Herr W. und Herr G.

Der Herr W. ist gegangen. Zum Jahreswechsel schwankte die Affäre für mich zwischen „Der hat Sachen gemacht, die er nicht hätte machen dürfen“ und „Der hat beim Empfang der Zeitung X. zwei Kaviarbrötchen eingepackt“. Nu war deutlich, es waren wohl doch üble Sachen.

Für mich war nicht die Glaubwürdigkeit von Herrn W. ein Problem. Man kann so lange in der Vergangenheit eines Menschen porkeln, bis man etwas findet und er nicht mehr glaubwürdig ist. Herr W. hat Sachen gemacht, die er als Ministerpräsident nicht hat machen dürfen. Und dann hilft auch die Flucht ins höchste Amt nicht. Gut, dass er ging.

Jetzt scheint man das Spiel „Wir jagen die Sau durchs Dorf“ mit Herrn G. weitermachen zu wollen. Es soll eine Katastrophe sein, wenn Herr G. seine Meinung sagt. Weil sie anstößig sei. Nun disqualifiziert eine anstößige Meinung nicht für dieses Amt. Selbst Schlimmeres ließ sich schon verkraften:  Deutschland hat z. B. einen Präsidenten mit Nazi-Vergangenheit überlebt, der oft Unfug von sich gab.
Der Unfug kam von einer schweren Krankheit, das war eher traurig. (Metastasen im Hirn, keine Demenz, obwohl es manchmal so wirkte.)

Soll Herr G. also lustige Sachen erzählen, Hauptsache er weiß, was er wann wo unterschreibt – und was besser nicht.

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20 Antworten to “Herr W. und Herr G.”

  1. Claudia Sperlich Says:

    Ein sehr guter Artikel zu der widerlichen Jagd auf G. steht hier.

  2. mialieh Says:

    Herr W. hat für mich schon bevor bekannt wurde, dass er Kaviarbrötchen hat mitgehen lassen, gewirkt, als ob er gerade mal spielt, er sei Bundespräsident. Und die Präsidentengattin hat dazu gelächelt. Sogar bei seinem Abtritt hat sie sich mit auf (!) das Podest gestellt und ein Gesicht gemacht, als sei sie bei Germanys Next Topmodel, aber nicht bei der Rücktrittserklärung ihres Mannes. Man kannte Wulff doch auch schon vorher. Von daher haben mich eher die skandalisierenden Aufschreie und die Überraschung: „Huch! Es kommt ja immer mehr zusammen!“ – als die Tatsache, dass er es sich hat gutgehen lassen und das nicht abgerechnet hat. Ich fand das am Schluss sehr langweilig. Und Gauck kenne ich nicht genug, als dass ich ihn gut finden könnte. Er ist halt wieder keine Frau. Wenn er ab und zu sperrige Sachen sagt, ist das doch gut. Wenn das Amt des Bundespräsidenten denn überhaupt eine Funktion haben sollte, dann doch das der Reflexion dessen, was die Regierung und das Volk tun.

    • theomix Says:

      Bei W. hätte man wissen können. Aber wenn man in einem Land mit mächtigem MP mit mächtiger Krise wohnt, geraten die Blicke in dieses Bundesland eben kürzer…

  3. shelkagari Says:

    … Und Hauptsache, er pumpt sich kein Geld von seinen „besten Freunden“. :mrgreen:

  4. OneBBO Says:

    Bin ich vielleicht moralinsauer? Ein Pfarrer, der zwar getrennt von seiner Frau ist, diese inklusive 4 Kindern nach der Wiedervereinigung verlassen hat, aber nicht geschieden ist und mit Lebensgefährtin zusammen lebt: Ist das jetzt schon so normal, dass dies als Leitbild gelten kann? Darüber verliert niemand ein Wort, da hat die Political Correctness wohl schon so gegriffen, dass wir das alle okay finden müssen?

