Das muss jetzt sein

Matthias Claudius:

Ein Lied hinterm Ofen zu singen

Der Winter ist ein rechter Mann,
kernfest und auf die Dauer;
sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an
und scheut nicht süß noch sauer.

War je ein Mann gesund, ist er’s;
er krankt und kränkelt nimmer,
weiß nichts von Nachtschweiß noch Vapeurs
und schläft im kalten Zimmer.

Er zieht sein Hemd im Freien an
und lässt’s vorher nicht wärmen
und spottet über Fluss im Zahn
und Kolik in Gedärmen.

Aus Blumen und aus Vogelsang
weiß er sich nichts zu machen,
hasst warmen Drang und warmen Klang
und alle warmen Sachen.

Doch wenn die Füchse bellen sehr,
wenn’s Holz im Ofen knittert,
und um den Ofen Knecht und Herr
die Hände reibt und zittert;

wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht
und Teich‘ und Seen krachen;
das klingt ihm gut, das hasst er nicht,
dann will er sich tot lachen. –

Sein Schloss von Eis liegt ganz hinaus
beim Nordpol an dem Strande;
doch hat er auch ein Sommerhaus
im lieben Schweizerlande.

So ist er denn bald dort, bald hier,
gut Regiment zu führen.
Und wenn er durchzieht, stehen wir
und sehn ihn an und frieren.

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31 Antworten to “Das muss jetzt sein”

  1. Claudia Sperlich Says:

    Immer wieder schön!
    Noch ein lyrisch personifizierter Winter findet sich bei Jean Richepin (runterscrollen zu „Erster Frost“).

  2. smultronella Says:

    Ja ist das nicht herrlich? Genieß den Winter, so lange es ihn noch gibt.
    Liebe Grüsse aus dem wahrscheinlich sogar etwas wärmeren Norden 🙂
    Claudia

  3. mialieh Says:

    Ich weiß jetzt, was Vapeurs sind und dass Füchse bellen. Und natürlich habe ich auch Matthias Claudius gegoogelt. Vielleicht war es ein früher Vorläufer eines heutigen Pop-Künstlers. Matthias Reim. Auch er hat über den Winter gereimt. Aber nicht so schön. Früher war halt alles besser.

  4. Hase Says:

    Lieber Jörg,

    vielen Dank für das schöne Gedicht. Das passt jetzt gut hierher.
    Der Winter hat es in sich. Mich kostet es viel Überwindung, nach draußen zu gehen….
    Liebe Grüße
    Erika

  5. Babbeldieübermama Says:

    Das schöne Gedicht kannte ich noch nicht.
    Am frühen Morgen habe ich mir fast Frostbeulen geholt, aber nur fast… 🙂 Nachdem es stundenlang geschneit hat sieht es um uns rum aus wie mit Puderzucker bestreut.
    Begeisterte Grüße
    Bärbel

  6. Agnes Says:

    Ein so schönes Gedicht, ich liebe die Gedichte von Matthias Claudius eh sehr.
    Ich muss meine Gedichtseite von ihm auch endlich mal fertigstellen.
    Herzliche Grüße

  7. Werner Says:

    „wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht
    und Teich’ und Seen krachen;“

    ins Bild gesetzt sieht das wohl ungefähr so aus:

    einskalte Grüße

    Werner

  8. Babbeldieübermama Says:

    Wir haben jetzt nur noch -6° und Schnee. Der Schnee begeistert mich. 😆

  9. minibares Says:

    …und holen unsere Daunenjacken raus, setzen Mütze auf, ziehen Handschuhe an und gehen ihn bestaunen.

  10. Inch Says:

    Das ist schön! Das kannte ich noch gar nicht. Ehrlich gesagt kenne ich auch den Autoren nicht

  11. Inch Says:

    Äh *hüstel* doch, ja, schon davon gehört. Allerdings, hihi, so richtig mit dem Text habe ich mich erst beschäftigt durch das Buch „Der weiße Neger Wumbaba“ von Axel Hacke.
    Das Lied selber gehörte irgendwie nicht zum Familienliedgut. Und aus der Schule kenne ich es auch nicht

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