Tränen nachweinen?

– Fragmentarische Gedanken –

Als mein Vater, einer aus den 20-er Jahrgängen, am 8. Mai 1945 in britische Kriegsgefangenschaft ging, musst er seine Waffen abgeben. Er habe, so hieß es, dabei Tränen in den Augen gehabt.

Zu allen Verbrechen, die die Nazis angestellt haben, können wir ihnen auch das auf die Rechnung schreiben: Sie hatten die Köpfe und meist auch die Seelen der jungen Leute besetzt. Ganze Jahrgänge waren, sofern sie es körperlich überlebt hatten, seelisch verheizt worden.

Nach dem Krieg galten die angeeigneten Werte von einem Tag zum anderen nichts mehr. Waren nun ins Gegenteil verkehrt: Man hatte an Verbrechen mitgewirkt.  Ich stelle mir vor, es gab eine große Leere in den Seelen.

Was kam stattdessen? Das Gefühl, ein niedergeschlagenes Land wieder aufzubauen; später, Wohlstand erreicht und etwas geleistet zu haben.  Obendrauf ein bisschen angelernte Demokratie, darunter noch die aufgesogene Ideologie. Gepaart mit sentimentalen Erinnerungen an Lagerfeuerromantik. Lieder am Feuer zur Klampfe ziehen immer, egal, welche Texte man singt.

Die 20-er Jahrgänge haben ihre Jugend und die ersten Jahre des Erwachsenseins vergeblich geopfert. Sie wurden zu Tätern und Mitläufern. Sie waren nicht alt genug, um ausreichend Alternativen zu kennen. Oft erkennt man eine Befreiung erst spät. Sehr spät. Manche von ihnen konnten es nie.

46 Antworten to “Tränen nachweinen?”

  1. Susanne Haun Says:

    Sehr eindrucksvoll geschildert, Jörg. Erst die jetzige junge Generation entkommt den Schrecken dieses Krieges, wie haben noch alles aus zweiter Hand miterlebt.

    • tmp Says:

      Ich habe ganz wenig „aus 2.Hand erlebt“, weil mein Vater ( Jahrgang 1918 ) NIE über seine Kriegserlebnisse erzählt hat. Er konnte und er wollte es wohl nicht. Nur eine einzige Geschichte, die er mir anvertraut hatte, ist mir im Gedächtnis, als er am Kriegsende sich mit seiner Panzertruppe immer weiter „zurückfallen“ ließ vor den vorrückenden Russen und es schließlich in Sachsen bis ans Elbufer schaffte. Dort hat dann die ganze Kompanie nachts heimlich ihre Panzer verlassen, die Geschütze wurden zum Schein von den Verletzten weiter bedient, und ist durch die Elbe geschwommen, um bloß in amerikanische Gefangenschaft zu kommen…
      Aber auch die Jahre nach dem Ende waren meinem Vater zu schwer, um darüber zu sprechen.
      Ich weiß nur wenig, außer, dass er 1951 an der Uni Kiel sein Volkswirtschaftsstudium begann… Bis zu seinem Tod war er einer der wichtigsten Männer im deutschen Pressewesen…
      WIR alle, besonders die ganz junge Generation, die von dieser schlimmen Epoche Deutschlands nichts mitbekommen hat, verdanken unserer Elterngeneration – trotz des Krieges – unheimlich viel.
      Dieser unbeschreibliche Wiederaufbau, den sie geleistet haben, wird einzigartig in der Geschichte bleiben.
      Das Europa, in dem wir heute, habe sie alle damals aufgebaut. Ein Leistung, die ihresgleichen sucht…

      • theomix Says:

        Diese Leistung war aus der Not geboren.
        Und die seelischen Schäden wurden an die folgende Generation weitergereicht.
        Hätte Hitler den Krieg gewonnen, hätten unsere Väter vermutlich genau so fleißig und erfolgreich am Ural Unkraut ausgerottet. Also, zum einen wörtlich gesiedelt und zweitens in Anführungsstrichen, … und wenn auch nur den Spezialeinheiten überlassen…

        Not treibt einen Menschen manchmal zu Höchstleistungen an. Das ist geschehen, und dass es nicht anders kam, ist gut so. Ich betrachte diese Generation nachsichtig. Mehr nicht. Und auch nicht weniger.

