Biblische Streifzüge: Weihnachten nach… (4)

Weihnachten nach Johannes

Das Johannesevangelium hat eine Einleitung, die weltumspannend ist und wie die Schöpfungsgeschichte beginnt: „Am Anfang…“ Am Anfang war der LOGOS, das Wort, die Vernunft, das Weltprinzip – das mag den ersten Lesern im Ohr geklingelt haben. Die Philosophie lässt grüßen. Und dann geht das Ganze hinüber zur Geschichte mit Johannes dem Täufer. Das war es schon.

„Bleib mir weg mit Betlehem“, das scheint ein heimliches Motto des Johannesevangeliums zu sein. Es kommt gar nicht vor. Im gegenteil, Johannes hat eine kleine feine spitze in sein werk eingebaut: „Philippus findet Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josefs Sohn, aus Nazareth.“ Josefs Sohn, aus Nazareth – Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Auch in den anderen Evangelien ist er Jesus von Nazareth, aber Lukas und Matthäus haben ihn natürlich nicht Josefs Sohn genannt.

Man darf sich da natürlich zurechtreimen, dass seine Namensangabe mit „Sohn Gottes“ höchst seltsam angemutet hätte, aber so steht es nun mal da. Jesus ist Josefs Sohn. Eine Krippe hat hier keinen Platz.

Oder doch?

Im 1. Johannesbrief, der sprachlich und inhaltlich in der Nähe des Evangeliums ist, da sind die Anfangsverse so, als ob sie aus dem Mund der Hirten oder der Weisen kämen:

„Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens – und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist – was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch.“ (1. Joh. 1, 1-3a)

Diese Stelle sagt zumindest: Hier, beim Glauben, geht es um Dinge von Fleisch und Blut – wie Jesus auch aus Fleisch und Blut war. (Auch hier das Stichwort „Anfang“ und wieder der Logos…)

Wer mehr darin sieht, darf sich freuen, dass es zur Epistellesung am 1. Sonntag nach Weihnachten geworden ist, also recht nah an der Krippe.

29 Antworten to “Biblische Streifzüge: Weihnachten nach… (4)”

  1. Wolfram Says:

    Ich verwende – zum gelegentlichen Kummer mancher Gemeindeglieder, die lieber die katholischen Lesungen hätten (welche auch in amerikanischen Kirchen verwendet werden) – die Leseordnung der deutschsprachigen evangelischen Kirchen, habe das „Gottesdienstbuch“ auf dem Tisch – und am II. Christtag sowohl darin als auch in dem kleinen Heftchen, das die Elsässer herausgeben mit den Tageslesungen, die Epistellesung Hebr.1, 1-3(4-6).
    Nun bin ich verbluffen.
    Aber da liegt ja noch eine alte Agende I im Archiv…

    Und da fällt es mir wie die berühmten Schuppen von den Augen: natürlich – der Johannesprolog ist Evangelienlesung für den II. Christtag!
    (Und den habe ich heuer dem Stephanustag vorgezogen – wenn ich ihn schon mal feiern darf… In Frankreich kennt und pflegt man den II. Christtag nicht; es ist zwar ein gesetzlicher Feiertag (wenn ich mich nicht täusche), aber kein kirchlicher. Vermutlich sind die Katholiken schuld; die werden es ja auch zu verantworten haben, daß Epiphanias neuerdings auf dem Sonntag nach Neujahr gefeiert wird… welch ein Graus. :()

    • theomix Says:

      Jetzt hjaeb ich das oben auch retuschiert. es war so aus der Feder geflossen bzw. aus der Tastatur gesprungen. Der Text ist beim 1. Sonntag nach dem Fest an der Reihe.

  2. Interplanetar Says:

    Beim Glauben, weiß man nie so genau, mit welchem Gott man zu tun hat.

    • theomix Says:

      Die Gewissheit kehrt erst beim Zweifeln ein. 😕

      Ernsthaft meine ich, wenn Herz und Kopf übereinstimmen, liegen die Dinge richtig. (Und beides als Symbolworte. Darlegungen über die biologische Bedeutung von Kopf und Herz bleiben in wikipedia.)