    Natürlich kann keiner was dafür (oder doch natürlich), wenn eine Ehe nach mehreren oder keinen Kindern in die Brüche geht, aber gewisse Ämter sollten dann vielleicht doch nicht unbedingt zur Wahl stehen – wenn noch nicht einmal eine saubere offizielle Trennung vorgenommen wurde. Wenn einer reiche Freunde hat (und mehr ist Wulff bis jetzt nicht wirklich in kriminellem Stil NACHGEWIESEN worden), ist das schon ein Grund, Hetze zu machen. Wenn jemand seinen eigenen (christlichen!) Ansprüchen nicht genügt, ist das egal.

    • Hase Says:

      @OneBBO:Deine Bedenken teilen auch andere :

      [Hier spricht der Bloghirte: Der angegebene Link zum Beitrag von idea.de ist in den Abonnentenbereich verschobene worden. Pech…]

    • theomix Says:

      Wie glaubwürdig muss eine/r im politischen Amt sein? Muss überhaupt? Grundsatzfragen, auf die ich auch morgen nicht eingehe. Das ist nämlich – wie auch der Ruf nach einem „Vorbild“ – eine sehr schwierige und undankbare Frage. Um so froher bin ich, dass du sie stellst. Denn sie ist nicht nur schwierig, sondern auch wichtig.
      Ein Gutteil ist immer auch Projektion unserer Wünsche. Ein bisschen heile Welt. Das nehme ich oft wahr, kann nicht sagen, du tätest es.
      Wenn wikipedia richtig informiert, ist Gauck bis 1989 Pfarrer gewesen (also, schließe ich, aus dem kirchlichen Dienst ausgeschieden) und hat sich 1991 getrennt. Das zur Ehrenrettung des Pfarramts. Inwieweit er sich persönlich, mit seinem Glauben, verantwortlich und glaubwürdig fühlt, weiß ich nicht.

      • OneBBO Says:

        Ob man nun ein Kaviarbrötchen mitgehen lässt oder „unmoralisch“ lebt: Warum ist das eine plötzlich schlimmer als das andere? Das ist es, was mich vorrangig stört. Und ja, ich finde schon, dass ein gewisses Amt auch eine gewisse Vorbildfunktion mit sich bringt und bringen sollte. Auch wenn das jetzt erzkonservativ klingt 🙂

        Beispiel: Wenn ein bekannter Vegetarier ein Wurstbrötchen isst, werden sich garantiert die Leute zu Recht darüber mokieren oder aufregen oder mit dem Finger drauf zeigen. Die Glaubwürdigkeit ist dann zurecht ins Wanken geraten. Und so erwarte ich von einem Menschen, der sich zum christlichen Glauben bekennt, auch eine entsprechende Haltung. So einfach ist das. Für mich :mrgreen:

        • theomix Says:

          Na gut, wenn das Erzkonservative auch mal einfach ist. sonst machen die es immer kompliziert. :mrgreen:
          Wer sich zu einem Glauben bekennt, sollte zu Zweifelsfällen seines Lebens was sagen können. Wohl wahr. Wenn man ihn dazu fragt.
          Und schlimm war bei w. dieses elende Vertuschen, Verleugnen. Das tut G. ja nun nicht, die Fakten liegen auf dem Tisch. 🙂

  5. Hase Says:

    Lieber Jörg,
    danke für Deinen Beitrag mit denweiterführenden links. Du hast eigentlich alles schon gesagt.
    Es wird bei allen was zu finden sein, egal welcher Buchstabe vorne steht ! Aber als Bundespräsident sollte man schon glaubwürdig sein…..
    liebe Grüße
    Erika

    • theomix Says:

      Liebe Erika,
      es wird immer was zu finden sein, ja. Wie ich auch zu OneBBo kommentierte: Ein Gutteil (des Verlangens nach Glaubwürdigkeit) ist immer auch Projektion unserer Wünsche. Was ein Buprä wirklich können muss, dazu schreibe ich morgen etwas.
      Lieben Gruß, Jörg

