Mündigkeit

– Gedankensplitter, in Fortsetzung

Es gibt einen guten Grund, warum das mit der Disziplin nicht mehr so funktioniert wie ehedem.
Viele Menschen verstehen sich nicht mehr als Mitläufer in einer Herde. Sie sind keine kleinen Kinder mehr, denen man etwas sagt, und dann  tun sie das so.

Sie sind mündig geworden.
Und mündig, erwachsen sein im Glauben und Denken ist wichtig. Mündige Menschen lassen sich nicht einfach so hin- und herschicken, sie wollen wissen, warum. Denn sie tragen Verantwortung für ihr Tun und sind sich dessen bewusst.

Interessant: In der Bibel gibt es diese Richtung, zum mündigen Leben – genauso wie die Regression, den Rückzug in die Kinderwelt. Beides nah beieinander findet sich zum Beispiel im Johannesevangelium: Christus sagt: „Ich bin der gute Hirte“ und die, die zu ihm gehören, sind seine Schafe (10, 14) – und an anderer Stelle: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte, sondern Freunde“ (15, 15). Freunde sind, um den modischen Ausdruck zu benutzen, auf Augenhöhe.

Was ist mit den von mir karikierten Liebhabern der „Befindlichkeit und Betroffenheit“? Regressiv oder mündig?  Irgendwo auf der Mitte? Ich meine: Wer innerlich stark ist, sagt „Ja“ oder „Nein“. Schiebt nicht das eigene Sorgenpäckchen nach vorne. Gehen denn meine Betroffenheit und Befindlichkeit andere etwas an? Oder soll es höflicher wirken sie zu erwähnen?

Ich ahne es, das Thema wird mich weiter beschäftigen. Aber jetzt bin ich auf eure Kommentare gespannt.

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20 Antworten to “Mündigkeit”

  1. OneBBO Says:

    Ich denke nicht, dass sich die Generationen vor uns als Mitläufer einer Herde verstanden haben. Disziplin beinhaltet auch Höflichkeit anderen und mir selbst gegenüber. Und Höflichkeit geht heute mehr und mehr flöten. So kannst du das auch sehen.

    Auch glaube ich nicht, dass die Menschen heute weniger Mitläufer sind – im Gegenteil. Sie sind Mitläufer im angeblichen Individualismus, der aber vorgeschrieben wird.

    • theomix Says:

      Ich sehe es nur bedingt zeitlich. ich meine, „Mündigkeit“ „sticht“ „Disziplin“, wie beim Kartenspiel. Oder anders: Mündige Aussagen finde ich leichter zu akzeptieren als solche, die mit der Befindlichkeit jonglieren.
      Statt Disziplin, die zum Drill führt, ist Selbstdisziplin angesagt. <Ja.
      Und natürlich gibt es heute wie damals Mitläufer.

  2. Ameleo Says:

    Zu meinem Verständnis von Mündigkeit gehört, dass ich mir meiner selbst bewusst bin, zum einen rückblickend auf meine Vergangenheit, die mich in vielen Bereichen nachhaltig geprägt hat, aber auch bewusst den gegenwärtigen Moment reflektierend, um mii über meine mich aktuell prägende Innenwelt der Gedanken und Gefühle klar zu sein. Dann kann ich auch entscheiden, ob und wie ich sie in die Kommunikation einbeziehe.

    In vielen Zusammenhängen ist es nach meiner Erfahrung hilfreich und vertrauenbildend, wenn ich diese persönliche Ebene benenne, so sie denn in der konkreten Situation relevant ist, und trenne von der sachlichen Ebene. Mit Leuten, die beide Ebenen vermischen (die eigene Befindlichkeit ist ja nun mal Bestandteil einer jeden Person), ist eine Diskussion manchmal schwierig, da z.B. bei extremen Positionen unklar bleibt, ob sie wirklich der Überzeugung entspringen oder vielmehr ein Ausdruck z.B. von Ärger sind.