    • theomix Says:

      Und hatten auch indirekte Folgen mitbekommen, die Spätfolgen der Schäden…

  2. magguieme Says:

    Ein „Gefällt mir“ für diesen Text fällt mir schwer, ein Danke gar nicht.
    Danke.

  3. Hase Says:

    dein Beitrag berührt mich gerade. Mein Schwiegervater ist 1920 geboren und am Sonntag Abend verstorben. Manchmal hat er uns von seinen Kriegserlebnissen erzählt…

    • theomix Says:

      Mit Anfang, Mitte 20 Menschen auf Befehl töten – wenn ich überlege, wie ich mich in diesem alter gefühlt habe: Grausam so etwas.

  4. nandalya Says:

    Sehr gut und für mich sehr gut nachvollziehbar formuliert. Ich mag kämpferisch sein, aber Kriege mag ich nicht. Als Kind zweier Welten habe ich von diesen alten Zeiten durchaus gehört. Japan, Deutschland, die sogenannten glorreichen Zeiten. Ich habe Leni Riefenstahls Propagandafilm(e) gesehen und die gläubigen Gesichter. Und viele davon waren mit Sicherheit echt. Auch in Japan war das so. Und dann frage ich mich immer wieder: Wo wäre die Welt, wenn Frauen regierten? Hätte es diese Kriege dann auch gegeben?

    Eine ganze Generation hat man um Jugend, um Leben und Gesundheit betrogen. Im Endeffekt war es die Jugend der Welt. Wo wären wir heute, wenn es diese Kriege nie gegeben hätte? Welche Leistungen, Künstler hätte es gegeben? Tränen nachweinen? Auf keinen Fall. Jener Ungeist dieser vergangenen Zeiten sollte für immer ruhen.

    • tmp Says:

      Der „UNGEIST“ soll für immer ruhen, da gebe ich Dir Recht…

      Aber die Erinnerung darf niemals verblassen…

      Ich habe in den letzten drei Monaten junge Menschen aus Berlin und Brandenburg kennengelernt, die nicht einmal mehr richtig über die „DDR“ informiert sind und schon gar nicht wissen, wie es zu der deutschen Teilung kam…
      Das finde ich sehr traurig, weil das gesellschaftliche Bewusstsein damit immer mehr verflacht…

      • theomix Says:

        Geschichtsvergessen kann halt kommen.
        Schädlich finde ich es auch.
        Aber das Gesülze von den Autobahnen, die Hitler.. und alles wäre nicht so schlimm gewesen.. . habe ich auch noch im Ohr.

        • tmp Says:

          Kein Mensch redet hier von Autobahnen…
          Es muss aber ins gesellschaftliche Bewusstsein eingehämmert werden – immer wieder, wie auch die jüngste Geschichte außerhalb Europas zeigt -, dass eine menschenverachtende, rasseverherrlichende Denkweise unwürdig ist…

        • theomix Says:

          Gott sei Dank redet niemand mehr von Autobahnen! Bis in die Achtziger gab es solche Dummsprücvhe.
          Und, sorry, „muss .. eingehämmert werden“ – ist aggressive Sprache, die Militarismus und Faschismus gerne benutzen.

        • tmp Says:

          Lieber Jörg, es ist wohl klar, dass ICH mich schärfsten gegen Faschismus und Militarismus stelle…
          Wenn ich so eine martialische Formulierung benutze, dann ist dass Ausdruck, meiner Überzeugung, wie DRINGEND notwendig ich es finde, dass man diese Dinge nicht aus dem Bewusstsein eines jeden Menschen und der Gesellschaft erst recht verliert, nur weil sie in Deutschland schon zwei Generationen her sind…

        • theomix Says:

          Das klingt jetzt ganz anders. Mich prägte ein Zitat im Zitat:
          Lutz Rathenow bemerkte Anfang der Achtziger, er habe in einer Radiosendung den damaligen Innensenator sagen hören: „Bei der Militarisierung der Sprache müssen wir aufpassen wie die Schießhunde.“ Ihn habe das sehr nachdenklich gemacht.
          Mich auch.

