Kirchentag 3: Heilige Margot?

Margot Käßmann war ein Star auf dem Ökumenischen Kirchentag – und schon die Frankfurter Rundschau hat sie als Heilige betitelt.

Nachdem der eine Sohn sie auf dem roten Sofa bewunderte (siehe das Video auf meinem letzten Kirchentags-Beitrag), hat der andere ein persönlich signiertes Buch vorzeigen können. Und auch ich wollte etwas von ihr mitkriegen. So habe ich mich aufgemacht, um ihren Vortrag am Samstag Vormittag zu erleben, „Hoffnungszeichen Kirche„.

Die Halle war fast voll, als ich kam. Ich bekam keinen Papphocker mehr und setzte mich am Rand auf den Boden. Zuweilen stellte ich mich hin, aber ich war sehr weit weg. Der Vortrag war sehr theologisch. Und das Meiste war mir nicht neu. Interessant waren die beiden „Hoffnungsfiguren, die sie angeführt hat: Helmut James Graf von Moltke, einen Beteiligten am Widerstand gegen Hitler, und den anglikanischen Bischof George Bell, der sich im zweiten Weltkrieg gegen die Bombardements auf Deutschland eingesetzt hat.

Nach dem Vortrag gab es lang anhaltenden Applaus, so lange, dass sie zwei Mal  aufstand und sich vor den Zuhörern verneigte.

Ich finde Margot Käßmann gut. Aber ich wäre nicht Theomix,  wenn ich nicht vom Hinterkopf aus einen ironischen Blick auf den Rummel wärfe. Ein signiertes Buch als „protestantische Reliquie“. Eine Frau, Ex-Bischöfin, die Zulauf hat wie ein Star.

Eine neue Heilige? Vielleicht. Heilig, weil zugleich konsequent und deutlich unperfekt.  Damit solidarisch zu „uns kleinen Leuten“, die wir noch viel unperfekter und viel weniger konsequent sind.

Auch die FR sieht sie als „als mustergültiges Vorbild im Umgang mit eigenem Fehlverhalten“, als positives „Gegenstück zu Mixa“. Vielleicht ist es dieses Verhalten, das sie im Vergleich zum zähen Hinhalten von Herrn M. und Anderen so wohltuend erscheinen lässt.

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23 Antworten to “Kirchentag 3: Heilige Margot?”

  1. mialieh Says:

    Noch kritischer könnte man fragen: Was ist an Margot Käßmann und was ist goldenes Kalb? Oder an ihrem signierten Buch? Oder brauchen die Leute zuweilen Personen, die sie anbeten können, weil der ganze Kirchenglauben – zumal der protestantische – allzu abstrakt ist?

    • theomix Says:

      Vorbilder schaden nie.
      Und abstrakt ist der protestantismus nur, wenn er sich ständig mit anderen vergleicht. Und aktuell gilt es nicht mehr. Vor 40 jahren vielleicht, aber seither hat sich was getan. (Tanz, salbungen, berührung und einiges mehr).

  2. tmp Says:

    Ich glaube, liebe mialieh, die Abstraktheit des prostestantischen Glaubens siehst vor allem Du…
    Die einfachen Menschen machen sich darüber sehr viel weniger Gedanke… So empfinde ich es… Die üben ihren Glauben einfach so aus, ohne alles zu hinterfragen… Wer nun glücklicher lebt, kann ich nicht beurteilen…

    Ich glaube, die Menschen allesamt brauchen „Stars“, zu denen sie bewundernd, verehrend und irgendwie hoffnungsvoll aufsehen können…

    Und ohne Zweifel ist Frau Käßmann eine charismatische Erscheinung, auch wenn ich sie nur aus dem ZV und nicht persönlich kenne…

    So wie viele Menschen einen Musiker, der „ihre“ Musik spielt, verehren, so wird von Protestanten eben auch Frau Käßmann verehrt…

    Ob sie, nur weil sie fraulich-konsequent ihre Fehler zugegeben und daraus sofort ( !! ) die richtigen Konsequenzen gezogen hat, deswegen gleich „heilig“ ist, stelle ich mal hinten an…

    Aber gerade im von Theomix angesprochenen direkten Vergleich mit Herrn Mixa ist so ein Verhalten erfrischend anders, selbstverständlicher, ehrlicher und würdiger und das zählt für mich… 😉

  3. Erika Says:

    Lieber Jörg,
    vielen Dank für die Links. Ja, Frau Käßmann, die mir ja ,wie schon öfter erwähnt, auch sehr sympathisch ist, hätte ich mir auch angehört. Ich finde sie sehr menschlich , die zu ihren Fehlern steht und Hoffnung ausstrahlt. Eine mutige Frau…. die bei den Menschen ankommt
    Liebe Grüße
    Erika

    • theomix Says:

      Liebe Erika,
      „die zu ihren Fehlern steht und Hoffnung ausstrahlt“ – das ist schön zusammengefasst…
      Herzlichen gruß, Jörg

  4. klanggebet Says:

    Das Ironische ist, dass wir Menschen so sind – dumm auf eine Weise, die manchmal ihren Charme einbüßt….erst zerreißen wir einen Menschen wegen eines Makels den wir nicht ertragen können. Dann wenn wir den Menschen dazu gebracht haben zu tun was wir wollen, nehmen wir die nächste Gelegenheit ihn zu verklären, und stellen ihn wiederum auf den Sockel an dem er zuvor doch bereits scheiterte.

