Der falsche Norbert ist der Richtige

Jeder Besuch zeigt wieder einen Fortschritt der Demenz. Mittlerweile erkennt sie keinen mehr. Irgendwie sind wir vorbereitet. Und traurig ist es trotzdem. Mancher ihrer Sätze wirkt wirr, weil ihr die richtigen Worte fehlen und sie die nächstbesten benützt.

Für einen Plausch mit ihr setzen wir uns in eine gemütliche Ecke, mit Blick nach draußen auf die Bäume und Häuser, die Straße liegt zwei Etagen unter uns.

Ein Maler hat ein paar Schritte entfernt seine Geräte zum Wandanstrich ausgebreitet, rollt seinen Teppich aus und kommt kurz zu uns. Er sei seit einigen Tagen hier, und unsere Mutter wäre immer so freundlich und still, gar nicht so wie andere, die immer herumschreien. Schön, dass wir gekommen seien, es gäbe einige, zu denen käme niemand. „Und da war eine Frau, die meinte, ich wär ihr Sohn, der Norbert hieß. Und da war ich halt der Norbert.“

Oft nütze er auch seine Mittagspause, um den Alten zu helfen. Manchmal auch darüber hinaus, aber für seinen Chef sei es o.k.

Er machte es auch mit Herz und Humor, wir bekamen es etwas später mit, wie er erst den Rollator der Einen zur Seite stellte, damit eine Andere Ort Platz nehmen konnte. Klar, präzise, so kommentierte er sein Tun und so dirigierte er die Stehende an ihren Sitzplatz. Das wirkte irgendwie professionell auf mich.

Ach Gott, könnten nicht mehr Menschen in mehr Altenheimen unterwegs sein, munter und hilfreich – es müssen nicht nur Maler sein.

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23 Antworten to “Der falsche Norbert ist der Richtige”

  1. Erika Says:

    Lieber Jörg,
    Dein Beitrag weckt Erinnerungen bei mir. Über zwei Jahre lang haben wir unsere Mutter besucht im Altenheim auf der Dementenstation. Ich habe alle gekannt und irgendwie gemocht. Wie eine große Familie saßen sie um den großen Tisch. Ich habe oft geholfen beim Essen. Seit meine Mama gestorben is, war ich nicht dort. Ich würde so gerne einmal wieder hinfahren, aber ich konnte es die ganze Zeit noch nicht.
    Ich weiß nicht, ob es jetzt anders wäre, wenn sie nicht mehr dabei ist. Vielleicht wirkt das ganze Umfeld dann anders. Es machte mir nichts mehr aus, im Gegenteil, ich war oft sehr berührt, weil sich die Menschen so sehr freuten, wenn ich mit ihnen in Kontakt trat, oft nur einkurzes Lächeln oder ein danke , eine Berührung.
    Liebe Grüße
    Erika

    • theomix Says:

      Liebe Erika,
      nun, das Trauerjahr hat doch sein Gutes. Warte einfach ab, wie es dir danach geht. wenn du es dann einrichten möchtest, wird die Heimleitung sicher nicht böse sein, wenn du dich engagierst. Egal, in welchem Rhythmus…
      Ich habe an Karfreitag die Kollekte abgekündigt für eine diakonische Einrichtung, die in ihrem Altenheim Snoezelen initiieren will. Das ist was Gutes.
      Und Ansprache ist eine kleine Vorstufe.
      eine gute Anregung!
      Herzliche Grüße
      Jörg

  2. Sylvia Says:

    Denn mein Bruder ist ein Maler …
    Udo Jürgens fällt mir dazu ein.
    Warum, weiß ich nicht 😉

  3. Elisabeth Says:

    Lieber Jörg,
    gestern Abend habe ich bei meinem Vortrag erst wieder darüber gesprochen… Auch über die Clownbesuche bei alten Menschen, die für mich immer wesentich berührender waren, als die bei Kindern. Denn, so wie du schreibst, es gibt so viele alte Menschen, zu denen niemand mehr kommt, da sind die Clowns Bezugspersonen, Freunde, mit denen man Erinnerungen teilt und neue Erlebnisse gemeinsam hat, zusammen singt und einen Walzer wagt und flirtet… da blitzt das LEBENsfeuer auf… und zündet Funken…
    Ja, das unterstütze ich, das sollte es öfter und überall geben…
    Herzliche Grüße von Elisabeth

    • theomix Says:

      Liebe Elisabeth,
      ja, stimmt, die Clowns gibt es auch noch. der falsche Norbert hat es ganz ohne rote Nase getan…
      Das Flirten: die alten fühlen sich ja so viel jünger, und was wäre schlimm ihnen zu vermittel sie seien es wirklich. Schöne Idee…
      Danke für den Kommentar!
      Herzlich, Jörg

  4. tmp Says:

