Mitleiden, aufbauen

Das möchte niemand erleben: Mit gerade 20 Jahren durch einen Arbeitsunfall querschnittsgelähmt. Um dann mehrere Jahrzehnte im Rollstuhl durchs mühsame Leben geschoben zu werden.

Der älteste Bruder hat nicht nur ihn aufgebürdet bekommen, sondern war auch stets um den anderen, geistig behinderten Bruder bemüht.

Die Trauerfeier war ein Moment der Ruhe für ihn. Nun kam es aus ihm heraus, die Tränen flossen, als ob ihn der Schmerz zum ersten Mal träfe.

Ich hätte lieber neben ihm gesessen als vor ihm zu stehen. Mit ihm geweint um das schwere Gepäck, das  er seit Jahren auf dem Lebensweg mitschleppt. Die Aufteilung der Rollen war anders: Ich führte durch die Feier, ich sprach von Hiob, den Lasten des Lebens, dem Loslassen.

Bei allem, was wir Protestanten in den letzten Jahren über den Wert von Gesten und Zeichen gelernt haben: Ich habe hier auf das Wort gehofft, das durch Gottes Geist die Herzen erreicht.

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34 Antworten to “Mitleiden, aufbauen”

  1. OneBBO Says:

    Es wird heute sehr häufig über Behinderte gesprochen, zum Tun aufgefordert usw. Die seelischen Schäden und Belastungen, die dadurch bei gesunden Geschwistern entstehen können, sind in der Öffentlichkeit kaum ein Thema. Da „gefällt“ mir dieser Beitrag sehr gut.

    • tmp Says:

      Bei Drogenabhängigen spricht man gern von der „Co-Abhängigkeit“ des Partners oder der Angehörigen.
      So ein ganz ähnliches Phänomen betrifft aber auch alle die, die einen in irgendeiner Weise „Pflegebedürftigen“ versorgen, ob querschnittgelähmt, demenzkrank oder anders behindert… Irgendwann lebt derjenige, der einen Behinderten versorgt, nur noch dessen Leben und schraubt sein eigenes ganz zurück…

      Wenn dann der Behinderte nicht mehr da ist, fällt der/die Pflegende oft genug in ein tiefes Loch, weil er/sie nicht mehr die eigenen Bedürfnisse kennt oder ihnen nicht mehr traut. Das geht manchmal sogar so weit, dass das Leben keinen Sinn mehr macht… 😯
      Nur langsam bekommt man solche Menschen wieder ins „normale“ Leben zurück, denn sie haben vergessen, was es bedeutet, für sich selbst verantwortlich zu sein.
      Die Verantwortung für andere hat immer oder fast immer tadellos geklappt, aber die eigenen Dinge zurechtbekommen, ist dann plötzlich eine riesen Aufgabe…
      Da ist es sehr wichtig, nicht allein zu sein…

    • skriptum/skryptoria Says:

      Um diese an sich gesunden und doch so schlimm mit leidenden Geschwister kümmert sich beispielsweise die Tabaluga-Stiftung:

      http://www.tabalugastiftung.de/

      Ein schönes Wochenende wünsche ich Dir.

    • theomix Says:

      Und wenn man dann noch bedenkt, dass der Bruder bei abgestumpftem Gewissen einfach alle Hilfsstellen und Heime hätte machen lassen…

  2. tmp Says:

    Ich möchte ganz unbekannterweise mein Beileid aussprechen für den Trauernden, der jetzt sicher eine Menge Zuspruch braucht, und für Dich, der Du das alles auch immer aushalten musst…
    Hiob ist da gewiss ein naheliegender Vergleich…

    • theomix Says:

      Das Bloggen hilft ja auch beim Nachbearbeiten, es klärt die Gedanken und Gefühle. Wobei ich natürlich ein bisschen verfremden muss und ich selten den Zeitpunkt erwähne, damit der seelsorgliche Schutz gewahrt bleibt.

  3. Susanne Haun Says:

    Ich kann bei so einem Schicksal nicht „gefällt mir“ drücken.
    Es braucht viel Kraft, um das unbeschadet zu überstehen.

    • tmp Says:

      Das ist wahr, ich hab den Button trotzdem „gedrückt“, weil ich es gut finde, dass theomix uns dieses Schicksal mitteilt und wir unser Mitgefühl ausdrücken können, auch wenn wir den Betroffenen nicht kennen… 😉

    • theomix Says:

      O ja, das hat gefordert, das war zu spüren.

  4. skriptum/skryptoria Says:

    Was Du beschreibst ist ein ausgesprochen bitteres Los. Für alle Beteiligten. Bleibt zu hoffen, dass die Trauer über den Verlust und das Gefühl der Erlösung soweit Hand in Hand gehen, dass es irgendwie erträglich(er) wird.

    Ich wünsche Dir ein inspirierendes Wochenende, lieber Theo!