    Wir machen Heilige, wir zerreissen Heilige, und wir errichten wieder Heilige. Und das tun wir mit einer Willkür, deren Motivation nicht Liebe ist sondern Schwäche. Ebenso wie Frau Käßmann wegen ihres Schlückchens diskreditiert wurde, ebenso wird sie nun verklärt – und beides ist unnütz. Und beides tut weder ihr noch uns gut. Es wäre so schön, die Spielchen einfach zu lassen. Die Wahrheit in uns braucht keine Spielchen, und die Liebe hat es nicht nötig Menschen zu erhöhen oder zu demütigen.

    Die Würde liegt auf Augenhöhe.

    Liebe Grüße
    Giannina

    • tmp Says:

      „…die Liebe hat es nicht nötig Menschen zu erhöhen oder zu demütigen.“ 😛 😛 😛

      Zerrissen wurde Frau Käßmann in der Presse nicht, weil sie ein Gläschen ( oder zwei, drei, vier… ) getrunken, sondern weil sie sich, wie viele andere Menschen in der Situation vor ihr auch schon, überschätzt und ans Steuer ihres Autos gesetzt hatte… 😯

      Das sich ein bisschen angetüdelt war, macht sie ja so schön menschlich und zu jedermanns Gleichen, aber das sie danach den Straftatbestand einer Alkoholfahrt begangen hatte, auch… Nur leider passte das nicht zu ihrer Funktion…

      Wenn ein Herr Mixa Kinder verdrischt und anschließend von einer „üblichen Ohrfeige“ faselt, dann ist das Realitätsverkennung pur.
      Frau Käßmann hat im nüchternen Zustand aber eingeräumt, dass ihr böser Fehltritt tatsächlich falsch und fatal war und zum Glück ist niemand sonst zu Schaden gekommen…
      Der Unterschied, der Frau Käßmann ausmacht, ist, dass sie die Realität richtig eingeschätzt, die Konsequenzen gezogen und ihren Rücktritt vorgenommen hat…
      Bei Herrn Mixa war das ursprünglich anders…
      Und deshalb hat Frau Käßmann so viel Respekt verdient, dass sie Ihren Fehler und ihre Schuld öffentlich eingestanden hat… Dafür lieben wir sie… 😉

    • theomix Says:

      Liebe Giannina,
      mit dieser Verallgemeinerung tu ich mich schwer. denn die Leute, die sie übelst runtermachten, waren/ sind nicht dieselben, die sie jetzt feiern.
      Margot Käßmann ist eine Sympathieträgerin – so würde ich „Heilige“ ins Profane übersetzen, ist damit auch gleichrangig, eine von unss (Auf Augendingens komt mir nicht leicht über die Tasten: https://theomix.wordpress.com/2008/11/12/sprachmode-folge-1-auf-augenhohe/). Wer sie damals schon nicht gemocht hat, findet sie auch jetzt nicht gut. Die Ausnahmen zollen ihr Respekt oder ähnlich…
      Herzlich, Jörg

      • klanggebet Says:

        lieber jörg,

        ich denke eigentlich ist doch ganz klar wofür ich plädiere. ich habe nichts gegen aufrichtigen respekt. ich habe nichts gegen aufrichtige abneigung. was mich unfroh macht, sind die reaktionen die eben weder aufrichtig noch im rechten maß daherkommen.

        jemanden zu zerreissen wegen dieser dinge ist maßlos. jemanden zu heiligen wegen der anderen dinge ist auch maßlos. es stört mich die maßlosigkeit der reaktionen, nicht nur in den medien, auch unter menschen von nebenan. der heisshunger der menschen darauf, jemanden schlecht oder gut zu reden obwohl die motivation dahinter nichts, aber auch gar nichts mit der person zu tun hat über die man redet.

        es ist der selbe habitus, der über boris becker redet weil er eine besenkammeraffäre hat oder über lady gagas vermeintliche männliche geschlechtsmerkmale. weder meint das gerede boris noch meint es lady gaga noch meint es in jenem fall frau käßmann.

        was nun wiederum die frage betrifft die menschen sich stellen, die ein ernsthaftes interesse an frau käßmann haben: ja auch hier bin ich der meinung es wäre gut gewesen um vergebung zu bitten, vergebung zu erhalten und weiterhin im amt zu bleiben. das erinnert menschen nämlich daran dass vorbildhaftigkeit keineswegs makellosigkeit bedeuten muss sondern integrität – und die fehlte ihr zu keiner stunde.

        ich weiss das sehen viele anders, aber damit kann ich leben.

