen zum Besten. Anders als die anderen ist er ein “Schriftgelehrter”: Damals Lehrerkind, dann selbst Lehrer geworden.

Er hat ein paar handschriftliche Notizen, die kurzweilig zu hören sind. Der Vater wurde in der Nazizeit in den Ort strafversetzt und musste auch ein Mal wegen politischer Unbotmäßigkeit ein paar Tage ins Gefängnis. Nach dem Krieg hatten es auf dem Dorf die Bauern leichter, ein Dorflehrer hat weder Kühe noch Äcker.

“Eines Tages”, erzählt der Jubilar, “hatten wir so wenig, da musste ich mit meinem Vater betteln gehen, in die Nachbardörfer. Von einer Bäuerin bekamen wir ein Butterbrot mit Gelee, das wollte ich mit meinem Vater teilen. Aber er sagte, er hätte keinen Hunger. Da habe ich es natürlich gerne gegessen.

Am Abend kamen wir nach Hause – mit drei Kartoffeln.

Am andern Morgen kam ich in die Küche – und  da stand ein Eimer voll mit Kartoffeln auf dem Tisch.”

Seine Stimme wird bei den letzten Worten brüchig, die Augen werden ihm feucht. “Entschuldigung”, sagt er, und fährt fort: “Als mein Vater mich sah, sagte er: ‘Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben gestohlen.’” Pause, seine Mundwickel zucken.

Ein Jubilar gegenüber schluchzt auf und hat nasse  Augen.

Und schon weiter im Text…

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12 Antworten to “Erinnerungen – fast eine Momentaufnahme”

  1. interplanetar Says:

    Fringsen, (Mundraub) war im Krieg nicht stehlen. Und gerade, wenn es aus Not und Hunger geschieht, kann, darf , das nicht Strafsache, sein. Erzählung nach ca. 30 Jahren oder noch mehr, sind allerdings kein Tatsachenbericht, ausgenommen bei urkundlich Nachweislichem. Erinnerungen werden mit Bearbeitung verändert, im Laufe der Jahre. Sehr viel wird auch vergessen.

  2. Frau Tonari Says:

    Ich bin gerade auch ein bisschen gerührt.

  3. minibares Says:

    Tja, solche Erinnerungen gehen tief.
    Er fühlt sich vermutlich immer noch schuldig, das Butterbrot allein verputzt zu haben.
    Da schwingt wohl so einiges mit….

  4. Hase Says:

    das berührt auch mich gerade sehr,
    danke !

    • theomix Says:

      Danke, ich habe meinen eigenen Eindruck weitergegeben.
      Gerade der Schluss nagte, d er tauchte erst eine Weile später wieder auf. ‚Moment, da war nicht nur die Erzählung.‘

  5. interplanetar Says:

    Poesie zur Jubiläum falscher Erinnerungen, mit Herzilein.
    Der Eind“Ich war schon ziemlich ein Christ,
    Und war´ es noch mehr geworden,
    Doch mir verleidet ist
    Auf einmal der ganze Orden.
    Ihr machet es mir zu toll
    Mit eurem christlichen Leide:
    Mein Herz ist noch freudenvoll,
    Darum bin ich ein Heide.
    Bricht einst mein Lebensmut,
    Dann könnt ihr vielleicht mich erwerben;
    Denn eure Lehr´ ist gut
    Zu nichts auf der Welt als zum Sterben.“
    (Friedrich Rückert, 16.5.1788-31.1. 1866: „Haus- und Jahreslieder“)ruck in deinem Gehirn

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