      • nandalya Says:

        Weißt du, es ist so eine Sache mit den Erinnerungen. Geschichte sollte zwar im Bewusstsein der Menschen bleiben, aber deren Leben nicht für immer dominieren.

        Als die Mauer fiel war ich 6 Jahre alt und erst sehr kurz in Deutschland. Über die DDR habe ich also auch erst in der Schule gelernt. Ich weiß noch, wie seltsam ich die Trennung der Staaten damals fand.

        Als Deutsche mit japanischen Wurzeln kenne ich die Geschichte beider Nationen. Und sie hat mich immer interessiert. Für mich ist schwer vorstellbar, dass jemand daran kein Interesse hat.

    • theomix Says:

      Sicher gab es – gerade bei der Jugend – glühende Verehrer.
      Wie das mit Frauen gewesen wäre? Regentinnen aus früheren Zeiten bis heute sind oftmals nicht besser gewesen, weil das gesellschaftliche System das bisher nur als Ausnahme sieht und diese Frauen manchmal ‚eiserne Ladys“ waren.
      Schon mit der Machtübernahme der Nazis 1933 blutete Deutschlands kulturelle und wissenschaftliche Vielfalt aus und kam nach 1945 nur sehr mühsam wieder zurück.

      • nandalya Says:

        Leider waren auch die Regentinnen früherer Zeiten recht kämpferisch geprägt. Da hast du durchaus recht und mir wird übel. Wir diskutierten das Thema Krieg einmal in der Schule. Während vor allem die Jungs eher pro Militär waren, hielten wir Mädchen uns zurück. Der Lehrer gab dann folgendes zu bedenken:

        „Stellt euch vor“, sagte er, „dass ihr alle in einen Krieg ziehen müsstet. 25 Freunde, die sich seit vielen Jahren kennen. Und dann fällt eine Bombe und tötet die Hälfte. Das ist Horror, das ist Krieg.“

        Danach gab es betretenes Schweigen und selbst die Jungs hatten verstanden. Nein, Krieg den wollten sie nicht.

        • theomix Says:

          Ungeteilte Zustimmung. Wir können froh sein, dass wir so etwas nicht erlebt haben…

        • Patagonia Says:

          Bei uns hieß es: Stellt euch vor, ihr kommt irgendwo an, dann heißt es Männer rechts, Frauen und Kinder links … und ihr habt euren Vater das letzte Mal gesehen.

        • tmp Says:

          Das kann man sich eigentlich gar nicht vorstellen, aber es ist tatsächlich reale Geschichte. Zum Glück ist es fast 70 Jahre her, aber ES DARF SICH NICHT WIEDERHOLEN..!!!

  5. Bei Theomix gelesen | Rotegraefin's Weblog Says:

    […] “Tränen nachweinen?” […]

  6. minibares Says:

    Mein Vater war von 1912. Er war schon Vater, als er eingezogen wurde. Es gab meinen Bruder schon.
    In Rußland bekam er den sogenannten Heimatschuß.
    Er wollte sich gerade nach seiner Waffe rechts von ihm bücken, da kam der Schuß. Er ging durch seinen linken Oberarm. Es hätte also ein Herzschuß sein sollen.
    Dann würde es mich nicht geben.
    Aber so konnte er seinen Beruf als Tischler nicht mehr ausüben. Er kam mit einem Wahnsinns-Gips nach Hause.
    So wurde er einfach Hilfsarbeiter, ganz schön beschissen. Aber er konnte ja nicht zupacken.
    Eine Rente auf diese Verletzung hat er nie bekommen.

  7. zentao Says:

    …doch das kann immer wieder geschehen….
    die Verführer sind unter uns….
    Den Krieg muss man(n) und Frau, in sich selber beenden und auch den Frieden muss man mit sich selber machen. Jeden Tag und immer wieder.
    Liebe Grüsse zentao

  8. emhaeu Says:

    Ich hatte letztens eine Statistik in der Hand, über die ich eigentlich einen Blog-Eintrag machen wollte: Die Toten des 2. Weltkrieges von zwei Dörfern (ca. 1000 Einwohner), alle penibel aufgelistet, dann nach Geburtsjahrgängen geordnet. Da ist mir zum ersten Mal aufgefallen, wie jung die Gefallenen gewesen sind. Die überwiegende Zahl war zwischen 18 und 25 Jahren – 20er-Jahrgänge …

  9. allemeineleidenschaften Says:

    du stimmst mich sehr nachdenklich heute morgen, Jörg.