    Allerdings: das Ausbreiten der eigenen Befindlichkeit kann auch dazu dienen, jemanden zu manipulieren anstatt klar zu sagen, was man will. Dann gehört es eher in den Bereich der Regression und Unmündigkeit.

    • theomix Says:

      Klar sagen, was man will, ja, das braucht es. Ausgegangen war ich von einem Lob der Verbindlichkeit. Die steht manchmal mit dem eigenen Befinden auf Kriegsfuß. Und heutzutage neigen wir dazu, sehr stark aufs eigen Befinden zu hören.
      Diese differenzierte Betrachtung von dir ist grundsätzlich okay.Ich gebe zu bedenken, dass das Einbeziehen der persönlichen Ebene ein Massenphänomen geworden ist, das manchmal den Blick aufs Sachliche verhagelt. Das Pendel dürfte sachte in die Mitte zurückkehren und dort ausschwingen.

  3. Claudia Sperlich Says:

    Ein mündiger Mensch kann m.E. viel eher diszipliniert sein als ein unmündiger. Disziplin ist nämlich nicht einfach Gehorsam ohne Hinterfragen.
    Ein kleines Kind kann noch nicht völlig begreifen, warum es nicht blindlings auf die Straße rennen darf. Da kann man nur hoffen, daß es dem strikten Verbot gehorcht, und es in Zeiten von großer Ablenkung (beim Einkaufen etc.) an die Hand nehmen oder ermahnen.
    Ein mündiger Mensch kann in der Regel so viel verstehen, daß er einen ungefähren Begriff davon hat, was bei dem Aufprall eines Autos auf einen Menschen passiert (wobei „verstehen können“ nicht notwendig „verstehen wollen und intellektuell nachvollziehen“ heißt). Disziplin im Straßenverkehr ist eine notwendige Folge von genauem Nachdenken darüber, was ohne Disziplin auf den Straßen so passiert, und eine nur mögliche Folge von unreflektierter Kenntnisnahme der StVO.

    Mit den Geboten ist das ähnlich. „Klauen ist gemein, und Prügeln ist so richtig doof“ sind wahre Aussagen, aber noch nicht reflektiert. Ein mündiger Mensch macht sich klar, was er nicht nur dem anderen, sondern auch sich selbst antut, wenn er unehrlich und gewalttätig ist.

    Wenn man sich dann auch noch klarmacht, daß Gott auch mit unserem Mangel an Disziplin freundlich umzugehen weiß, kann man ganz zwanglos und mündig diszipliniert sein.

    • theomix Says:

      Reflexion zieht noch einen neuen Boden ins Gedankengebäude ein. 🙂 Mündigkeit hat sehr viel mit Einsicht (und damit auch mit Denken) zu tun, das braucht es bei der Regression nicht.

    • Wolfram Says:

      Du erinnerst mich an einen Ausspruch, den ich aus dem „braven Soldaten Schwejk“ behalten habe (oder zu haben glaube): „Das Denken können Sie den Pferden überlassen, die haben den größeren Kopf.“ Was genau das Gegenteil von Mündigkeit ist.
      So soll das Volk sein in den großen Utopien des 20. Jahrhunderts, ob bei Huxley, Orwell oder anderen. Und so wünschen sich wohl viele, auch „demokratische“, Politiker ihr Wahlvolk.
      Theologisch betrachtet kann man allerdings Mündigkeit als Konsequenz der verbotenen Frucht ansehen. Und da hätten die Voreltern mal mehr von essen sollen, bevor sie anfingen, sich zu schämen, vielleicht wären wir dann heute etwas weiser…
      Oder auch: Mündigkeit ist evangelische Freiheit. Und wo man keine Wahl hat, nicht „muß ja“, sondern Zustimmung aus freien Stücken, womöglich gar freudige oder dankbare („so nehmen wir ihn dankbar, ohne Zittern“) Zustimmung.
      Und eine Steilthese zum Schluß: der mündige Christ braucht keinen tertius usus legis! 😉

      • theomix Says:

        Zur Steilthese: Das ist wohl so, mindestens bei denen, die kein Latein können. 😛
        Je nach Sichtt ist die Mündigkeit Folge des Falls oder Folge der Ebenbildlichkeit.

