Zitateforschen – Auswertung mit theologischer Perspektive

In den Zeiten, als mir das Zitateforschen noch geholfen hat, bekam ich vor allem drei Argumente zu lesen, wenn ich eine Autorschaft bestritt:

  • Es gefällt mir, eigentlich ist mir die Herkunft gleichgültig.
  • Ich habe es im Netz so gefunden.
  • Der vermeintliche Autor könnte es so gesagt haben.

Mir fiel schwer, das zu akzeptieren. Der wissenschaftliche Kopf wehrte sich. Aber der wissenschaftliche Kopf erinnert sich: Das Neue Testament ist teilweise nicht anders entstanden. Denn welche Worte überhaupt vonJesus stammen, ist höchst umstritten. Die Wetten gehen zwischen 0 und 99 Prozent.

Man kann davon ausgehen, dass es in den Gottesdiensten der ersten Gemeinden lebhaft und ekstatisch zuging. Da wird mancher Prophet vom Geist ergriffen aufgestanden sein und gesagt haben: „Der Herr spricht…“, und ein weiteres Herrenwort war entstanden.

Ernst Käsemann bezeichnet das als „judenchristliche Anschauung“, „welche Propheten im Namen und als Mund des erhöhten Christus sprechen lässt“. (E. Käsemann, Der gottesdienstliche Schrei nach der Freiheit, in:  Paulinische Perspektiven, 2. durchgesehene Aufl. 1969, s. 214)

Damals also kein anderer Zugang zu Zitaten als heute:

  • Das Wort trifft mich,
  • ich habe es im Gottesdienst so gehört,
  • und Christus könnte es so gesagt haben.

Ich habe mich beim Neuen Testament damit angefreundet. Immerhin haben die ersten Gemeinden bona fide gehandelt, und hatten wohl ein gutes Gespür für den Geist Jesu Christi.

Dass sich das nun im beginnenden 21. Jahrhundert ähnlich abspielt, bedaure ich sehr. Denn nun liegt die Aufklärung mehr als drei Jahrhunderte hinter uns, mit allen Standards, die es sich erkämpft hat.  Das aufgeklärte Bewusstsein scheint  im Netz zu verdunsten.

Aber es verschwindet auch das, was ich „gutes Gespür“ genannt habe. Die Kriterien wirken beliebig. Hauptsache, es „passt“.

Denn der Zitateschatz wächst wie eine Hydra, und so werden in 10 Jahren die Werke Goethes, Einsteins und anderer einige Ergänzungsbände bekommen.

Ich versuche es mit dem Humor zu nehmen, mit dem der Blog an anderen Stellen ausgezeichnet ist. Gott segne die Arbeit von wikiquote!

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22 Antworten to “Zitateforschen – Auswertung mit theologischer Perspektive”

  1. mialieh Says:

    Und du meinst, dass nach der Aufklärung alle so vernünftig sein sollten und Zitate nicht mehr gutgläubig verwenden sollten? Da mutest du aber der Aufklärung ganz schön viel zu… 😉

  2. andrea2007 Says:

    Lieber Jörg, jetzt sehe ich Deine Zitateforschung mit anderen Augen; danke dass Du das hier nochmal so deutlich erklärt hast. Ich verstehe jetzt besser, warum Dir das wichtig ist; wie Du weisst, gehöre ich eher zu den Leuten, die zitieren, was ihnen gefällt und es ist mir nicht so wichtig, WER es geschrieben hat, ich schreibe den – vermeintlichen- Verfasser dazu, weil ich mich nicht mit fremden Federn schmücken will. Unter Deinem Aspekt sieht das jetzt doch ein wenig aus… Nachdenkliche Grüsse Andrea

    • theomix Says:

      Liebe andrea,
      Danke fürs Verständnis! Da habe ich in den Zeiten, in denen ich außerordentlich viel kommentierte, immer die Zitate auf deinem Blog untersucht, und ich musste schon befürchten dich zu nerven.
      Zu meinem Glück hast du ja auch manchmal aus interessanten Büchern zitiert. Das war ja dann hundertprozentig.
      Und ich seh ja, heute hast du schon anders zitiert…
      Na, das gibt mir ein gutes Gefühl verstanden zu werden.
      Liebe Grüße, Jörg

