Tränenreiche Überraschung und 3 Gedanken dazu

Nur ein Lied wollten sie spielen, Gitarre und Violine, und dann auch Gesang, die zwei Männer machten ihre Sache gut. Der Bräutigam schluchzte, und auch viele Gäste griffen zum Tüchlein. Wie ich hinterher erfuhr, brachten die beiden „Willst du“ von Schandmaul. Der Sänger in der Kirche war besser als im Original.

Gedanke 1: Es gibt Musik, die mich zu Tränen rührt. „Willst du“ ist es nicht. Ich finde es ein hübsches Lied, berührend, ja. Anscheinend trifft es bei manchen den Nerv: junge Erwachsene, mit Hang zur Romantik?

Gedanke 2: Schandmaul bietet einen interessanten (und auf Dauer bei den schnellen Liedern eintönigen) Mix alter und neuer Instrumente. Auch die Sprache derTexte mischt alt und neu: „Lausche meiner Stimme“ und „Willst du diesen Ring von mir“ neben „… wann es passierte“ und „Schatten und Probleme“. Ob es  diese Mischung ist, die ankommt? Jedenfalls finde ich dieses leise Stück eins der besten dieser Gruppe.

Gedanke 3: Youtube zeigte mir eine Fülle an nachgespielten Versionen. Einige sind sehr mutig. Gut gemeint ist nicht unbedingt gut, was leider auch oft für die graphische Umsetzung der Originalversion gilt. Es ist nicht nur eine Kunst, Musik zu spielen, sondern auch, seine Gefühle in Bildern auszudrücken. Kunst kommt von Können, nach wie vor. Aufrichtiges Bemühen will ich nicht in Abrede stellen, liegt aber auf einer anderen Ebene.

Schlagwörter: , ,

26 Antworten to “Tränenreiche Überraschung und 3 Gedanken dazu”

  1. mialieh Says:

    Nur der Bräutigam schluchzte? Das finde ich ja rührend. Ich war mal auf einer Hochzeit, da wurde von einem Paar auch ein mit Gitarre untermaltes Stück aufgeführt: „The Beauty and the Beast“.

    Mir hat das irgendwie den Rest gegeben. Vor allem als mein Mann fragte: „Wer ist denn da jetzt wer?“

    • theomix Says:

      Hm. Und wer hat schon mal Mozarts Requiem auf einer hochzeit/ trauung gehört?
      Ich glaub, wir melden uns für das „Lexikon der Fehlgriffe“, artikel „Hochzeit“.

    • Wolfram Says:

      Und – wer war wer? 😀

      Ich find auch die unendlich oft vertonte Rede der Ruth an Naomi fehl am Platz: da spricht eine junge Witwe zu ihrer Schwiegermutter!!

      • theomix Says:

        Vertont? ich habe sie bisher bepredigt, da muss halt der bogen zur trauung geschlagen werden, wie bei paulinischen ermahnungen ja auch…

      • Wolfram Says:

        Ja, ich kenne davon schaurig viele (und viele schaurige) Vertonungen für Sopran oder Alt und Instrument… manchmal gar als Duett, das ist dann die Höhe. 😉
        Dieser Text als Trautext – nee. Selbst mit Bogen landet man da doch in einem Ehebild, wo einer der Boss ist und der andere folgen muß… will, vielleicht, aber doch nur einer das Sagen hat.
        (Dann doch lieber dieser Vers aus den Sprüchen, der ungefähr lautet: einer allein friert unter seiner Decke, aber zwei halten sich gegenseitig warm. Das ist wenigstens Lebensweisheit.)

  2. Erika Says:

    Lieber Jörg,
    vielen Dank für das Video und Deine Gedanken.
    Meine Gedanken dazu sind:

    – Ich kenne Schandmaul nicht
    – Das Lied gefällt mir
    – bei vielen Hochzeiten wird geweint

    (wir haben schon bei vielen Hochzeiten mit unserem Chor gesungen, manchen gefallen Lieder, bei denen die Texte eigentlich nicht so ganz passen, so z.B. bei „I will follow him“ habe ich manchmal das Gefühl, dass ihnen das Lied gefällt, sie aber nicht recht wissen, wem sie nun folgen wollen ???? )
    liebe Grüße, aber ohne Tränen
    Erika 🙂

    • theomix Says:

