Wegwerfgesellschaft?

Ich war ein Kleiderschrank

Ich war ein Kleiderschrank (Photo credit: Schockwellenreiter)

Sperrmüll kommt an den Straßenrand. Und dieser Rand ist, dank Kreisel, eine runde Ecke – und liegt in der Startbahn zur Ortsausfahrt.

Schon vor dem Kreiselbau blieb für die Müllwerker kaum etwas übrig.  Schon vorher wurde abgegrast. Jetzt passiert alles noch schneller.

Der Sperrmüll gestern war angemeldet. Nach 17 Uhr stand und lag alles draußen, und schon stand ein Auto aus dem Nachbarkreis davor. Wir beratschlagten, was denn noch gut wäre, und ein sehr gut erhaltener Kleiderschrank, eine alte Mailbox, Spiele und anderer Kleinkram wanderten in den Caravan.

Kurze Zeit später hielt ein Kleintransporter (mit litauischem Kennzeichen); der Fahrer war an Altmetall interessiert. Die Kabel- und Altgerätesammlung ging mit.

Beim vorletzten Sperrmüll war nichts angemeldet, wir haben“wild“ aufgestellt. Überwiegend Altmetall. Schon hielt ein Kleinbus. Inländisch, Fahrer mit rheinischem Akzent. Er nahm so gut wie alles mit. Vor Einbruch der Dunkelheit war da kein Müll mehr.

Mittlerweile stellen wir Dinge an den Straßenrand, die noch gut sind, die wir aber nicht mehr gebrauchen können. Bevor der echte Sperrmüll kommt, müsste es wieder im Keller verschwinden. Das war bisher ein guter Vorsatz, der nicht umgesetzt werden musste: Alles ging weg. Und was dann die Müllabfuhr noch fand, war wirklich Müll.

Ich finde das wohltuend: Alles, was noch gebraucht werden kann, findet Abnehmer.
Auf der anderen Seite: Sind wir noch eine „Wegwerfgesellschaft“ und nicht eher eine „Verwertungsgesellschaft“*? Ist es ein Symptom für geringer werdenden Wohlstand?
Eure Erfahrungen, Eindrücke, Meinungen?

*: Nicht die.

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14 Antworten to “Wegwerfgesellschaft?”

  1. Claudia Sperlich Says:

    In Münster gibt es ebenfalls Sperrmüll, und in meiner Studienzeit habe ich mir daraus meine Wohnung eingerichtet.

    In Berlin gab es früher Sperrmülltage, das wurde dann leider aufgegeben, weil zu viele Leute irgendwelchen Müll dazutaten. In meiner Kindheit war der Sperrmüll ein lustiges Abenteuer, man konnte Kleinkram finden. Ich habe damals mal eine Vogelbadewanne aus Holz und Glas – nicht Plastik – an mich genommen und eine Kerze hineingestellt: Meine Laterne.

    Ich finde diese Form der „Verwertungsgesellschaft“ gut und sozial und finde es sehr schade, daß es in Berlin keinen Sperrmülltag mehr gibt. Manche Leute regen sich auf, daß dann ja kleine Gewerbetreibende kommen und sich brauchbare Sachen holen. Ich kann das nicht schlimm finden. Schlimm finde ich, wenn – wie ich es auch schon erlebt habe – die kleinen Gewerbetreibenden dann besonders frevelhaft gefunden werden, wenn sie aus Polen kommen. Wenn also das Nummernschild des Kleinlasters darüber entscheidet, ob gesagt wird „tüchtig, sinnvolle Arbeit“ oder „Polacke“.

    Ich sehe es so: Leute brauchen etwas Sperriges nicht mehr, aber es ist zu umständlich oder nicht lohnend, ein Inserat aufzugeben. Also Sperrmüll. Andere Leute holen die Sachen unentgeltlich ab. (Das tut die Müllabfuhr bei Sperrmüll keinesfalls.) Und die sind halt nicht die Caritas, sondern fleißige Geschäftsleute, übernehmen Transport, Sortierung, Aufarbeitung und bekommen dafür als Händler ein wenig Geld. Und dann die Studenten, Sozialhilfeempfänger und andere Leute, die das Geld so üppig nicht haben – die freuen sich auch, wenn sie einige Möbel umsonst bekommen.

    • theomix Says:

      Genauso sehe ich es auch: Hauptsache, es findet jemanden, der es noch nutzen kann. Wenn einer sich damit eine goldene Nase verdienen sollte, gönne ich es ihm. Woher der Neunutzer auch kommen mag.

