Maßvolle Worte zu einem Streitthema

Auf evangelisch.de stieß ich auf einen gut lesbaren Beitrag zu einer neu entfachten Debatte über Homosexualität und Kirche. Ausgangspunkt ist das geplante neue Pfarrdienstrecht in der EKD, das gleichgeschlechtliche Partnerschaften im Pfarrhaus zulassen würde.

Jürgen Ebach, emeritierter Alttestamentler, schrieb „Bibelauslegung: Homosexualität – ein Gräuel?“

Mir gefällt es, wie sachlich und selbstkritisch er an das Thema herangeht. Die eigene, die rheinische Landeskirche hatte dieses Thema mehrere Jahre diskutiert. Mitte der Neunziger gab es ein Diskussionspapier zur Trauung und Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. In der Gemeinde damals – mit  einem hohen Anteil armer Menschen –  war die Stimmung so:

1990:     Soziale Fragen? Kein Interesse.
1991:     Soziale Fragen? Kein Interesse.
1992:     Soziale Fragen? Kein Interesse.
1993:     Soziale Fragen? Kein Interesse.
1994:     Soziale Fragen? Kein Interesse.
1995:     Soziale Fragen? Kein Interesse.
1996:   Die Landeskirche erwartet von den Gemeinden eine Stellungnahme. Es gibt eine Diskussionsveranstaltung.
Können wir nicht über die hohe Arbeitslosigkeit reden?
1997:     Soziale Fragen? Kein Interesse.
1998:     Soziale Fragen? Kein Interesse.

Das hat mich noch nachdenklicher gemacht als die Äußerungen Jürgen Ebachs.

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18 Antworten to “Maßvolle Worte zu einem Streitthema”

  1. Wolfgang Vögele Says:

    Ich glaube ja, daß Homosexualität gar kein Thema mehr sein sollte. Mir hat der Beitrag von Ebach auch gefallen. Ich hatte lange nichts mehr von ihm gehört. Seine Bibelarbeiten und Exegesen habe ich immer sehr gerne gelesen.

    • theomix Says:

      Eigentlich wäre es kein Thema, aber die Altbischöfe haben es wieder zu einem gemacht. Und viel schwingt mit: Die Frage nach der Mitte der Schrift, also der Hermeneutik, die Ethik, das Pfarrbild. Und wenn darüber maßvoll und nüchtern gesprochen werden könnte, wäre das heilvoll.

  2. OneBBO Says:

    Interessanter als den Beitrag fand ich die Kommentare darunter. Da haben beide „Seiten“ nachvollziehbare Argumente – und beide Seiten auch Vertreter, wo man sich an den Kopf packt 😉

    • theomix Says:

      Da hast du recht. „wenn darüber maßvoll und nüchtern gesprochen werden könnte, wäre das heilvoll“ – manche Kommentare machen dann wohl skeptisch.

  3. Hase Says:

    Lieber Jörg, danke dir für den interessanten Hinweis und auch die Tatsache, dass kein Interesse an Sozialen Fragen nachdenklich macht. Viele Gedanken, die zum Nachdenken anregen…..
    liebe Grüße, Erika

    • theomix Says:

      Liebe Erika,
      nachdenklich macht es dann, wenn die Notwendigkeit darüber nachzudenken dich anschreit und niemand anderes will mit darüber nachdenken,. Vom Tun ganz zu schweigen.
      Herzlichen Gruß, Jörg

  4. Sylvia Says:

    Kein Interesse muß ja nicht zwingend negativ sein.
    Kommt halt drauf an, wo das Desinteresse wurzelt.

    Insgesamt denk ich, dass man weltweit sagen kann, dass wir für viel mehr Sachen kein Interesse haben als schon.

    Ist kein Interesse vorhanden, weil beide Aspekte gleichgültig sind, oder weil sie gleich gültig sind ?

    Bei uns hat’s jüngst einen Eklat gegeben, bei Dancing Stars (einem TV Format) tanzen heuer erstmals zwei Männer miteinander.
    Niki Lauda ist daraufhin vom Hocker gefallen und hat öffenltich Veto eingelegt gegen diesen Auftritt.
    Das ist alles ein wenig emotional rübergekommen, weil er gsagt hat, dass er nicht möcht, dass seine Kinder das sehen und es eventuell nachmachen könnten.

    Großer Aufschrei auf seiner facebook Seite und daraufhin ist er zurückgerudert und hat sich entschuldigt.

    Tut, als wär Homosexualität was, was man sich aussuchen könnte.
    Wenn man von einem Leben ausgeht, dass auf Fortpflanzung ausgerichtet ist, dann passt die Homosxualität nicht rein.
    Sonst aber schon, denk ich.

    Aber es pflanzen ich ja auch nicht alle gleichgeschlechtlichen Paare fort, manche haben gar keine Partner und für andere wieder ist dieser Aspekt auch nicht so wichtig.

    Die Frage ist wohl, ob ich es verdräng, ein Thema, weil es unangenehm ist oder ob es in mir nix auslöst, was ich diskutierenswert fände.