  6. OneBBO Says:

    @theomix: Fein. „Ich habe geklaut“ ist natürlich um Längen besser als heimlich klauen. Gummisätze wie „Ein Gutteil (des Verlangens nach Glaubwürdigkeit) ist immer auch Projektion unserer Wünsche“ liebe ich auch sehr. „Wir ärgern uns bei anderen über das am meisten, was wir selbst auch machen“ liegt auf demselben Niveau – faszinierend, aber stimmt einfach nicht. Ich lese dann mal besser deinen Artikel morgen nicht 😉

    • theomix Says:

      Pardon, das war aus eigener Betroffenheit gesprochen. Glaubwürdigkeit und Vorbildfunktion sind nun mal beim Pfarrberuf nicht zu vermeiden. Bei den Ursachen bin ich lieber schwammig als pauschal. Nicht alles ist Projektion.
      Gerade weil es dann recht nahe an die eigene Existenz rückt, meide ich das Thema. Das ist der Schwammigkeit Ursache Nummer 2. Ich wünsche mir eine Blogphase, wo ich wieder Muße habe, auch solche Themen zu erörtern.
      Daher ist das mit deinen Kommentaren sehr reiz-voll 🙂
      Aber wenn es über-reizt, musst du morgen über-springen.
      Wir werden sehen…

  7. Frau Momo Says:

    Vielleicht sollte man erstmal abwarten, was Herr G. so macht, wenn er denn überhaupt erstmal das ist, in welcher Funktion er jetzt schon anscheinend kritisiert wird: Bundespräsident.
    Ich habe auch Zweifel, mehr als vor 2 Jahren, als ich ihn noch per online-Unterschrift unterstützt habe, aber ich warte erstmal ab, was er tut, wenn er was tut.
    Ich finde es nicht verkehrt, auch jetzt schon mal kritisch über ihn zu denken, aber was ich nicht richtig finde, ist ihn jetzt als Sau durch´s Dorf zu treiben.
    Mir ist es übrigens völlig wurscht, ob er verheiratet ist, ob er Kinder hat oder nicht, ob er schwul ist oder nicht. Das ist und bleibt seine Privatangelegenheit. Und die CSU-Moralhüter sollten mal ganz still sein…. wieviele uneheliche Kinder hat noch gleich Herr Seehofer…

    • theomix Says:

      Ich mein einfach, alles ein bisschen tiefer hängen. Der Bundespräsident hat kaum etwas zu bestimmen und möglicherweise etwas zu sagen.

  8. Agnes Says:

    Wir brauchen einen Bundespräsidenten, der steinreich ist (damit er keine Geschenke von reichen Freunden annimmt) und der ein Heiliger ist.
    Nur dann wird die Presse nichts finden, gegen jeden „Normalsterblichen“ kann man sicher immer etwas finden, wenn lange genug gesucht wird.
    Kleiner Schummel bei der Steuererklärung, Geld ins Ausland gebracht um Steuer zu sparen, Schwarzarbeiten am Haus etc.
    Ich möchte gerne wissen, welcher unserer Politiker vor einer solchen Recherche noch bestehen könnte, daher verstehe ich das ganze übertriebene Gerangel um Herrn W. nicht.
    Und dass die Medien sich jetzt mit der gleichen Akribie auf Herrn G. stürzen (wilde Ehe, und mit Carsten Maschmeyer ist Herr Gauck auch) zeigt doch wohin das geht!
    Pressefreiheit ist gut und schön, aber zu viel des Guten ist nicht mehr gut.

    • theomix Says:

      wir brauchen einen Langweiler, bei dem alle gähnen, wenn er den Mund auftut. Carstens, Köhler oder so.
      Das Problem war m. E. nicht die Pressehatz. Wer sich aber im Glanz der Reichen und Mächtigen sonnt und Spielchen macht, dem wird zurecht auf die Finger geguckt. Herr G. kann die Vorwürfe gegen ihn aussitzen.

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