  2. Hase Says:

    Lieber Jörg,

    danke für Deinen Beitrag. Ja, über dieses Thema sollte man eigentlich nachdenken. Wenn bei uns Sperrmüllzeit ist (zweimal im Jahr) und die Leute stellen ihre „Wegwerfsachen“ an den Straßenrand, wird es mir auch manchmal unheimlich zumute, was die Menschen alles wegwerfen. (ich selbst kann schlecht wegwerfen)‘
    Die Polen fahren tagelang herum, schon bevor Sachen draußen stehen und sammeln alles ein. Auf der einen Seite finde ich das auch gut, dass noch vieles verwertet wird, aber dieses Fahrzeugaufkommen Tage- und Nächtelang ist nervenaufreibend. Wenn es wiederverwendet wird, spricht eigentlich nichts dagegen.

    Was mich verwundert ist, dass man nicht leicht was verschenken kann heutzutage. Ich hatte einmal ein gut erhaltenes Jugend-Kiefernbett im Kindergarten im Aushang , niemand hat sich gemeldet.
    Da war ich froh, als ein Pole sich darüber freute und es mitnahm.
    Privaten Sperrmüll muss man anmelden. In Mainz kann man das auch so machen, dass man die Geräte auf die Straße stellt, bevor man die Karte für die Entsorgung an die Stadtverwaltung schickt. Das geht schneller weg und man hat sich die Kosten gespart. So ist es in der Wohnung meiner Tochter schon oft geschehen, z.B. als sie den alten Herd entsorgen wollte.
    Es ist ein langer Kommentar geworden.
    Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende
    liebe Grüße
    Erika

    • theomix Says:

      Liebe Erika,
      nur 2 Mal im Jahr Sperrmüll. Da wundert es nicht, dass dann auch die Mülltouristen geballt kommen.
      Und im Grunde ist das dann auch wie geschenkt. Man gibt es nur nicht einem ausgesuchten Menschen.
      Herzliche Grüße, Jörg

    • OneBBO Says:

      Die Erfahrung mit dem „nicht leicht verschenken“ mache ich auch immer wieder. Ich habe mehrmals versucht, technische Geräte, die bei uns aussortiert wurden, zu verschenken. Sei es mit kleinem Defekt oder einfach nur nicht mehr ganz neu. Also keineswegs Elektroschrott. Nie habe ich Abnehmer gefunden – aber genau dieselben Sachen konnte ich in Ebay noch verkaufen! Teils für bis zu 20 Euro, teils nur für 1 Euro, und es wurde kostenlos abgeholt.

      Es wäre doch einmal einen Beitrag wert „Warum sich Beschenken lassen heute eine Peinlichkeit geworden ist“🙂

  3. Werner Says:

    Auch bei uns wird immer wieder diskutiert, ob die bisherige Regelung (zwei Sperrmülltag imJahr) abgelöst werdensoll von einer Anmelde-und-Abholungs-Entsorgung.
    Grund für Änderungsabsichten ist allerdings nicht der (Polen-)Mülltourismus sondern die Tatsache, dass dabei die Sperrmüllberge, die vor allem vor Mehrparteienhäusern zu finden sind, oft so durchwühlt und in der ganzen Umgebung verteilt werden, dass die Abholer um so mehr Arbeit haben und oft auch danach noch tagelang Spuren zu finden sind, die zu beseitigen dann für die Stadtreinigung Kosten verursachen.
    Schade wärs dennoch, wenn dadurch die Wiederverwertung nicht mehr in dem Maße möglich wäre wie bisher.
    In Kanada erlebte ich eine ganz andere Art des Umgangs mit Dingen, die noch gut sind, aber nicht mehr gebraucht werden.
    Auf der Insel Hornby-Island gibt es keine Müllabfuhr. Jeder Bewohner muss seinen Müll selbst aufs Festland bringen oder das was noch gebraucht werden kann in einem Recyling-center abgeben, wo die Güter sortiert werden und wo jeder sich auch kostenlos eindecken kann mit allem, was er dort brauchbares findet.
    http://flic.kr/p/4YDTij
    Werner

  4. pinseljulie Says:

    Das erinnert mich so sehr an meine Kindheit…..ich liebte es, im Sperrmüll zu wühlen!

  5. Inch Says:

    Ich kann gut in einer Verwertungsgesellschaft leben. Das macht mich sogar irgendwie zufriedener als der Gedanke an die Wegwerfgesellschaft

    • theomix Says:

      Das macht es mich wohl auch. Dabei bin ich einer, der an den Straßenrand stellt. Ich riskiere das Wegwerfen.

      • Inch Says:

        Tu ich auch. Das nicht mehr Gebrauchte zum MITNEHMEN rausstellen, statt es in den Müll zu tun. Und freu mich, wenn ich ein paar Stunden später nachschaue, dass sich jemand gefunden hat, der das Abgestellte VERWERTEN konnte

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