    Erika, ich kann Dich gut verstehen…
    Ich habe meine Mutter die kurze Zeit, in denen sie ausschließlich auf Hilfe angewiesen war, hier bei ihr und mir Zuause gepflegt und versorgt und gerade in der vergangenen Nacht konnte ich erst gegen 04:30 einschlafen, weil sie mir immer wieder durch den Kopf ging und ich sie überall vor mir sah…
    Und heute bin ich immerf noch sehr traurig, dass sie gehen musste…

    Als ich 2005 erst wochenlang in der Neurologie und später in der Psychiatrie lag, besuchte mich ein paar Mal einemir völlig unbekannte Frau, die mich nur etwas aufheitern wollte. Einfach so..!!
    Da ich vorzeitig entlassen wurde, habe ich keine Gelegenheit mehr gehabt, nach ihrem Namen und ihrer Adresse zu fragen, aber sie weiß sicher auch so, wie dankbar ich ihr heute noch für die paar Besuche an meinem Krankenbett bin… 😉

  5. Erika Says:

    @tmp: danke Dir für Deine offenen und mitfühlende Worte 🙂

  6. Erika Says:

    @Jörg: auch Dir ein Dankeschön 🙂

  7. Babbeldieübermama Says:

    Schön das es noch Menschen gibt, die sich um solche alten kranken Menschen kümmern, unwichtig ob aus der Familie, dem näheren Umfeld, freiwillig oder beruflich. Traurig, daß viele einsam und verlassen ihren Lebensabend verbringen müssen.

    • theomix Says:

      Da hast du recht.
      Die zwei seiten kommen zusammen bei denjenigen, die sich durch die demenz verwandeln, von bösartig in gutmütig und umgekehrt…
      Verkürzt gesprochen: Wird das erwachsene kind gerne einen ehemals bösartigen vater besuchen, wenn es hört, der sei jetzt dement, aber lieb? Selten, vermute ich.
      Aber es ist schwierig, das alles über einen kamm zu scheren.

  8. patsy Says:

    Ich finde es traurig, dass viele Menschen „vergessen werden“, nur weil sie vergessen…… 😦

    • theomix Says:

      Für die eine Seite ist es einfach, weil sie sich nicht mehr erinnern. Für die andere eine frage des Gewissens. Aber das unterliegt keiner äußeren Kontrolle…

  9. elisabeth Says:

    Lieber Jörg,

    und wieder eine Deiner schönen, lyrischen Beobachtungen, die aus dem Leben gerissen allein dastehend sehr berühren.
    Als ob man einen Film sich ansähe.
    Den Norbert zu sehen und die alte Dame, das Altenheim und der Geruch da,
    das Sich Entremden und auch das große Vergessen, das alles ist eher tragisch als lyrisch.
    Umso schöner find ich, wie Du es beschreibst.
    alles liebe
    elisabeth

    • theomix Says:

      Liebe elisabeth,
      sehr mitfühlend kommentiert. Danke! Dabei fehlt, an, sag ich mal, ein Drittel, der fremde Akzent, weil, wie es ich heruasttellt, der junge mann Kroate ist.
      Und wie er sich einer Mitarbeiterin (mit langen dauergewelletn blonden ahaaren) wirklich zu Boden geworfen hat. Ich sah mit halbem Auge, wie er sich mit ihr unterhielt, sich auf den Boden warf und rücklings mit ausgebreiteten armen leigen blieb, nach kurzer Zeit aber lachend wieder aufstand. Er kam dann zu uns herüber und erläuterte: „Ich hatte gehofft, ich würde von ihr Mund-zu-Mund-Beatmung bekommen.“
      Ein Schelm mit Herz.
      Und dieser Eindruck darf beim Geruch und der Atmosphäre nicht fehlen…
      Nun wenigstens als Anmerkung.
      Herzliche Grüße, Jörg

  10. Jan Says:

    Ups da hat sich der Rechtschreibfehler-Buchstabenverdreher Teufel eingeschlichen:

    Einfach die E-Mail-Adresse eingeben, dann läuft das Abo und es gibt Links zu den >>>>> neuesetn<<<< Beiträgen.

    • theomix Says:

      Herzlich willkommen, Jan! Danke für deinen Hinweis. So lange habe ich diesen Text schon – und niemand hat es mir gesagt. Bis heute dann. DANKE!

  11. Noga (Alzheimer Weblog) Says:

    Solange Demenz ein Tabu ist, werden es nicht mehr Menschen, die in Heimen unterwegs sind. Mein Eindruck ist allerdings, dass sich das langsam ändert.

    • theomix Says:

      Mein Beitrag soll zu der Änderung beitragen. Freundlichkeit udn Humor macht es leichter im Umgang, gerade bei Menschen, die von Tabus betoffen sind, bei Sterbenden ist es ja ähnlich mit dem atbu.

  12. Heute vor 10 Jahren: Der Falsche ist richtig | Theomix Says:

    […] https://theomix.wordpress.com/2010/04/08/der-falsche-norbert-ist-der-richtige/ […]

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