Leitwort, aus dem Herzen – immer noch

Über Jesus heißt es im Matthäus-Evangelium (Kapitel 9, Vers 36): „Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.“

Jesus sieht das Volk und „es jammert ihn“. „Er wurde innerlich bewegt“, übersetzt die Elberfelder Bibel. Keine Übersetzung gibt, meine ich, den Urtext richtig wider: ἐσπλαγχνίσθη („esplangchnísthe“) – das Verb „splangchnizomai“ kommt vom Substantiv für „Eingeweide, Herz, Innerstes“.  „Es zerriss ihm seine Eingeweide“ ? – das ist wohl etwas zu stark. „Es ging ihm durchs Eingeweide“, „…durch Mark und Bein“, besser noch „Es ging ihm zu Herzen“ oder „es berührte sein Innerstes“.

Jesus sieht die vielen Kranken, und das ganze Volk. Wer weiß, was sie in ihm sehen. Den Wunderheiler, Magier, den Schönredner. Aber sein Anliegen, seine Botschaft, sein Auftrag? Wohl ganz viele mit ganz wenig Ahnung.

Wie Schafe ohne Hirten. Durcheinander, zerstreut.

So ein Blick auf die Zeitgenossen wäre ab und zu nötig. Ein liebevoller Blick auf all die Neunmalklugen, die die Weisheit mit Löffeln gefressen haben; ein offenes Herz für alle, die die Kirche nur als Kulisse für ihre Familienfeier brauchen. Innerlich berührt von Dummschwätzern und Stammtischquasslern.

Ja, das wäre gut Menschen so zu sehen. Nicht als Heiden, missionswürdige Objekte. Oder als Nervfaktor, der den normalen Betrieb stört. Sondern als liebenswerte, liebesbedürftige Gegenüber. Auch wenn das auf den ersten Blick nicht so ist. Gerade dann.

Zuerst am 11. Dezember 2008 veröffentlicht. Stimmt immer noch.

Und der andere Beitrag ist morgen wieder da.

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8 Antworten to “Leitwort, aus dem Herzen – immer noch”

  1. sweetkoffie Says:

    Sein Herz öffnen
    sich etwas zu Herzen nehmen
    sein Herz verschenken …

    Mir scheint „Herz“ ist in unserer Gesellschaft gerade mal nicht so gefragt. Ich vermisse Herzenswärme und Herzensbildung.

    Vielleicht steht uns ein Zeit bevor, wo o.G. wieder Priorität bekommt, dann wenn wir endlich kapieren, dass nicht Geld unsere Welt regiert,
    dann, wenn wir unseren Blick wieder auf einander richten und wir von einander „berührt“ werden.

    Danke, lieber Theomix, für das Wort in die Woche!
    Ich wünsche dir einen guten Start in dieselbe.

    SK

    • theomix Says:

      Was soll ich nach der Gesellschaft fragen, wenn es ums Herz geht?
      Ich bin grundsätzlich hoffnungsfroh. Der Mensch hat ein Herz und ist dort erreichbar. Nur Mut! 😉

  2. Claudia Sperlich Says:

    Gute Worte, die ich mir zu Herzen nehmen will.

  3. Hase Says:

    Lieber Jörg,
    vielen Dank, dass Du heute noch einmal auf diesen Beitrag aufmerksam machst. Ja, er stimmt immer noch.
    „Andere als liebenswerte, liebesbedürftige Gegenüber sehen“, darüber sollte jede/r wirklich einmal in Ruhe nachdenken.
    Liebe Grüße
    Erika

  4. Sylvia Says:

    „Was soll ich nach der Gesellschaft fragen, wenn es ums Herz geht?“
    Was für ein Satz ! Den klau ich. Weiß noch nicht wofür, aber was ich hab, hab ich. ❤

  5. theomix Says:

    Klauen erlaubt. Wenn es doch ums Herz geht… 😉

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