      • andrea2007 Says:

        Lieber Jörg, ja ganz manchmal war es tatsächlich ein klitzekleinesbisschen nervig:-) Aber jetzt ist ja alles wieder gut*smile*

        Das mit heute war lustig, ich hatte schon vorher drüber nachgedacht, dass H. Hotzan das sich sicher irgendwo ausgeliehen hatte, ICH hatte es eben von ihm bekommen. Dann las ich Deinen Beitrag und hab dann mein Zitat gegooglet und den Zusatz geschreiben:-)

        Liebe Grüsse Andrea

        • theomix Says:

          Liebe Andrea,
          ja, das war immer riskant, bin ja nicht aus Doofhausen und habe das gemerkt. 🙂 Arbeiten an konstruktiven Lösungen ist das Beste. Und auch ohne arbeitende Zitatedetektei – von der -schmiede ganz zu schweigen, lebt mein Blog ganz gut….
          Lieben Gruß, Jörg

  3. werner Says:

    Lieber Jörg

    Ich bin auch einer, mehr und mehr vorsichtiger wird beim Zitieren und nach Möglichkeit die (richtige) Quelle von Weisheiten, die mir zusagen – oder denen ich widersprechen will – angeben will.

    Nur so leicht ist das ja manchmal gar nicht.
    Wie könnte eine Lösung aussehen, wenn man nicht genau feststellen kann, wer diesen oder jenen Satz (als erster) gesagt oder geschrieben hat?

    Nur noch eigene Weisheiten und Dummheiten verbreiten?

    Vielelicht sollte ich mir angewöhnen bei Zitaten dazu zu schreiben:
    „Gelesen / gehört bei XY“
    oder:
    „YZ zugeschireben“
    oder:
    „angeblich von PQ stammend“
    oder einfach
    „Autor unbekannt“

    Wenn du willst kannst du das zitieren mit der Angabe:
    „Werner behauptet, er hätte das in dieser Formulierung als erster geschrieben.“

    Wär doch mal was?

    🙂 🙂

    Werner

    • theomix Says:

      Lieber Werner,
      das wäre nicht nur was, das IST etwas, was ich sehr begrüßen kann.
      Oder in guter Stimmung erfindet man eben auch eine Quellenanagabe, in sehr guter dann auch den Autor…
      Herzlich: Jörg

  4. tmp Says:

    Ich ziziere am liebsten und meisten mich selbst… Da gibt es nur selten ein Vertun wegen der Urheberschaft… 😉 😉

  5. klanggebet Says:

    Etwas anderes, das mich an den Zitaten, also den frei erfundenen oder blindlings übernommenen nervt, ist dass sie oft nur dazu benutzt werden, eine halbgare Anschauung zu legitimieren. Ghandi rechtfertigt Esokitsch, Nikolaus von der Flue Psychosekten und Bibelzitate werden für antisemitische Verschwörungstheorien benutzt – diese Unart, ideologischen Unsinn mit den Namen bedeutender Persönlichkeiten zu schmücken, ist beispiellos unverschämt. Und natürlich ist sie auch alles andere als aufgeklärt und alles andere als inspiriert (folgen wir deinem Schwenk zu den Urchristen). Seufz!

    • theomix Says:

      es ist schon unverschämt genug, wenn die Zitate echt sind. bei der bIbel hat man sich ja daran „gewöhnt“, dass sie angeblich vieldeutig sei. Und es gibt eine eindeutige Zitationsweise.
      Aber bei den anderen frei herumschwirrenden weisen Worten ist es inflationär. So schmilzt auch meine Aphorismensammlung im Moment zusammen, weil ich natürlich alles zunächst mal überprüfe, bevor ich es in die weite Netzwelt setze. Schade, so wird diese Sentenzenreihe auf meinem Blog auch kürzer als geplant.

  6. Sylvia Says:

    Wird ja ziemlich viel herumgefummelt, an den Aussprüchen mehr oder weniger öffentlichkeitswirksamer Persönlichkeiten, deshalb sollte man eventuell eine zweite semantische Ableitung bilden.

    Wir wär es denn mit *Ziehtate* ? 😀

    Isotrop und flexibel an das Thema anpassbar, je nachdem, welche meiner Botschaften ich mit welchem Sager aufladen i.S.v. aufwerten möchte.

