Hauptsache…

Das Geburtstagskind saß auch in diesem Jahr am Tisch. Wie letztes Jahr schaute sie mich schräg von der Seite an: „Wer sind Sie? Kenne ich Sie?“ Ich stelle mich vor, gratuliere, wir kommen ins Gespräch. Ich erwähne noch einmal ihr Alter. „Ja,  so alt wird kein Schwein“, sagt sie.Wir lachen.

Und dann meint sie – und dabei tippt sie sich an die Stirn: „Hauptsache, da oben ist noch alles in Ordnung.“ Ich stimme ihr zu.
Denselben Satz wiederholt sie in den nächsten drei Minuten noch zwei Mal.

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34 Antworten to “Hauptsache…”

  1. OneBBO Says:

    Böse :mrgreen:

  2. Elisabeth Says:

    *seufz* Ja, wie wahr, lieber Jörg…
    Meine 81-jährige Mutti ist auch bereits dement, wenn auch noch nicht allzu schlimm… aber als Kind höre ich solche Sachen wirklich andauernd, da fällt es mir schwer, mich dennoch liebevoll abzugrenzen…
    Herzliche Grüße, Elisabeth

    • theomix Says:

      Liebe Elisabeth,
      dieser kleine Dialog hat bei mir einen starken Eindruck hinterlassen. Mit Demenz ist es schwierig. Ich wünsche dir viel Kraft für den Weg, der noch kommt…
      Herzlich: Jörg

      • Elisabeth Says:

        Lieber Jörg,
        wie wahr… es ist erst der Anfang… Und trotzdem, unglaublich liebens-wert… wie ein Kind… eine gute Übung… *lächel*
        Herzlichst, Elisabeth

  3. Ruthie Says:

    Ich kenne das auch…

  4. Claudia Sperlich Says:

    Solang sie noch lachen kann…
    Bei meiner Arbeit im Pflegeheim habe ich vor allem gelernt, daß Demente mit furchtbaren Ängsten leben; die Welt geht ihnen verloren, sie verstehen irgendwann nicht mehr, was um sie herum und mit ihnen geschieht. Ich fand diesen Gedanken sehr schwer erträglich und fühlte mich sehr hilflos – zumal bei dem ständigen Personalnotstand eine herzliche Zuwendung kaum möglich ist.

    • theomix Says:

      Es kann so unterschiedlich sein. Und das Eigene wird immer ferner, die Menschen der Umgebung können nicht mehr eingeordnet werden, und auch die Vergangenheit kann ihre Geister schicken, Uraltes und Verdrängtes meldet sich. Unerträglich finde ich den Vergleich mit „früher“ – was ging vor zwei oder drei Jahren?
      Aber ich erlebe auch Dankbarkeit für Zuwendung. (Die in Heimen fehlt – wie du beschreibst.) Und bei manchen einfach ein stilles Gefühl der Geborgenheit. Vergönnt ist es nicht jedem…

  5. Hase Says:

    ich habe auch viele schöne Stunden bei den Dementen verbracht, wir haben oft gelacht´, gesungen und manchmal flossen auch Tränen Einige sind immer noch da, ich will sie bald einmal wieder besuchen. Bei meinem letzten Besuch haben sich viele sehr gefreut………. ….. dankbare Augen für etwas Zuwendung , das tut mir sehr gut….
    liebe Grüße
    Erika

    das mit dem Blog geht immer noch nicht richtig, es braucht ewig, bis er lädt und dann dauert es bei den Kommentaren noch mal so lang…. Vielleicht weíß jemand RAT ???

    • theomix Says:

      Richtig, du hattest ja auch viele Erfahrungen in dieser Richtung. Und gute noch dazu…

      Es wundert mich, sonst hat niemand ähnliche Beschwerden geäußert. Aber vielleicht fördert dein Appell noch etwas zutage.

  6. Interplanetar Says:

    Deutung
    ergibt sich aus Einordnung unter Schlagwörter.

    Wichtig oder unwichtig?
    Ich kannte junge Leute mit Hochschulstudium, die auf Befragung ihr Alter an Hand Geburtsdatum ausrechneten. Seltsam!