      Liebe Erika,
      natürlich wird bei vielen trauungen geweint – aber dass braut oder bräutigam schluchzen?
      I will follow him: Das ist doch mit „so nimm denn meine hände“ genauso. Niemand kennt den text, da wird Gott angeredet. Und viele denken sich, wie schön, da redet braut zu bräutigam oder umgekehrt.
      Herzliche grüße, Jörg

      • Erika Says:

        lieber Jörg, ich hatte das Schluchzen auch als Weinen aufgefasst, war das so richtig heftig ???? Das kann ich mir nicht so richtig vorstellen…..
        „So nimm denn meine Hände“ wird oft auch auf Beerdigungen gespielt oder gesungen, heute auch wieder. Es hat für mich eine große Bedeutung, darüber hab ich schon mal geschrieben, glaub ich, genauso „Jesu geh voran“…..
        Heute ist ein 85 jähriger Mann beerdigt worden, letzte Woche ein 11-jähriges Mädchen, das im Rhein ertrunken ist…..
        Traurig, das Grab ist in der Nähe von meinem Elterngrab….
        So viele Gedanken sind mir heute durch den Kopf geschossen…
        liebe Grüße, Erika

        • theomix Says:

          Liebe Erika,
          es WAR so heftig!
          Klar gehört „So nimm denn meine hände“ zu den beerdigungsliedern. Und 11 jahre, das ist übel.
          Liebe grüße, Jörg

      • Wolfram Says:

        Woah… hier lieben sie ja so sehr „trouver dans ma vie ta présence“, zu deutsch „deine Gegenwart in meinem Leben finden“ – und auch da merken sie nicht, daß die Gegenwart Gottes gemeint sein soll. Man muß aber zugeben, daß der Text nicht sehr deutlich theozentriert ist… Ich überlege noch, wie ich die Seite aus 30 Gesangbüchern verschwinden lassen kann – das Lied ist nämlich noch dazu sehr triefig.
        Und hübsch verballhornt „trouver un plombier le dimanche“: „am Sonntag einen Klempner auftreiben“! :D:D:D

  3. Erika Says:

    @ mialieh: das Lied lernen wir grad im Chor für unser anstehendes Konzert, aber für eine Hochzeit finde ich das auch unpassend 😦

  4. himmelsnetz Says:

    Ich kenne Schandmaul; um ehrlich zu sein, habe ich sogar die meisten CDs von ihnen. „Willst du“ finde ich für eine Hochzeit allerdings auch unpassend, zumal es inhaltlich um eine Verlobung geht. Ich würde für eine Hochzeit eher einen der „Klassiker“ bevorzugen, z.B. eine schnellere Version des Pachelbelkanons (wunderschön finde ich die von „Voices of Music“: http://www.youtube.com/watch?v=JvNQLJ1_HQ0).
    Aber solange das Lied dem Brautpaar gefällt! 😉

    Ich kann nicht widersprechen, dass die schnelleren Lieder von Schandmaul auf die Dauer etwas eintönig klingen oder dass der Wechsel zwischen moderner Umgangssprache und altmodischen Formulierungen manchmal seltsam wirkt. (Vor allem, wenn man noch dazu eine Sprache studiert, wie ich.) Manche Lieder – zu denen ich „Willst du“ einfach mal dazuzähle – sind auch arg schnulzig.
    Andererseits muss ich auch gestehen, dass es mir bei Schandmaul hauptsächlich um die Texte geht – z.B. in dem makabren „Missgeschick“ (Achtung, ist etwas männerfeindlich!). An der Musik mag ich die Dudelsacklastigkeit nicht, die Violine (Anna Katharina Kränzlein ist eine ausgebildete Violinistin, die auch solo auftritt) und die Zupfinstrumente dafür um so mehr.
    Lieder, die ich besonders mag, sind „Sichelmond“ (wegen des orientalischen Einschlags), „Walpurgisnacht“ (weil ich Faust-Fan bin…) und „Klagelied“ (diesmal vor allem wegen der Melodie, aber der Text ist auch sehr schön).

    • theomix Says:

      Herzlich willkommen, Jary! Eine Schandmaul-kennerin – schön, dass du den beitrag sinnvoll ergänzt.

      Instrumental ist für trauungen sehr gut, gesungene lieder könne manchmal danebengehen. Ich habe schon unpassenderes erlebt, oder schlecht dargebotenes.
      Und die unterscheidung zwischen verlobung und hochzeit – ach herrje, wenn paare, die jahre zuammenleben, möchten, dass der brautvater die tochter zum altar führt – dann ist „willst du“ ein kleiner fisch.
      Ach so, die idee mit dem Pachelbel find ich gut.

