Notwendige Erinnerungen

Nicht nur zum Gedenktag

Zu Weihnachten habe ich mir und der gesamten Familie ein  hochinteressantes Buch geschenkt, das ich auf WDR 5 vorgestellt hörte:

Katharina Bader,
Jureks Erben: Vom Weiterleben nach dem Überleben

Die Autorin, Jahrgang 1979, arbeitet nach dem Abitur als Freiwillige ein Jahr lang in Auschwitz. Sie lernt den ehemaligen KZ-Häftling Jerzy Hronowski, genannt Jurek, kennen. Es entwickelt sich eine  Freundschaft, die ihr weiteres Leben prägt: Sie lernt Polnisch und studiert in Polen. Im Jahr 2006 stirbt Jurek, sie reist zur Beerdigung an, erfährt von mysteriösen Todesumständen, lernt Jureks Sohn und seine Familie kennen. Sie wird neugierig, forscht über dieses Leben, das sie von Anfang an fasziniert hat. Sie begegnet früheren Weggefährten und entdeckt viele – bis dahin unbekannte – Facetten an Jurek. Je mehr sie forscht, desto mehr Fragen tauchen auf: Wie war das Verhältnis zum Sohn, der mit 16 von zu Hause weglief? Welche Rolle spielte Jurek in der kommunistischen zeit? Was trieb ihn an, sich für die deutsch-polnische Verständigung einzusetzen?

Katharina Bader hat einen guten Schreibstil, man kann ihr gut folgen, und sie hat eine spannende Geschichte mit vielen Hintergründen zu erzählen. Ich kann das Buch nur empfehlen.

Hier gibt es auf mephisto 97.6, dem Leipziger Universitätsradio, ein Interview mit Katharina Bader.

Nachtrag: Mehr zum Gedenktag und seinem Thema

16.10.2008: Das Grausen in der Kiste

19.10.2008: Das andere Grausen

27.01.2009: Gedenktag und Tageslosung – theologische Gedanken

27.01.2010: 65 Jahre danach – eine Reflexion des Zeitgeists

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38 Antworten to “Notwendige Erinnerungen”

  1. mialieh Says:

    Eine schöne Empfehlung, Danke!

  2. Hase Says:

    lieber Jörg, vielen Dank für diese Buchempfehlung und das interessante Interview. Es hat mich sehr beeindruckt. lieben Gruß,Erika

  3. Claudia Sperlich Says:

    Ich habe gerade die Leseprobe im Netz durchgelesen und werde mir das Buch auf jeden Fall kaufen. Dank für den Tip.

  4. Synapse Says:

    Das Wissen über den Holocaust wird immer geringer. Vorallem junge Menschen wissen oft nicht mehr genau, was hinter diesem Begriff steht. In Russland ist zugleich die Zahl derjenigen am höchsten, die den Holocaust als Lüge betrachten, auch in Italien und den USA ist die Zahl der Holocaust-Leugner vergleichsweise groß. In Deutschland ist sie am kleinsten. Woher kommt das? Ich gebe es zu, dass ich mich auch noch nicht ausführlich mit diesem Thema auseinander gesetzt habe, sondern nur das Grundwissen dazu besitze. Ich werde mir auf jeden Fall das Buch in der Bibliothek vorbestellen und hoffen, dass es dort auch verfügbar ist. Danke für die Empfehlung. Mandy

    • theomix Says:

      Gern empfohlen, Mandy. Ich gehöre zu einer Schülergeneration, an der man das Defizit der Jahrzehnte zuvor ausgleichen wollte. Gleich drei Mal habe ich den Nationalsozialismus durchgenommen. Und es wurde mir nicht zu viel.
      Mein Eindruck ist, dass diese Thema immer noch im Schwange ist, auch bei den Jungen.