    Ich will mich ja mit einem Stück des Menschen schmücken,
    der *das *gesagt hat.

    „Der hat das AUCH (!) so gesehen !“
    Oder:
    „Auf dem bau ich auf !“

    Ich weiß auch nicht, warum das so ist, aber vielleicht steht man dann nicht an vorderster Front, wenn man anstatt eines eigenen Satzes lieber ein Zitat von Herrn Einstein bringt ?

    Wenn das Zitat nämlich nicht befürwortet wird, hat man immer noch die Möglichkeit sich zu distanzieren und es dem Aussprecher zuzuordnen.

    Ich war’s nicht. Er war’s.

    Die Kraft des Lobes oder Angriffs landet dann beim Einstein.
    Wenn’s gut ankommt, wirkt man intelligent, wenn nicht, war’s der Einstein 😎

    Leider kenn ich das mit den Quellen nur zu gut, das hat weitreichende Folgen, wenn vermutete Wissensinhalte unters Volk gebracht werden, die dann als gesichert angenommen werden.

    Jörg, du weißt, wovon ich sprech …. 😉

    • theomix Says:

      ich weiß, wovon du sprichst. Und die anderen könne dich verstehen, ohne das zu wissen. es ist in vielen Bereichen so, dass die Populärwissenschaft die eigentliche Wissenschaft banalisiert. Das ist eben das Risiko.

  7. tmp Says:

    Es gibt u.a. im Journalismus sehr wohl „die Kunst des absichtlich falschen Zitates“, wenn einem Kolumnisten gerade nichts einfällt, ist das immer ein sehr probates Mittel, um Zeilen zu füllen, denn derjenige setzt ja insgeheim voraus, dass jeder rechtzeitig merkt, dass er etwas im falschen Zusammenhang oder in der Konsequenz völlig Verkehrtes sagt… Wenn nicht, ordnet man das dem doofen Leser zu, so einfach kann das sein…

    • theomix Says:

      Ist doch auch wie die EIGENTLICH falsche Meldung: sie setzt etwas in die Welt, provoziert, und irgendwas wird schon folgen. Schlimmstenfalls zieht man sie zurück. Quasi ein Sommerlochness…

  8. Claudia Says:

    Ich finde Sorgfalt beim Zitieren sehr wichtig aus Respekt vor den Autoren.
    „Anonym“ drunterschreiben, nur weil man den Autor nicht kennt, ist frech.

    In der Nazizeit gab es einen Band mit Balladen. Einiges Große fehlte, weil der Autor den Nazis nicht genehm war. Heinrich Heines Loreley war aber so berühmt, daß sie nicht fehlen durfte. Also wurde das schöne Gedicht abgedruckt, der Autorenname aber verschwiegen. Drunter stand „Volksgut“.

    Autoren verschweigen kann durchaus niederträchtig sein.

  9. Elisabeth Says:

    *lach* Lieber Jörg,
    ich weiß, ich weiß – und am meisten schätze ich deinen Humor und dein Gespür 🙂 Die Prioritäten jedes Menschen sind anders, was auch sehr gut so ist 😉 aber ich finde es wunderbar, dass du es auch immer wieder sagst und erklärst. Wie du vielleicht gemerkt hast, versuche ich, dein Bedürfnis danach zu stillen in letzter Zeit 🙂 So gut es halt geht und so wichtig mir selbst das ist, weiter nachzuforschen 😉
    Alles Liebe für dich – sonnigst Elisabeth

    • theomix Says:

      Liebe Elisabeth,
      herzlichen Dank. Ja, die kleine Veränderung meine ich bemerkt zu haben. 😉
      Und Danke fürs Lob…
      Herzlichen Gruß, Jörg

  10. werner Says:

    Mit den eigenenTextenist das so na Sache,
    Als Zitat kannman sie eigentlichja nur verwqenden, wenn man es shcon mal gesagt oder aufgeschriebenhatte.
    Ichwürd ja jetzt gerne mich selbst zitierenmit demSatz:
    „Ich hätte es verdoient hier der Hunderttausendste zu sein“, aber leider fehlen noch ein paar und ich kannnicht so lange warten.

    🙂 😉

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