Der will nur wortspielen

Christian Morgenstern:
Der Werwolf

Ein Werwolf eines Nachts entwich
von Weib und Kind und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: „Bitte, beuge mich!“

Der Dorfschulmeister stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:

„Der Werwolf“, sprach der gute Mann,
„des Weswolfs, Genitiv sodann,
dem Wemwolf, Dativ, wie mans nennt,
den Wenwolf, – damit hats ein End.“

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
er rollte seine Augenbälle.
„Indessen“, bat er, „füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!“

Der Dorfschulmeister aber musste
gestehn, dass er von ihr nichts wusste.
Zwar Wölfe gäbs in großer Schar,
doch „Wer“ gäbs nur im Singular.

Der Wolf erhob sich tränenblind –
er hatte ja doch Weib und Kind!!
Doch da er kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben.

Hier besonders an >N< gedacht, mit Dank für die Erinnerung an dieses wertvolle Gedicht, indem sie eine Kopie zur Erweiterung der Kulturbildung für sich, die nachwachsende Generation und eventuell bedürftige Gäste an die Toiletteninnentür geheftet hat. (Und sowieso Dank auch für den Austausch. Ist eigentlich klar, nur nicht allen Leserinnen und Lesern. 😉 )

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32 Antworten to “Der will nur wortspielen”

  1. tmp Says:

    Meines Erachtens ist es vielleicht ganz gut, dass es keinen Plural gibt…
    Mir drängt sich da die Erinnerung an die „Werwölfe“ im Dritten Reich auf, ein letztes Aufgebot der Uneinsichtigen.
    … und >N< könnte eigentlich auch bei mir mal vorbei kommen und meine Toilette literarisch etwas aufwerten.

  2. minibares Says:

    Das ist ja mal ein tolles Gedicht.
    Darauf zu kommen allein ist schon eine Meisterleistung.
    Danke, ich hätte nicht gedacht, dass es so endet…

  3. Hase Says:

    wieder etwas von dem geschätzten Christian Morgenstern 🙂
    danke für´s Teilen

  4. Tausend Says:

    Christian Werstern
    Der Morgenwolf

    Am Morgen ging der Wolf spazieren,
    am Vormittag tat er sich zieren,
    am Mittag lief er schief und krumm,
    am Nachmittag fiel er tot um.
    Am Abend war es allen klar,
    dass morgens alles besser war.

  5. nurmalich Says:

    oft kopiert aber doch nie wirklich erreicht!
    Und trotzdem: spielen wir weiter!

  6. IG Says:

    Hallo Jörg,

    ist Dein neues Titelbild im Café Lecca entstanden?

    Nach sehnsuchtsvollen Meerblicken und moderater Rastlosigkeit in leeren Nahverkehrszügen nun ankommen bei dem stärkenden Heißgetränk mit Soul Food 

    Gut gemacht!

    Grüße

    IG

  7. die kleine frau Says:

    Im Altenglischen (und da es eine germanische Sprache ist ziemlich sicher auch im Altdeutschen) ist „Wer“ ja ein Wort für Mann, der Werwolf ist folglich der Mann-Wolf oder Wolfsmann. Äquivalent ließe sich also auch eine Wolfsfrau bilden, das wäre dann wif+wulfi zusammengezogen zu wibwulfi (übrigens einer meiner wenigen Spitz- und Internetnamen).
    Aber das kann so ein kleines Dorfschullehrerlein wahrscheinlich nicht wissen 🙂

    • theomix Says:

      Vor allem, der Werwolf hätte bei dieser Information Selbstfindungsstörungen bekommen und das Grab des Dorfpsychologen aufgesucht… Wer weiß, was der ihm dann geraten hätte. Und des Werwolfs Weib gleich mit – „Webwulfi“!? Und wer passt derweil auf die Kinder auf?

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