Aus Krähwinkels Schreckenstagen

In der Schule hatte ich mit diesem Gedicht zu tun. Jetzt fiel es mir wieder ein.

Heinrich Heine

Erinnerung aus Krähwinkels Schreckenstagen

Wir Bürgermeister und Senat,
wir haben folgendes Mandat
stadtväterlichst an alle Klassen
der treuen Bürgerschaft erlassen.

Ausländer, Fremde, sind es meist,
die unter uns gesät den Geist
der Rebellion. Dergleichen Sünder,
Gottlob! sind selten Landeskinder.

Auch Gottesleugner sind es meist;
wer sich von seinem Gotte reißt,
wird endlich auch abtrünnig werden
von seinen irdischen Behörden.

Der Obrigkeit gehorchen ist
die erste Pflicht für Jud und Christ.
Es schließe jeder seine Bude,
sobald es dunkelt, Christ und Jude.

Wo ihrer drei beisammenstehn,
da soll man auseinandergehn.
Des Nachts soll niemand auf den Gassen
sich ohne Leuchte sehen lassen.

Es liefre seine Waffen aus
ein jeder in dem Gildenhaus;
auch Munition von jeder Sorte
wird deponiert am selben Orte.

Wer auf der Straße räsoniert,
wird unverzüglich füsiliert;
das Räsonieren durch Gebärden
soll gleichfalls hart bestrafet werden.

Vertrauet eurem Magistrat,
der fromm und liebend schützt den Staat
durch huldreich hochwohlweises Walten;
euch ziemt es, stets das Maul zu halten.

Vieles hat sich in den letzten 180 Jahren geändert. Manche Regierungen heute werden sich ähnliches wünschen wie die Obrigkeit von Krähwinkel.

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6 Antworten to “Aus Krähwinkels Schreckenstagen”

  1. OneBBO Says:

    Schade, dass Heinrich Heine noch nix zum Datenschutz sagen konnte 🙂

    • theomix Says:

      Doch, doch: Nachgelassene Schriften, Band XXIII, s. 118:
      „Wer du auch seist, Frau oder Mann,
      wir schaun uns deine Daten an.
      Und fängst du an mit wildem Chatten,
      dann legen wird dich schnell in Ketten.“

  2. Hase Says:

    Danke für das Gedicht

    Heinrich Heine : Da fällt mir auch meine Schulzeit ein und „Deutschland – ein Wintermärchen“

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