    Ich kenne einige Kriegserlebnisse aus den Erzählungen meines Opas. Meine Eltern sind am Anfang der Kriegsjahre geboren, sie können sich nur bruchteilhaft erinnern – wenn überhaupt – auch nur aus Erzählungen. In unserer Heimatstadt „war nicht ganz so viel los“.

    Auch mein Opa und meine beiden Onkel (seine blutjungen Söhne), haben nicht viel erzählt, Nur harmlose Dinge, wie die, was sie in Kriegsgefangenschaft erlebt haben und wie sie sich etwas Geld verdient haben.
    Meine Mutter weiß noch, als ihr Vater aus der Gefangenschaft zurück kam, war er für sie ein fremder Mann vor dem sie Angst hatte.

    Als mein Opa starb, vermachte er mir sämtliche Fotos und die Ansichtskarten, die Feldpost, die er seiner Frau schickte. Daher hab ich etliche schwarz/weiß-Zeugen hier bei mir und manchmal, wenn mich die Sehnsucht nach meinem Opa packt, schaue ich sie mir an und weine.
    Diese Generation (meine Großeltern überlebten sogar 2 Weltkriege), ist um viele Jahre ihres Lebens und ihrer Freiheit betrogen worden. Angst und Schrecken und ein irrer Diktator bestimmten ihr Leben und ihren Tagesablauf.

    Ich bin so froh, dass ich erst in den 60er Jahren geboren wurde!
    Seelisch hätte ich sowas nicht überleben können,

  10. preachitbaby Says:

    Ich habe ein „Gefällt mir“ geklickt, obwohl es sich seltsam anfühlt, doch ich bin dankbar, dass du dieses Thema anstößt. Es ist etwas anderes, das von einem Menschen der zweiten Generation zu lesen, ich selbst bin schon die dritte Generation und schrecke davor zurück, solch deutliche Worte zu finden. Mein Großvater ist Jg. 1928, mit ihm kann ich sprechen und habe das auch schon oft getan.

    • theomix Says:

      Herzlich willkommen, Mathilda! Danke für dein Interesse!
      Danke für die Rückmeldung. es kommt mir so vor, als ob das alter die Zunge löst. Seriöser: Der Mensch schaut im Alter mehr zurück, zieht Bilanz. Und die dritte Generation ist im Fragen unbefangener. Das ist gut so, wenn es sich trifft.
      Meine Eltern sind seit über 20 Jahren schon tot. Wie es bei ihnen gewesen wäre, auch mit den Fragen der Enkel – müßig…

      • preachitbaby Says:

        Ja, vielleicht ist die dritte Generation unbefangener, doch, ganz bestimmt. Als ich 18 war, traf ich mich mehrfach mit meinem Großvater zu ausführlichen Gesprächen über seine Jugend. Das war für ihn und mich sehr bewegend. Mein Gefühl ist aber auch, dass die zweite Generation die Dinge klarer benennt, schneller ein Urteil fällt, Ereignisse bewertet… Das zu tun, ist bei den Eltern möglicherweise leichter als bei den Großeltern.

        • theomix Says:

          Interessant, ja. Zwischen Großeltern und Enkeln ist ja sehr oft ein sehr gutes Verhältnis.
          Die zweite Generation will und muss sich abgrenzen.

  11. freiedenkerin Says:

    Wie jemand beim Abgeben seiner Waffen Tränen in den Augen haben kann, ist mir als absolutes „Friedenskind“ völlig unbegreiflich – und ich nehme nicht an, daß es Freudentränen gewesen sind…

    • theomix Says:

      Ich habe mich bemüht zu verstehen und erschrecke über die gedanklichen (moralischen, ideologischen…) Voraussetzungen, die zu den Tränen führte.

Kommentare? Gerne! (Wer nicht IP- und Mail-Adresse hinterlassen will, darf nicht kommentieren.)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.


%d Bloggern gefällt das: