Heilige des Alltags

Heilige des Alltags: Manchmal nimmt man liebe und freundliche Menschen wahr und ahnt nicht, was sie mit sich herumtragen. Eine Geschichte, eine Sorge, eine Not hätte sie klein oder aggressiv oder giftig machen können. Und dann haben sie ihre Geschichte, ihre Sorge, ihre Not – niemand ahnt etwas – und sie strahlen Gutes aus.

Unbekannt sind sie manchmal auch, weil wegen Seelsorgegedöns keine Namen da stehen dürfen und die Geschichten hinter den Namen auch nicht, weil man auf Namen käme. Was dann dem Seelsorgegedöns widerspräche – einfach weil Seelsorge doch kein Gedöns ist.

Sie sind unerkannt, unbekannt und es gibt sie. Ich hatte vor ein paar Tagen eine Begegnung und um niemanden (mich eingeschlossen) wegen der Seelsorge auch nur annähernd in Schwierigkeiten zu bringen, eine alte Geschichte.

Ein liebenswerter alter Mann, für jeden ein freundliches Wort, mit Witz und Augenzwinkern. Seine Frau war vor Jahren gestorben. Im Kreise gleichalter Damen – und da hatte er Auswahl – war er ein  Charmeur, ein liebenswerter Hahn im  Korb. Wenn er redete, klang es komisch: ein Dialekt östlich der Elbe färbte die Sprache.

An einem Abend, nach dem Kreis in der Gemeinde damals, gab es noch ein gemütliches Treffen und der Wein löste seine Zunge. Er erzählte, unter welch abenteuerlichen Umständen er von dort nach hier kam. Er war Soldat. Hat sich durchgeschlagen, eine Soldat-Schwejk-Variante. Seine Frau war zu Hause. Hat sich aufgemacht gen Westen, die Front hat den Treck überrollt. Irgendwann hatten sie sich wieder. Und irgendwann, irgendwann, viel später, hat die Frau ihrem Mann gestanden, dass sie von Rotarmisten vergewaltigt worden war. Sie fühlte sich schuldig. Hatte Angst mit sich herumgetragen, ihr Mann werde sie verstoßen. Er, das Herz auf dem rechten Fleck, hat doch gewusst, welche Umstände dazu geführt hatten. Und dann lagen sie sich heulend in den Armen, minutenlang. Versöhnt über etwas, wofür keiner der beiden etwas konnte.

Er hatte beim Erzählen feuchte Augen bekommen. Ich, damals noch kopfbetonter als heute, war tief berührt.

Manchmal, habe ich daraus gelernt, manchmal nimmt man liebe und freundliche Menschen wahr und ahnt nicht, was sie mit sich herumtragen. Eine Geschichte, eine Sorge, eine Not hätte sie klein oder aggressiv oder giftig machen können. Und dann haben sie ihre Geschichte, ihre Sorge, ihre Not – niemand ahnt etwas – und sie strahlen Gutes aus.

So auch neulich bei…, aber ihr wisst schon, Seelsorgegedöns. 😉

Nachtrag (habe ich in einem Kommentar geschrieben): Die Wüstenväterlegenden schicken Mönchsschüler oft zu einem Heiligen in der Stadt. Unter der genannten Adresse finden sie einen Schuster, der still und bescheiden das lebt, was der Schüler erstrebt. Ich vergaß zu erwähnen: Der sympathische Herr war im Berufsleben Schuster gewesen. 😉

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15 Antworten to “Heilige des Alltags”

  1. Susanne Haun Says:

    Guten Morgen, Jörg,
    hier finde ich das Wort „Heilige(r)“ gut. Im Klassischen Sinne kann ich mich mit dem Wort weniger anfreunden.
    Einen schönen Nikolaustag von Susanne

    • theomix Says:

      Liebe Susanne,
      eine eigenwillige Definition, sehr intuitiv. sie passt zu dem, was über Nikolaus erzählt wird: ein freundlicher Mnesch, dicht bei den anderen, mit dem Blick für das, was tiefer liegt.
      Herzlichen Gruß, Jörg

  2. nurmalich Says:

    Ja, Jörg, das versteh ich gut, dass du nicht erzählen kannst, was für eine Begegnung dir da wirklich geschenkt wurde.
    Aber vielleicht reicht es ja schon, einfach mitzuteilen, dass es diese Begegnung gab. Auchdas ist Advent.
    Ich wünsch dir noch viele solche „Gedöns-erlebnisse“.
    Werner

    • theomix Says:

      Werner, Freud und Leid liegen dicht beieinander. Die Hoffnung war und ist adventlich… Ich mag die Überraschungen, auch wenn sie über die Tiefe gehen.

  3. wildgans Says:

    Oberflächliches Einsortieren von Menschen in Schubladen….man muss sehr aufpassen, vor allem bei denen, an welchen man unbewusst Eigenes erkennt, und prompt das bitter zu bekämpfen beginnt…“Seelsorgegedöns“, absurd passendes Wort…

    • theomix Says:

      Die prompten Ablehnungen sind die gefährlichsten. Wer darum weiß, dem werden sie auch zu den ehrlichsten.
      Um so mehr wiegt für mich die positive Übertragung und die aufbauende Wirkung dieser bescheidenen Heiligen. Die Wüstenväterlegenden schicken Mönchsschüler oft zu einem Heiligen in der Stadt. Unter der genannten Adresse finden sie einen Schuster, der still und bescheiden das lebt, was der Schüler erstrebt. Ich vergaß zu erwähnen: der genannte sympathische Herr war im Berufsleben Schuster gewesen. 😉

  4. schnuppismama Says:

    Der Titel trifft’s!

  5. Hase Says:

    Ja, ich mag sie auch die Geschichten, die tiefer liegen
    habe in der vergangenen Woche auch wieder berührende Begegnungen gehabt. Ich bewahre sie in meinem Herzen oder ich vertraue sie Menschen an, wo sie gut aufgehoben sind.
    Danke für Deinen Beitrag!

  6. minibares Says:

    Lieber Jörg, ist klar, dass du nichts aktuelles erzählst.
    Aber diese Geschichte berührt echt.
    Ja, es schleppen mehr Menschen arge Schicksale mit sich, von den wenigsten wissen wir es.
    Aber die meisten sind trotzdem friedlich und freundlich und lebensfroh, Gott sei Dank.
    Leider gibt es auch andere, aber von denen ist heut mal nicht dir Rede.

  7. theomix Says:

    Schön gesagt. 🙂

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