        liebe grüsse,
        giannina

        • theomix Says:

          Liebe Giannina,
          in den Wochen seit Februar blieben Vergleiche nicht aus. Das liegt wohl auch an der ähnlich klingenden Berufsbezeichnung. Und so vergleiche ich und verreiße nicht.
          Ich finde es naheliegend, dass ich unabhängig von der FR auf die Überschrift kam. Sie sieht weitaus ironischer als ich auf das Geschehen in München. und vergleicht auch. Ohne eine schwerwiegende Bewertung daraus zu ziehen. Das tue ich auch nicht.
          es ist jedenfalls wichtig dein anfrage zu überdenken: Was macht einen Menschen zum Vorbild? wie denken und reden wir über Menschen, die im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen?
          Herzlichen Gruß, Jörg

  5. klanggebet Says:

    Auch dass Frau Käßmanns Glorie anhand Mixas Sündenregister exemplifiziert wird, ist unnütz. Tugend entfaltet sich nicht im Vergleich, ebenso wenig wie Untugend. Wahrheit braucht nicht die Unwahrheit eines anderen um zu glänzen. Es ist auch dies Teil einer meines Erachtens höchst fragwürdigen öffentlichen Diskussion. Unbestritten ist, dass der Mensch Käßmanns und Mixas zu brauchen scheint, um sich, mal mehr mal weniger ehrlich, ethisch einzunorden. Und auch da setzt mein Zweifel an – denn diese Einnordung ist Arbeit der Innerlichkeit, nicht der Äußerlichkeit. Weder muss ich sie auf dem Rücken eines scheinbar uneinsichtigen Mixa noch auf dem einer scheinbar geläuterten Käßmann austragen.

    Der Satz „Dafür lieben wir sie“ sagt da auch eine Menge aus. Denn jemanden zu lieben braucht eigentlich kein „dafür“ – dass sich Frau Käßmann Liebe verdienen muss, stelle ich auch mal kritisch zur Diskussion.

  6. tmp Says:

    Nun frage ich Dich, liebes klanggebet…
    Wonach soll ich einen Menschen, den ich nicht persönlich kenne, einschätzen…??
    Nach seinen Worten oder seinen Taten..?? 🙄

    • klanggebet Says:

      salut tmp,
      ich weiss gar nicht wo die frage aufgeworfen wurde, wie man einen menschen einzuschätzen habe? das wichtigste am wort einschätzen ist schätzen, finde ich. ich schätze frau käßmann und hätte sie auch im amt weiter geschätzt obwohl sie betrunken auto fuhr. weniger schätze ich allzu eindeutige urteile a la „wenn jemand vorbild sein will darf er das nicht tun“. finde ich undifferenziert.
      liebe grüsse
      giannina

  7. tmp Says:

    Vielleicht setzt Du einfach vor meinen Satz..“Dafür lieben wir sie.! noch im Geiste ein „Auch…“ 😉

  8. klanggebet Says:

    lieber jörg, ich unterstellte dir auch an keiner stelle verriss. das war nicht an dich gerichtet sondern eben an verreisser ;). wie ein mensch sich als vorbild zu verhalten habe? na menschlich eben – mit hohen ansprüchen an sich selbst aber der ehrlichkeit und demut zuzugeben dass an diesem anspruch auch gescheitert werden kann. und dann trotzdem wieder alles zu geben, aus vollem herzen und vollen händen – das ist für mich ein vorbild. keiner der sich bei einem makel gleich in die hosen macht nur weil sein übersteigertes selbstbild bröselt. das heiligen sollte man sich einfach ersparen und auch den menschen die erwartungen an einen stellen. das wäre einfach aufrichtiger. ich sage ja nicht: benimm dich wie schwein. ich sage: liebe und lebe und akzeptiere dass du auch scheiterst. ich kenne etliche „gescheiterte“, die nichts an ihrer vorbildfunktion verloren haben und die schlicht und ergreifend segen für die welt sind.

    • theomix Says:

      Und wenn ich jetzt Margot Käßmann vorbildlich finde und über den Medienrummel schmunzel – dann denke ich, manchmal sind wir eben auch nur Gottes zerrspiegel…
      Zum heilig sein vom Heiligen berufen. Aber huui, so ethisch wollte ich ja gar nicht werden…

  9. klanggebet Says:

    ja heilig – aber nicht scheinheilig 😉

  10. tmp Says:

    Also, ich mag Frau Käßmann, obwohl ich sie nicht mal kenne… 😉

    Und sie bleibt in ihrer Vorbildrolle auch ohne „Amt und Würden“…
    Sie fühlt sich der Nächstenliebe verpflichtet und das allein zählt für mich… 😉

    • theomix Says:

      Sie hat eine sympathische ausstrahlung. Und das macht sie auch für und in den medien faszinierend. Ihre werte sind durchaus überzeugend. sie versucht den christlichen glauben in die gegenwart zu übersetzen. Und ihr scheint es zu gelingen…

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