  5. hase956 Says:

    Danke für Deinen Bericht. Er berührt mich sehr. Ich kenne eine Frau aus der näheren Umgebung, die ihren Mann schon 14 Jahre im Rollstuhl begleitet. Überall nimmt sie ihn mit in die Kirche, zu Konzerten, auf Hoffeste. Oft reden wir auf der Straße ein wenig. Der Mann kannte meinen Vater sehr gut . Eine Gehirnblutung hat ihn vor Jahren an den Rollstuhl gefesselt. Niemand hätte gedacht, dass er noch so lange leben kann. Die Frau stößt auch an ihre Grenzen, aber sie möchte ihn nicht in ein Pflegeheim geben. Einen Versuch auf Rat ihrer Kinder hat sie rückgängig gemacht, da sie nicht mehr zur Ruhe kam und sie weiß, dass ihrem Mann nicht die beste Versorgung gewährleistet wurde dort. Die Pflege ist sehr anstrengend….. Ich bewundere diese Menschen….. Und mir zeigt das immer mal wieder, wie gut es mir im Moment doch gehen darf. Dafür bin ich sehr dankbar.

    • theomix Says:

      Bei Ehepartner ist das ganz oft so. Aber bei Geschwistern finde ich das viel weniger selbstverständlich. Da geht es ja auch darum, einen eigenen Weg zu finden – eben nicht einen gemeinsamen.

  6. freiedenkerin Says:

    Eine Gruppe Pfleger/innen hatte abwechselnd in Schichten eine bettlägerige alte Dame betreut, sich sehr gewissenhaft und liebevoll um sie gekümmert. Einige Tage, nachdem die Frau gestorben war, traf ich diese Betreuerinnen in unserem Haus, sie wollten sich symbolisch von dem Menschen verabschieden, dessen Leben sie ja doch einige Jahre lang begleitet hatten. Was mich sehr erschüttert hatte war, dass sie allesamt wie verloren wirkten, wie ziellos – und das nicht durch die Trauer…

  7. minibares Says:

    Es ist auch leider immer noch so, dass man fragt, wie es dem Kranken geht. Dabei geht es denen, die sich um sie kümmern, im allgemeinen viel, viel schlechter.
    Dass dir das Ganze nicht leicht gefallen ist, kann ich gut verstehen.

    • theomix Says:

      Krankheit führt bei vielen zu einem Sonderstatus. Kein Wunder, dass manche damit kokettieren. Und es ist bei so einer Sicht nur konsequent, die Betreuenden zu übersehen.

      • tmp Says:

        Man sp
        richt auch vom „Primären“ und „Sekundären“ „Krankheitsgewinn“, wenn man als Kranker seiner alltaglichen Pflichten enthoben wird und sich andere um den Kranken kümmern und ihm die Aufgaben abnehmen.
        Die AU ( Arbeitsunfähugkeitsbescheinigung ) ist z.B. so ein „Primärer“ Krankheitsgewinn… und jeder von uns weiß, wie erleichtert man ist, wenn man NICHT krank zur Arbeit gehen muss…
        Noch etwas leichter fällt das Kranksein dann, wenn sich andere Menschen um den Betreffenden kümmern und ihm wichtige Besorgungen abnehmen. In einem gewissen Rahmen machen wir, glaub ich, das alle mal gern, aber wenn es zum Dauerzustand wird, verändern sich die Vorzeichen… Und erst recht, wenn der „Kranke“ von sich aus gar nicht in der Lage ist, allein den Slltag zu meisetern…
        Die Belange der Pflegenden geraten dann eigentlich regelmäßig ins Hintertreffen… Aber welcher Pflegende will das den Kranken schon spüren lassen..??

        • theomix Says:

          Ja, der Sekundärgewinn ist was Tolles. Und wenn man die ewig Jammernden damit konfrontiert – indem man z. B.das Mitleid verweigert – hat das manchmal verblüffende Ergebnisse.

    • OneBBO Says:

      Dass es den Betreuenden im Allgemeinen viel, viel schlechter geht, halte ich nun auch für etwas übertrieben…. ! Der Betreuende hat die Möglichkeit, sich Auszeiten zu nehmen usw. Der Behinderte / Kranke usw. kann sich keine Auszeiten nehmen. Das ist schon ein Unterschied.

      • theomix Says:

        ich finde das schwierig zu entscheiden. Im Grunde sollte man mit solchen Einschätzungen vorsichtig sein. Niemand will tauschen. Und niemand kann tauschen. dazwischen bewegt es sich.

        • OneBBO Says:

          Meine Meinung. Deswegen stieß ich mich ja an dem „viel, viel schlechter“.

        • tmp Says:

          Sicher kann sich der Behibderte/Kranke keine Auszeit nehmen, aber für die Pflegenden ist es oft gar nicht so einfach, sich einen Freiraum zu schaffen, der ihnen die Möglichkeit zur Auszeit überhaupt gibt. Wenn der Behinderte/Kranke z.B. mit in der eigenen Wohnung lebt, ist das ganz schwer…
          Auch mal einen „freien“ Nachmittag/Vormittag einzuhalten, scheitert oft an anderen Verpflichtugnen… Pflege ist eigentlich ein Full-Time-Job, wenn man es ernst meint…

        • theomix Says:

          @OneBBO: Okay. 🙂

          @tmp: Ja, das ist Fakt.

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