    • Claudia Sperlich Says:

      Während man beim Wissen immer ganz klar vor Augen hat, was ist und warum es ist. Oder?
      Merke: Ich bin ein ausgesprochenes Schandmaul. Deshalb halten mich zahlreiche Gläubige für eine Ungläubige, während zahlreiche Wissende mich für eine Unwissende halten. Das bestätigt mich in meinem Glauben, daß es Höheres, Besseres, Gescheiteres als meine Mitmenschen einfach geben MUSS.

  3. mialieh Says:

    interessant, wie sich alle versucht haben, nicht in die Quere zu kommen… mich würde mal interessieren, wie es sich tatsächlich zugetragen hat (merke: ich bin ein Kind der Neuzeit)…

    • theomix Says:

      Sich nicht in die Quere zu kommen können sie nur versucht haben, wenn sie sich kannten. Davon ist nur bedingt auszugehen.

      Von den etwa 20 Autoren des NT berichten 2 von der Geburt in Bethlehem. Und die gehören nicht zu den ersten Autoren.
      Dazu gehört Markus und ziemlich sicher Paulus, der sich auch ausschweigt…

  4. Claudia Sperlich Says:

    Mich fasziniert der Johannesprolog immer wieder. Die Spannbreite der Übersetzungsmöglichkeiten von logos ist groß – im Anfang war der Wesensgrund -, aber man landet doch immer wieder beim Wort, wegen des Genesis-Zitats. Was mir als ausgesprochene Sprach-Liebhaberin, Wortklauberin und Rezitatorin unmittelbar einleuchtet; das Wort ist wirkmächtig.

    • theomix Says:

      Ja, daran halten sich Scharen von Predigerinnen und Predigern fest. Wenn wir nur nicht so oft die Wörter mit dem Wort verwechselten 😉

      • Claudia Sperlich Says:

        Eine meiner Lieblingsstellen hierzu steht – mal wieder – im Faust. Da sagt der Doktor erst: „Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen.“ Und kurz später: „Hast du nicht Mann, noch Manneswort gekannt?“ Und dann macht ihn der Teufel persönlich auf diesen Widerspruch aufmerksam…

  5. Elisabeth Says:

    Sehr spannend – ich liebe das, lieber Jörg!
    Du machst mir richtig Lust darauf, die Bibel doch noch einmal ganz zu lesen… 🙂 wer weiß… Ich würde dann aber alles mit dir bereden wollen! 😉

    Herzliche Grüße zum Jahresende, Elisabeth

    • theomix Says:

      Liebe Elisabeth,
      Danke für das erneute Lob! Ich nehme es als Ansporn für andere Ausflüge durch die biblischen Schriften.
      Fürs Lesen empfehle ich zB mit dem Neuen Testament anzufangen, oder einen Bibelleseplan zur Hilfe zu nehmen. ( http://www.die-bibel.de/interaktiv/mein-bibelleseplan/ )

      • OneBBO Says:

        Ich empfehle unbedingt, mit dem Alten Testament anzufangen. Die Abmessungen der Lade werden in einer solchen Breite erklärt, dass es eine wahre Freude ist. Auch andere Maße haben meinen Enthusiasmus in jungen Jahren doch sehr auf die Probe gestellt, als ich systematisch gelesen habe, jeden Abend etwas. Aber wenn man 10 Jahre alt ist, hat man vielleicht auch wirklich nix Besseres zu tun 😉

  6. OneBBO Says:

    @theomix: Eben nicht 😉

  7. paradalis Says:

    Ich weiß nicht, lieber Jörg, passen meine Neujahrswünsche an diese Stelle?
    Aber ich glaube schon, Wünsche passen immer.

    Und so wünsche ich dir und deinen Lieben einen schönen Jahreswechsel und nur das Beste für 2011.
    Alles Liebe.
    Heike
    🙂

  8. joseph Says:

    i like it

  9. theomix Says:

    I think, you have to…
    A warm welcome, dear joseph, and thank you for writing in English and not in Aramaic.

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