Familie

Familie, viel gescholtene Daseinsform, häufig ungeliebt. Lästige Pflichten tauchen oft in Erinnerungen auf. Freunde seien doch wichtiger, weil selbstgewählt.

Über 20 Jahre habe ich sie nicht mehr gesehen, die Verwandte, alle paar Jahre gab es mal einen Schwatz am Telefon oder Grüße per Post. Und nun ergibt sich die Gelegenheit, sich wiederzusehen. Wunderbar, sie freut sich, und ich mich auch.

Sie holt mich vom Bahnhof ab, ich denke: „Die ist ja noch kleiner als ich sie in Erinnerung hatte!“ Einer ihren ersten Sätze: „Sag mal, bist du größer geworden?“  Ich sag ihr meine spontanen Gedanken, wir lachen. Zu Hause bei ihr reden und reden wir – irgendwann gibt es Bewegung an der Haustür: die beiden Töchter sind da!

Auch älter geworden, und ich hatte in den Jahren zuvor nur Kontakt zu ihrer Mutter. Aber sie sind gekommen, meinetwegen. Einfach weil ich, der Großcousin, da bin. Kaum zu fassen. Ich weiß nicht so genau, wie mir geschieht, da klingelt das Handy und die Heimat begehrt Auskunft. Ich erzähle kurz. Und merke, wenn ich wollte, könnte ich jetzt auch losheulen. Ich will aber nicht.

Die Töchter nehmen  nach einem guten Stündchen Abschied. Auch zu zweit  gibt es ja so viel zu erzählen und auszutauschen. Bis wir um Mitternacht für weiteres zu müde sind.

Am anderen Tag fahre ich nach Hause. Abends muss ich doch dahin und dorthin mailen, wie es mir erging. Da allerdings sind hinterher die Augen feucht.

Familie: eine Verbindung, die vorgegeben ist, nicht selbst gewählt. Und zugleich ein Band, das einen halten kann. Wie schön, das auch so herum zu erfahren.

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19 Antworten to “Familie”

  1. Hase Says:

    Lieber Jörg,
    vielen Dank für diesen berührenden Beitrag. Mich überkam beim Lesen ein wohliges Gefühl. Viele Gedanken löst er in mir aus. Viele gute Gedanken löst er in mir aus. Schön, was Du auch im letzten Abschnitt erwähnst.
    herzliche Grüße
    Erika

  2. Hase Says:

    hoppla, da steht ein Satz doppelt !

  3. Hausfrau Hanna Says:

    Für diesen Beitrag,
    lieber Jörg-theomix,
    schicke ich dir ein grosses, von Herzen kommendes Danke – so schön, so wahr, so stimmig fühlt er sich an :-)
    Ich wünsche dir und deiner Familie einen ruhigbesinnlichen Übergang in ein gutes Neues Jahr 2012,
    Hausfrau Hanna

    • theomix Says:

      Liebe Hausfrau Hanna,
      die guten Wünsche erwidere ich gerne!
      Und schön, dass dich der Beitrag erfreut. Das freut dann mich. :)
      Herzlichen Gruß, Jörg

  4. Dr. Ehrlich Says:

    In Bezug auf meine Familie bin ich radikal, sie interessiert mich nicht. Nur meine Eltern rufe ich ab und zu mal an und erkundige mich nach ihrem Befinden. Zu meinen beiden Brüdern, den zahllosen Cousins und Cousinen, Onkeln und Tanten habe ich keinen Kontakt. Es ist nicht so, dass ich mit denen im Streit läge, sie sind einfach uninteressant. Ich fände es unaufrichtig, wenn ich nur „weil man das so macht“, Kontakt zur Familie hielte.
    Meine Frau sieht das anders. Sie ist verwoben mit ihrer riesigen Familie. So geht sie zu Geburtstagen von Onkeln, die sie nicht leiden kann, nur weil sie nicht will, dass der Rest der Familie sich über ihr Fernbleiben das Maul zerreißt. Beschwert sich, dass ich so selten mitkomme, weil die Verwandten denken könnte, sie habe sich von ihrem Ehemann getrennt.
    Da stoße ich doch lieber ab und an einen Verwandten vor den Kopf, in dem ich auf die Frage ob wir uns nicht mal treffen wollen, mit der Gegenfrage: „was hätten wir zu besprechen?“ antworte.

    • theomix Says:

      Herzlich willkommen auf diesem Blog!
      Und Danke für die ehrliche Meinung. Zu einigen Cousins und Cousinen habe ich gar keinen Kontakt und bejahe das. Hier lag die Sache anders.
      Warum man sich dann Familientreffen antut, obwohl es grässlich ist? Mir fällt dazu der Begriff „Sekunmdärgewinn“ ein – falls es keinen Primärgewinn gäbe. Wenn es noch nicht mal tertiär etwas Gutes bringt, dann lieber ablehnen. ;)

  5. Sylvia Says:

    Du bist ja wirklich sehr groß :grin: Das hab ich auch so empfunden. Neben dir hergehend Schritt zu halten, ist eine Herausforderung.

    Und Familie ist sicherlich unterstützend, wenn man allerdings selber gehen möchte, muß man sich machmal von diesen Stützen befreien. Das ist nicht immer einfach. Aber es geht. Zur Not auch mit großen Schritten ;-)

    Und manchmal gehen sie sogar mit …

    • theomix Says:

      So groß war ich auch schon beim vorletzten Treffen mit der Cousine… :)
      Da, wo sich nichts bewegt und niemand mitgeht, sollte man mit großen Schritten Fersengeld geben. Leider gibt es so viele schlechte Erfahrungen.

  6. Werner Says:

    Wer kennt das nicht…
    Verwandte, mit denen man sehr gerne – und vielleicht viel zu selten – zusammen ist und andere zu denen man lieber Abstand hält.

    Wir haben zum Glück mehr von der ersten Sorte als von der zweiten.
    Und gerade in den letzten Wochen hatten wir das Glück guter Tage mit einnigen von ihnen.

    Schön, dass du uns telhaben lässt an deinen guten Erfahrungen.

    W.

  7. Sven Says:

    Hallo Jörg.
    Ein sehr persönlicher Beitrag, der mich berührt. ( und den ich immer noch nicht ganz verstanden habe…. was beschreibst du mit feuchten Augen????)
    Heimat. Freunde. Familie. Nähe. Gemeinschaft. Wurzeln. Höflichkeit. Nichtverstandensein, Eingebunden sein ins Leben. Geschichten die mich Interessieren… oder eben nicht, verlassensein von deinen Lieben…. Unglück oder Trennungsschmerz……????

    Mit wohligen Grüßenj

    • theomix Says:

      Lieber Sven,
      ich wverstehe im Moment nicht, ob du nicht verstehst, weil du nicht verstehst, oder weil da etwas blockiert und nicht in Flss ist.
      Sei es d’rum, manches muss einfach so wirken…
      Herzlich, Jörg

  8. Babbeldieübermama Says:

    Verwandte sind wie das Salz in der Suppe. Gut dosiert seh ich sie gern, aber zu viel und zu oft kann einem das Leben vermiesen. ;)

  9. Lokomotive streicheln | Theomix Says:

    […] als ich meine Cousine besuchte, brachte sie mich an den Bahnhof. Sie ging mit aufs Gleis und wartete mit mir auf den Zug. Ich […]

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