    Konzentration
    Wenn Konzentration nicht dort ist, wo sie nach Selbst- und/ oder Fremdeinschätzung sein soll, bewirkt es Irritation. Der Arzt diagnostisiert u. a. Altersabhängig, bei Unsicherheiten, bspw. „Beginnende schwankende Demenz!“ Jedenfalls sind sie durchaus noch lernfähig.

    Wiederholung
    Das Problem scheinbar paradoxer Wiederholung in Wort und/oder Tat, steht in Unabhängigkeit von einer diagnostisierten Demenz. Das Ausmaß ist entscheidend. Für das Ausmaß wird aus einem Ausschnitt mit den Sinnen, ggf. technischen Hilfsmitteln, kognitiver Verarbeitung, ein Anfang und Ende festgesetzt, womit dann der Vergleichswert ist. Solches erfolgt Gruppenabhängig, teilweise individuell unterschiedlich.
    Für den schönen Künstler, für den Gehirn ein unschamhaftes Wort ist, weil nicht in der Bibel erwähnt, sind Geister, dh. Götter, Engel und Dämonen im Herz. :-). Ärztliche Diagnosen sind natürlich anderes.

    • theomix Says:

      Danke für die Erläuterungen.
      Du weist am Schluss darauf hin, dass es verschiedene Deutungen gibt. Das ist kein Problem, so lange niemand ein Deutungsmonopol beansprucht.

  7. Babsi Says:

    lieber jörg

    na da oben scheint es ja noch gut zu funktionieren, wenn sie das alter von schweinen noch weiß 🙂
    (sage diesen satz an meinen burzeltagen auch immer)
    irgendwie süß, diese geschichte und berührend…wenn auch tragisch
    herzliche grüße von babsi

    • theomix Says:

      Liebe Babsi,
      ich nehme eher an, dass sich gut funktionierende konversation tief eingeprägt hat und nun wiederholt wird.
      Genau so, wie du es gesagt hast, schätze ich diesen teil des gesprächs ein.
      Liebe grüße, Jörg

  8. Sven Says:

    Musik verbindet noch am längsten die Menschen miteinander. Auch die Dementen mit den Nichtdementen. Wohl dem, der sein Leben lang gesungen hat, oder musizieren konnte.
    Aber erschrecken tut es mich doch immer wieder, wenn Menschen nur noch dement in ihrer eigenen Welt leben.
    Was bleibt?

    • theomix Says:

      Das stimmt sicher. (Leider ist mein Gesang nur für demente Hunde geeignet…)
      Und was bleibt? Die Frage stelle ich mir auch, früher machte sie mir Angst. Nun sehe ich, dass in dieser abgehobenen Welt auch Geborgenheit liegt. Immer weiter geht es zurück. Und irgendwann ist nichts mehr von einem da. Wie bei den anderen auch, nur viel langsamer.
      Und was dann bliebt, ist in Gottes Hand. Für mich nirgendwo anders…

  9. Sven Says:

    So ist es.