  5. freidenkerin Says:

    Schlimm ist’s, wenn eine Bekannte des Brautpaares, die sich seit x-Jahren bereits für eine begnadete Sopranistin hält, nicht davon abzubringen ist, a capella während der kirchlichen Trauung das sattsam bekannte „Ave Maria“ zu intonieren. Und der Hochzeitsgesellschaft vor lauter gepeinigtem Luftanhalten gar kein Gedanke daran kommen mag, Tränchen der Rührung zu vergießen.

    • theomix Says:

      Ich sag ja immer, Kunst kommt von Können. Aber manchmal zählen der gute Wille und die Zuneigung…

    • Wolfram Says:

      Damit hab ich als Organist aber das meiste Geld verdient… 😀 bloß steht grade jegliches Ave Maria meiner Kenntnis nach immer noch auf dem Index der evangelischen Kirchenmusik („für gottesdienstlichen Gebrauch nicht geeignet“), zusammen mit dem Hochzeitsmarsch von Mendelssohn und dem „Treulich geführt“ von Wagner.
      Und der Gruß an eine ledig schwanger gewordene junge Frau entbehrt bei einer Trauung nicht einer gewissen Komik. Anders gesagt, die Ironie ist etwas feiner als „Lobe den Herren, der deinen Stand sichtbar gesegnet“… 😉

      • theomix Says:

        Vor 20 jahren war da noch konsens. Mittlerweile wird es geduldet. Aber mittlerweile kannst du ja froh sein, wenn es das Ave MAria ist und nicht „irgendwas“…

  6. fudelchen Says:

    Mir gefällt das aber sehr gut und warum auch nicht so etwas zu einer Hochzeit.
    Wer sagt denn, daß junge Brautpaare keine Romantik mehr haben ?
    Als meine Tochter vor 4 Jahren heiratete, da kamen ihr und ihrem Mann die Tränen – vor Glücksgefühl und es spielte keine Musik. Es war der Augenblick des Ja – Sagens.
    Romantik ist immer noch nicht OUT, wird es auch nie werden.

    GLG Marianne 🙂

    • theomix Says:

      Ich beschreibe in diesem Betrag mein Erstaunen. Und ich sage ja gerade, die haben eine Romantik. Nur ist es nicht meine.
      Das zweite Erstaunen gilt dem Lied, das mich ergreift, aber nicht zu Tränen rührt. Wohl auch deshalb, weil ich für diesen Stilmix nicht zu haben bin.
      Was du von Tochter und Schwiegersohn schreibst, nenne ich „Ergriffen sein“, nicht Romantik.
      Und über 20 Jahre Trau-Erfahrung haben mich die Vielfalt der Romantikvorstellungen fürchten gelehrt. Ich bin wohl nicht völlig unromantisch (Eichendorff finde ich Klasse, und bei Orgelstücken von Widor und Vierne schmelz ich weg). Ergriffenheit kommt oft ganz schlicht daher. Im wirklichen Leben ergreift mich ein Sonnenuntergang oder ein Naturbild und es erklingen keine wimmernden Geigen. Ob das romantisch ist, weiß ich nicht. Mir genügt es, dass es schön ist und mich ergreift.

  7. paradalis Says:

    Ich muss auf Hochzeiten auch immer weinen.
    Obwohl ich kein Bräutigam bin, geschweige denn eine Braut.

    Und ich habe nicht die geringste Ahnung, weshalb das so ist. Also das mit dem Weinen. Nicht mit dem „kein Bräutigam sein“.
    🙂

    Ein schöner Eintrag, lieber Jörg. Ich denke mal noch ein wenig über Romantik nach.

    Liebe Grüße und hab einen schönen Abend,
    Heike.

    • theomix Says:

      Liebe Heike,
      wenn es einen stark berührt, dann kommen die tränen halt.
      Berührt und gefühlsbetont ist noch nicht romantik – meine ich.
      Viel sehnsucht gehört dazu.
      Na ja, darüber nachdenken schadet nicht.
      Herzlich: Jörg

Kommentare? Gerne! (Wer nicht IP- und Mail-Adresse hinterlassen will, darf nicht kommentieren.)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.


%d Bloggern gefällt das: