Zu Hause nicht zu Hause

Weit in die Achtzig ist sie, die russlanddeutsche Frau. Sie trägt nach alter Sitte Kopftuch. Ihr Kopf wackelt ständig, Parkinson. Traurig wirkt sie.

Wir sitzen in ihrem Zimmer, eine Tochter gesellt sich dazu, wir reden über die Enkel und Urenkel der Alten.

Zum Schluss hin möchte ich etwas Aufmunterndes dalassen. Ich sag ihr, ich hoffe sie nächstes Jahr, bei ihrem nächsten Geburtstag wiederzusehen.

Die Frau schüttelt deutlich wahrnehmbar ihrem Kopf. Gedehnt sagt sie „Nein!“ Pause. Hör ich richtig? Ich schaue sie an. „Ich will nach Hause.“

Noch nie habe ich jemanden das so deutlich aussprechen hören. Ich verstehe und innerlich verneige ich mich vor ihr.

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32 Antworten to “Zu Hause nicht zu Hause”

  1. Hausfrau Hanna Says:

    Ich wünsche der alten Frau,
    lieber Jörg-theomix,
    dass ihr dieser tiefe Wunsch erfüllt wird.

    Herzlich Hausfrau Hanna

  2. hohesundtiefes Says:

    „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue?“ Psalm 42,2-3

  3. nurmalich Says:

    Anfang dieses Jahres starb in unserer Nachbarschaft ein bis zum Schluss rüstiger Mann – eine Woche nachdem er 100 Jahre alt wurde. Er hat seinen Geburtstag richtig schön feiern können.
    Seine Frau wollte dann auch nicht mehr leben. Sie sagte immer wieder, sie wolle ihm nachfolgen.
    Keine 5 Monate danach war auch sie „zu Hause“ – im 103. Lebensjahr.

  4. Susanne Haun Says:

    „Nach Hause“ sind mit die stärksten Worte der Welt.

  5. Hase Says:

    berührende Worte , danke für´s Teilen
    ja, ich habe diese Worte auch gehört, meine Mutter drückte sie so aus, dass sie „heim“ will.
    vor genau vier Jahren waren ihre letzten Stunden, sie war schon vorausgegangen, bevor sie die Augen endgültig schloss.
    Ich komme gerade vom Friedhof und lese nun Deinen Beitrag.
    Das passt…. DANKE !

  6. freiedenkerin Says:

    Ich habe während meiner Zeit in der Seniorenresidenz oftmals sehr alte und sieche Bewohner/innen davon sprechen hören, dass sie so gerne „nach hause“ gehen würden…

  7. skriptum/skryptoria Says:

    Wenn die Zeit gekommen ist, möchte man für diesen Entschluss nur noch eines: Friedliche Akzeptanz.

    Ich sehe, dass Dir das gegeben ist und das macht Dich zu einem besonders besonderen Menschen!

  8. minibares Says:

    Au backe, ja, sowas wissen sie noch, die alten Leute.
    Ihre Heimat vergessen sie nicht. Da wollen sie wohl wieder hin, denn da kennen sie sich aus.

  9. emhaeu Says:

    Also, ich weiß nicht – ich habe jetzt mehrere Menschen erlebt, die dement sind oder waren. Sie alle wollen immer „nach Hause“, auch dann, wenn sie ihr Leben lang in dem gleichen Haus verbracht haben und nie umgezogen sind. Das aber im engeren Sinne theologisch zu interpretieren, da sollte man, finde ich, sehr vorsichtig sein.

    • theomix Says:

      So weit ich beurteilen kann, war die Frau nicht dement, sondern bei klarem Verstand.
      Als Russlanddeutsche war sie mindestens zwei Mal „umgezogen“, von der Wolga an den Ural oder nach Kasachstan und dann – sicher freiwillig – nach Deutschland. In sicherem Land, nicht mehr benachteiligt. Keine Sehnsucht zurückzukehren. Aber auch keine Sehnsucht zu bleiben und fröhlich weiterzuleben. Trotz einer großen Familie. Und ich zähle sie zu den Frommen, die mit diesen Bildern leben. Das ist keine Theologisierei für solche Menschen. Es ist Bibel lesen, Bibel lesen und das dann für sich in Anspruch nehmen.

      • emhaeu Says:

        Mag sein, mag sein, ich kenne die Frau ja nicht, dazu kann ich drum auch nichts sagen.

        • theomix Says:

          Fragen hilft. Zur Klärung zum Beispiel. Darum vielen Dank.

        • emhaeu Says:

          Mein Kommentar ist vielleicht etwas schief angekommen: Er bezog sich keineswegs auf den von Dir geschilderten Fall, sondern auf Fälle, die mir klar vor Augen stehen – ich wollte nur darauf hinweisen, dass man nicht vorschnell verallgemeinern sollte —- habe einfach zu schnell und spontan getippt. Das nächste Mal schaue ich genauer hin, versprochen.

        • theomix Says:

          Da hat Miss Verständnis mitgemischt. Ich verstehe jetzt. Ich fand unser Hin und Her ganz in Ordnung, du darfst also auch künftig einfach spontan tippen. Sollte etwas krumm sein, biegen wir es wieder gerade…

        • emhaeu Says:

          …. wird gemacht, Chef ….

        • theomix Says:

          Donke, donke! 🙂

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