  5. imaic1972 Says:

    Auch ich Danke für den Lesetipp.
    Das Buch landet sicher auf meiner Wunschliste

  6. piri Says:

    Okay — ich denke auch, dass ich dieses Buch kaufen werde. Wir dürfen nicht vergessen was geschehen ist, wir brauchen immer wieder Erinnerungen …

  7. bigi Says:

    Gleich drei Mal habe ich den Nationalsozialismus durchgenommen. Und es wurde mir nicht zu viel.

    Bei mir zog sich der Nazionalasozialismus wie ein roter Faden durch die komplette Schulzeit, wofür ich heute sehr dankbar bin. Allzugerne diskutiere ich mit denen, die mich fragen: „Was hab ich denn damit zu tun?“ oder „Wieso muss ich mich immer noch schuldig fühlen, ich war damals doch noch gar nicht auf der Welt!“ Ich denke, es ist heute keine Frage der Schuld mehr. Sondern eine Frage danach, was wir aus dem gelernt haben – oder ob wir etwas aus dieser Zeit gelernt haben, auch wenn wir sie selbst Gott sei Dank nicht miterleben mussten.
    Es darf einfach nie wieder so weit kommen. PUNKT.
    Im gemeinsamen Gedenken
    bigi

    • theomix Says:

      Herzlich willkommen auf diesem Blog, Bigi!
      Es ist in der Brutalität für mich die Infragestellung vieler Selbstverständlichkeiten: in Religion, Kultur, Ethik. Verstärkend wirkt: Ich bin verwandt mit Menschen, die dieses System mitgetragen haben. Eltern und Großeltern usw.. Was hat damals auf den Augen geklebt, was heute dringend runter muss?

      • rote Gräfin Says:

        Ja es die „Normalität des Bösen“, wie Hannah Arendt so treffend formulierte.
        Es ist die Tendenz, das eigene Leben wichtiger zu nehmen und sich zu weigern durch ein anderes leben verunsichern zu lassen.
        Es ist das Übersehen des Leides, bei einem Mitmenschen und die massive Unterdrückung der Freude.
        Es ist die Tendenz unsere eigenen Gefühle abzuschieben und zu verleugnen.
        Der Generation unserer Eltern und Großeltern wurden die Gefühle getötet, deswegen war der Holocoust möglich. Diese Generation schiebt ihre Gefühle ab. Deswegen werden die Asylbewerber abgeschoben. Das ist alles Politik. Die wenigen Widerständler gegen das Unrecht von damals werden heute mit dem Vorwurf belegt selber in dem System drin gesteckt und aktiv mitgemacht zu haben.
        Es geht erst einmal darum, dieses mörderische System zu durchschauen und im kleinen sich dem entgegenzustellen, was die Masse und die eigene Gruppe so tut und macht.
        Das beste Mittel ist die Liebe zu sich selbst und dann erst zu dem Nächsten. Eine ganz schwierige Aufgabe, weil die Verdinglichung des Menschen in jedem Beruf der mit Menschen zu tun hat wie ein Krebsgeschwür wuchert und grassiert.

    • Claudia Sperlich Says:

      Schuld und Verantwortung ist ja zweierlei. Natürlich bin ich – erheblich nach dem Krieg geboren – nicht Schuld an der Nazizeit. Aber wer ein Haus erbt, erbt auch die Hypotheken, die es belasten. Wer Wohlstand erbt, erbt auch die Geschichte, wie es zu diesem Wohlstand kam. Wer einen himmelhohen Bücherschrank voll herrlicher Literatur erbt, der erbt auch den höllentiefen Keller mit Hetzpropaganda dazu. Was davon er liest, empfiehlt und weiterschenkt, muß jeder selbst entscheiden.

      • theomix Says:

        Eine gute Differenzierung.

      • OneBBO Says:

        Ein Erbe kann jeder auch ablehnen. Meine Geburt kann ich nicht ablehnen, genauso wenig wie den Ort und die Zeit, in die ich hinein geboren wurde. Deshalb nehme ich mir die Freiheit, diese Verantwortung abzulehnen – was jetzt bitte nicht missverstanden wird als Gutheißen von Gräueltaten.