  10. Wolfram Says:

    Alter und Demenz zu ertragen ist dem einen schwer, dem anderen nicht, das hängt viel an seinem Charakter… aber ich beobachte oft, daß zumindest ab einem gewissen Grad der Demenz die Betroffenen nicht darunter leiden, wenn das Umfeld nicht für Leid sorgt. Ein dementer Mensch lebt in seiner eigenen Welt, mit seinen eigenen Gedanken und Wünschen. Und da ist für ihn möglicherweise tatsächlich oben alles noch richtig. (Und wehe der Umwelt, die ihm das Gegenteil einreden will!)
    Nun ist es natürlich um vieles einfacher, auf die Demenz einzugehen und sich möglicherweise alle drei Minuten neu vorzustellen, wenn man weiß, man geht nachher nach Hause, und alle Lieben wissen noch, wer man ist.
    Wir Schwarzkittel können unseren vergeßlichen Schäfchen die Sache vereinfachen, indem wir DIenstkleidung tragen, die unser Amt erkennen läßt… 😉
    Ich war neulich bei einem alten Paar, wo er deutlich nachläßt. Unter der Tür fragte er noch, wann ich denn endlich mal käme ihn besuchen. „Jetzt ist er ja da“, sagt seine Frau. Dann hat er mir schätzungsweise zwölf mal Schnaps angeboten (aber ich muß ja noch fahren – ganz abgesehen davon, daß ich eh sowas nicht trinke), und war eigentlich dazwischen beschäftigt damit, mich wieder rauszukomplimentieren.
    Worüber ich mit ihm sprechen konnte: wie er seine Frau kennengelernt hatte, seine Arbeit (bei der Bahn) und wie er zu den unmöglichsten Dienstzeiten dahinkam (er wohnt 14km vom nächsten Bahnhof und hat nie einen Führerschein machen können)… und daß ich keinen Schnaps trinken möchte.
    Und seine Frau mit einem Lächeln und englischer Geduld sitzt daneben, sagt zum x-ten Mal, „aber der Pastor ist doch eben erst gekommen“, und tut das sicher rund um die Uhr.
    Schlimm ist bei diesen beiden vor allem, daß er das Telefon monopolisiert: er vergißt natürlich alles, und den Anrufbeantworter brüllt er regelmäßig an, ob der nicht mal freundlich auf seine Fragen antworten wolle.
    Wenn er nicht vorher stirbt, wird er aber eines Tages nach Fraize in die Langzeitpflege kommen. (Da haben sie u.a. eine Bushaltestelle, wo nie ein Bus hält… das ganze Haus ist auf Demenzkranke eingestellt.) Und dann wird sie möglicherweise zusammenklappen.

    • theomix Says:

      Vielen Dank für den Bericht. Das mit der Haltestelle ist eine Klasse Idee!
      Ich rede nicht nur als jährlicher Besucher, sondern habe in der Familie Erfahrungen gesammelt. Wahrscheinlich könnte ich es sonst nicht so einschätzen und hier so kommentieren.
      Ich trage meine Dienstkleidung im Gottesdeinst zur Verkündigung. Aus guten Gründen haben (hatten?) die Evangelischen so etwas für ihre Geistlichen nicht. Es verändert sich da etwas, ich habe das vor Jahren auch einmal erwogen, aber bleibe bei der Gewohnheit wie bisher.

      • Wolfram Says:

        In lutherischen Kirchen war bis vor etwa 40 Jahren der sogenannte Lutherrock als Amtstracht des Geistlichen durchaus noch üblich; W. Albertz sagte mir allerdings, „den würde ich nur tragen, wenn es zur Verfolgung wie im III. Reich käme“.
        Ich trage ein kleines Kreuz am Revers, das reicht in Frankreich, damit man mich für einen Curé hält.
        Einige elsässisch-lutherische Kollegen, und ganz wenige Lutheraner im „Innerfrankreich“ tragen sogar den römischen Kragen.

        • theomix Says:

          An den hatte ich auch gedacht, also ich nenne es ja freundlich Kollar, in GB ist es ja auch üblich. Aber ich bin so wenig in dieser Richtung geprägt, so dass ich ohne äußeres Merkmal, aber hoffentlich mit genügend Zuwendung zu den Menschen komme.

  11. Claudia Sperlich Says:

    Die wirklich gruseligen Ängste, denen ich begegnete, sahen so aus:
    Morgens kommt ein völlig Fremder ins Zimmer, bringt einen dazu, die Kleidung abzulegen und tut etwas, was man nicht versteht. Beschämend.
    Das Pflegepersonal sagt dazu: Waschen und Gebißreinigung. Und mit Ruhe und viel Zeit ist nichts zu machen in der Frühschicht – sonst wäre man mit Waschen und Anziehen aller Bewohner zu Mittag noch nicht fertig.

  12. Frau Momo Says:

    Mein Mann hat einen Beruf, wo ihm sowas auch mehr oder weniger täglich begegnet….. und er versucht jeden Tag auf´s Neue diesen Menschen ihre Würde zu erhalten, ihnen etwas Geborgenheit zu geben, aber das eben auch im Rahmen knapper Gelder und dessen was Pflege- und Krankenversicherung dafür bereit sind zu zahlen und das ist bekanntlich nicht viel.

  13. Heute vor 10 Jahren: Hauptsache… | Theomix Says:

    […] Hier zum Original: https://theomix.wordpress.com/2011/01/07/hauptsache/ […]

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