        • Wolfram Says:

          Durch den Fall jedenfalls wurde sie notwendig – und ihre Unzulänglichkeit wurde offenbar.

          Mit oder ohne Lateinkenntnisse – was der usus legis in renatis ist, dürfte für viele Laien erklärungsbedürftig sein. 😛 Und, wie gesagt, ich verzichte gern auf ihn.

  4. Hase Says:

    Lieber Jörg,

    danke für Deinen Beitrag, der wieder sehr zum Nachdenken anregt.

    “ Wer innerlich stark ist, sagt “Ja” oder “Nein”. Schiebt nicht das eigene Sorgenpäckchen nach vorne. Gehen denn meine Betroffenheit und Befindlichkeit andere etwas an? Oder soll es höflicher wirken sie zu erwähnen?“

    Ich hatte ja zuerst „Mügigkeit“ in der Überschrift gelesen….
    Vielleicht würde das ja passen , was die Disziplin betrifft.
    Es ist so schwer, generell etwas zu dem zitierten Satz von mir zu sagen…. Innerlich stark ist nicht jeder, deswegen gibt es auch verschiedene Beweggründe, warum man die Betroffenheit oder Befindlichkeit an andere weitergibt. Mich beschäftigt das , weil es mir selbst sehr sehr schwer fällt, im Innern was auszumachen, worüber ich lieber mit einem Außenstehenden sprechen möchte. Aber da gilt es zu Differenzieren. Das ist dann das Problem.
    Ich kann mich für eine Sache einsetzen, Verantwortung übernehmen ohne dass ich mein Sorgenpäcken nach außen trage. Es kommt m.E. auf die eigene (seelische und körperliche) Verfassung an…. Und die ist bei unstabilen Menschen anders als bei stabilen. Ich weiß wovon ich rede, deswegen bewegt mich das auch. Du siehst das Thema wahrscheinlich aus einer sachlicheren Ebene als ich. ….Hoffentlich kann ich mich verständlich ausdrücken, ich merke , dass ich mich leicht verzettele ….. Sachliche und persönliche Dinge sollte man trennen lernen, damit man auf einer neutralen Ebene diskutieren kann. Das fällt mir persönlich immer noch schwer. Daran arbeite ich .
    Ich möchte die Verantwortung für mich selbst übernehmen und andere als gleichwertige Menschen ansehen können. Dabei hilft mir auch mein Glaube. Danke auch für die erwähnte Bibelstelle …..
    Liebe Grüße
    Erika

    • Hase Says:

      P.S. :“Ich hatte ja zuerst “Mügigkeit” in der Überschrift gelesen….“
      das sollte EIGENTLICH „Müdigkeit“ heißen (schon eine interessante Veränderung von Mündigkeit über Mügigkeit zur Müdigkeit)
      hoffentlich wirst Du nicht müde beim Lesen meines Kommentars….

    • theomix Says:

      Liebe Erika,
      „Sachliche und persönliche Dinge sollte man trennen lernen“ – ich glaub, ich möchte diesen Satz in Gold gegossen haben. Mir kommt es so vor, dass sich das oft vermischt/ verwischt.
      Danke für deine Erwägungen!
      Herzlich, Jörg

  5. wholelottarosie Says:

    Zur Mündigkeit gehört eine bestimmte Festigkeit des Ichs. Meiner Auffassung nach schliessen sich Mündigkeit, Selbstständigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Disziplin nicht aus. Es ist nicht gerade der richtige Weg ein mündiger Mensch zu werden, indem man sich jeder Art von Autorität widersetzt. Wenn man bedenkt, dass nur die mündigen Menschen eine Demokratie verwirklichen können, in der die selbständige bewusste Entscheidung jedes einzelnen Menschen wahrgenommen wird, sollte es allen ein Ziel sein, ein mündiger Bürger zu sein oder zu werden.
    LG von Rosie

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