        Sich die Vergangenheit anschauen und daraus für die Zukunft lernen, ist wichtig. Aber ich sehe keine Veranlassung, mein Haupt senkend durch die Gegend zu laufen im ständigen Bewusstsein „oh ich bin mitverantwortlich für die Vergangenheit“.

        Verantwortung trage ich ausschließlich für mich und meine Taten oder unterlassenen Taten.

        • theomix Says:

          Ich meine, das macht den Unterschied zwischen „Schuld“ und „Erbe“ aus: eben nicht „mein Haupt senkend durch die Gegend zu laufen „.

        • imaic1972 Says:

          …und Verantwortung trage ich dafür, dass sich die Vergangenheit nicht wiederholt.
          Deshalb ist es wichtig, an diese schreckliche Zeit immer wieder zu erinnern!

        • theomix Says:

          Na ja wachsam sein wäre schon was…

  8. freidenkerin Says:

    Danke für die Buchempfehlung!

  9. Frau Momo Says:

    Das Buch kommt auf unsere gemeinsame Buchliste und ich denke, meine Mutter wird es auch lesen wollen, wenn sie es nicht schon hat… ich bin mit dem Erinnern groß geworden, durch meinen Großvater, aber auch durch meine Mutter, für die es heute noch eines ihrer zentralen Themen ist, weshalb sie sich hier in Hamburg intensiv mit Biographiearbeit für die Stolpersteine beschäftigt. Auch da bekommen die Opfer Name und Gesicht und es ist so wichtig, das wir sie nicht vergessen.

    • theomix Says:

      Katharina Bader denkt auch darüber nach: warum sich Menschen engagieren. eines der besten Stücke. Für mich eine Überraschung. Damit die bleibt, verrate ich auch nicht mehr als das.

      • Frau Momo Says:

        Bei meinem Großvater hab ich sein Engagement auch immer als Teil seiner eigenen Aufarbeitung gesehen. Er war ja auch im Krieg und war selber einer derjenigen, der seine Bücher in die Alster werfen mußte. Mit diesem Widerspruch ist er wohl nicht fertig geworden und vielleicht hat meine Mutter den ein Stück weit geerbt.

        • theomix Says:

          Wahrscheinlich. Manche Eltern geben ihre Lebensaufgabe ihren Kindern mit.
          Und die Lebenssicht sowieso.

  10. Frau Sterntau Says:

    Seufz… noch ein Buch auf meinem Wunschzettel.

    (1000 Dank für den Tipp! 🙂 )

  11. Gedankenkruemel Says:

    Jetzt kommentiert unser „Brauner Freund“ auch in deinem Namen auf meinem Blog. Ich habe natuerlich alles sofort geloescht. Lg. Elke

  12. Werner Says:

    Auch anderswo wird seit einigen Jahren der 27. Januar als Gerdenktag begangen. Allerdings ist manncht überall sehr geschckt dabei.

    So bekamichheute eine mail voneiner Freundin aus Dänemark.
    Sie schrieb unter anderem:

    „…Samstag ist dem daenischen DR 2 ein fauz-pas unterlaufen in dem klassischen Nachmittagsprogramm. Man wollte den Holocaustgedenktag (Auschwitztag sagt man hier) gedenken und alle schrecklichen Dinge, welche in den vergangenen Tagen passiert sind. Und wollte ein Trauermarsch spielen. Die Wahl fiel auf Sigfrieds Trauermarsch von Wagner. Ich rief an und sagte: Wagner war ein grosser Antisemit und seine Werke wurden verherrlicht von Hitler und der ganzen Nazi-narretei. Das Stueck ist unpassend. Man war etwas verlegen am anderen Ende. Die Daenen haben ja nicht eine Vergangenheitsbewaeltigung hinter sich und haben wenig Aufmerksamkeit für diese Dinge. Es sei denn ein Deutscher verherrlicht zu sehr die Kriegsjahre in Daenemark. Aber die ganzen Siegesherren vergessen total wie man im eigenen Land mit Zigeunern, Schwarzen, Behinderten umgegangen ist und tut….“

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