    • theomix Says:

      Wie deine Antwort zeigt: ein komplexes Thema. Und kurze Hau-drauf-Argumente helfen nicht – wie man an Niki Lauda sehen kann.
      Mal flaspsige Kurzantwort von mir: Beim Sex schaltet sich der Kopf ab, beim Reden darüber anscheinend auch.

  5. Frau Momo Says:

    Es sollte kein Thema mehr sein, ist es aber leider eben doch. Wir in Norddeutschland haben das bei einer Bischofswahl ja wieder erlebt… der homosexuelle Kandidat hatte kaum eine Chance und das wurde teils auch laut ausgesprochen. Ich hab das insofern verfolgt, als das es „unser“ Probst war, der da kandidiert hat und den ich auch gut kenne.
    Die Schranken in den Köpfen sind noch lange nicht eingerissen…..

    • theomix Says:

      Ja, inhaltlich müsste ich jetzt Ebach referieren.
      Das Pfarramt protestantischer Prägung entstand mit dem bürgerlichen Zeitalter, und die bürgerlichen Normen sind wohl immer noch die Messlatte. Es hat sich viel verändert. Vor 30 Jahren noch flog ein Pfarrer bei Scheidung automatisch aus der Stelle. Und nun soll das neue Dienstrecht deutschlandweit möglich machen, was in einigen Landeskirchen schon geschehen darf.

  6. klanggebet Says:

    ich habe den artikel von ebach auch gelesen. auch die kommentare. grad neulich, weiss gar nicht mehr wie ich da hin kam. da kann einem wirklich das ein oder andere schwer im magen liegen, bei so hitzigen argumentationen.

    heute fand ich übrigens dies: http://www.memorandum-freiheit.de/
    katholischer aufbruch? naja, man ist ja dankbar für jeden strohhalm. jedenfalls auch hier einer der punkte: anerkennung gleichgeschlechtlicher partnerschaften. als ich das las dachte ich: utopia, wir kommen. so weit ist es schon, dass man als aussenstehender, blickt man auf die kirche, viele dinge für undenkbar hält.

    grad neulich sah ich auch ein video eines anglikanischen bischofs. oh da geht es auch um das thema, und das war wie balsam, ehrlich. das video ist hier: http://www.itgetsbetter.org/video/entry/mpz5eurnf24/

    ich bin echt dankbar für jeden hoffnungsschimmer. wie die kirche homosexualität behandelt ist untragbar und entwürdigend.

    liebe grüsse,
    giannina

    • theomix Says:

      DIE Kirche – ne, ne, der sprachgebrauch ist aber noch mit anhaftenden eierschalen… Es gibt einige kircheN, die sind weiter, Gott sei dank! die dürfen den schimmer verstärken, gerade die anglikaner und die altkatholiken, die der rk kirche so ähnlich sind, haben einiges in bewegung gebracht.
      Das hoffen hört nie auf, und wie der verheißene zustand aussieht, da werden alle noch augen machen…

      • klanggebet Says:

        ja das war sehr verallgemeindernd. ich weiss ja dass die positionen sehr verschieden sind. und was nochmal von der offiziellen position der einzelnen kirchen unterschiedlich ist, ist ja die persönliche haltung des jeweiligen priesters/bischofs. ich habe sehr sehr offenherzige, tolerante und kluge kleriker kennengelernt, deren position in völligem gegensatz zur position ihrer kirche stand. und DAS hat mich immer sehr ermutigt. denn kirche besteht ja aus menschen, nicht bloss aus führungspersonal. das gilt sogar für die katholische kirche *g*.

        ich finde die altkatholiken übrigens gar nicht so sehr den katholiken ähnlich, auch wenn der name es zunächst vermuten lässt. aber das nur am rande 😉

        • theomix Says:

          Ich fand die altkatholiken auf der mitte.Unser kath.-ev. ökumenekreis hatte einen kontakt zu ihnen, sie besucht, und beide seiten, kath, und ev., haben sich zuhause gefühlt. Sozusagen von beiden das beste, hatte ich den eindruck.

  7. klanggebet Says:

    ja, so habe ich die altkatholiken auch immer „verstanden“. wenn ich dann aber unter ihnen war, dann fehlte das, was vermutlich nur ein katholik nachempfinden kann, der diese art der frömmigkeit jahrzehntelang praktiziert hat. gefühlt und im liturgischen rahmen kamen mir die altkatholiken eher vor wie protestanten :D. eigenartig, ich weiss. liegt aber vielleicht auch daran, dass ich nicht nur katholisch und in besonderem maße römisch-katholisch war, sondern obendrein auch noch halbitalienisch. das ist wahrscheinlich die potenzierung des römischen schlechthin! 😀 wenn man erst mal katholischer als der papst ist, dann ist es schwer, in einem altkatholiken einen katholiken zu sehen.
    mit heiteren grüssen,
    giannina

  8. klanggebet Says:

    doch, ein happy end gibts noch: was ist der unterschied zwischen dem papst und mir? ich habe den holzweg verlassen. 😀 muahahaha (und er hat hübschere kleider als ich)

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