65 Jahre danach

Damals:
Niemand hat was gewusst.
Niemand hat was gesehen.
Selbst wenn: Richtig deuten konnte es niemand.
Und wir taten nur unsere Pflicht.

Heute:
Wir können alles wissen.
Wir können alles sehen.
Ja doch: Wir sind zugehagelt mit Wissen und Bildern.
Und wir wollen nur unseren Spaß.

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20 Antworten to “65 Jahre danach”

  1. onebbo Says:

    Woher bist du dir so sicher, dass wir heute alles sehen und wissen können? Auch ohne eine Anhängerin von Verschwörungstheorien zu sein, halte ich es durchaus für möglich, dass wir an einigen Stellen völlig im Unklaren gelassen und Dinge unter Verschluss gehalten werden.

  2. theomix Says:

    Ich spiele mit Klischees. So, wie damals niemand etwas wusste, so können heute alle wissen. Bilder und Nachrichten aus Katastrophen-Orten sind ganz schnell da. Und was mache ich damit? Das ist für mich der reale Hintergrund…

  3. elisabeth Says:

    lieber Jörg,

    wir können immer nur das sehen
    was wir zu sehen bereit sind.
    Oft liegt die Misere, das Tragische
    direkt vor uns, manchmal sogar
    im Spiegelbild
    und man schaut dennoch weg,
    will Spaß will flüchten
    will nur noch weg
    ins Netz, ins Fernsehen, in den Spass,
    weil einzig der beruhigen kann
    und Hoffnung gibt:
    da ist ein Ort
    wo man noch lachen kann.

    liebe Grüße
    elisabeth

  4. tmp Says:

    Obwohl ich ein „Kind des Wirtschaftswunders“ bin, wie wohl die meisten hier, halte ich es für sehr wichtig, das heute erinnert wird an die Beispiellose Beugung aller Menschrechte und die einmalige Verkehrung der Lebensideale durch ein paar Wenige zu Lasten so vieler… 😕

  5. theomix Says:

    @elisabeth:
    wenn Lachen Flucht ist, dann wird es mich nur oberflächlich erreichen.
    Aber wissen wollen und nicht wegsehen, das macht frei und lässt uns dort, wo wir sind, lachen. Befreit Lachen ohne Flucht. Das ist meine Hoffnung.
    So, wie du es beschreibst, ist es auch Teil von mir.
    Herzlich, Jörg

    @tmp:
    Das trifft meine Motivation zu diesem Beitrag ziemlich genau.

  6. Erika Says:

    Lieber Jörg,
    danke für Deinen Beitrag heute. Ja, man soll daran erinnern .
    Auch alles Wissen heute macht dieses Geschehen nicht ungeschehen.
    Wenn wir genau hinsehen, dürfen wir trotzallem auch dem Humor Raum geben. Wir können auch hinhören, wenn Menschen darüber erzählen, die hautnah das miterlebt haben, auch in unserem Ort, es gibt eine Gedenktafel an der damaligen Synagoge.
    Nachdenkliche Grüße
    Erika

  7. theomix Says:

    Liebe Erika,
    mir geht es nicht ums ungeschehen machen, sondern heute das, was not tut, auch zu tun: sehen, einschätzen, handeln.
    Liebe grüße
    Jörg

  8. Erika Says:

    Lieber Jörg,schon verstanden, danke Dir. Ja, der zweite Abschnitt drückt´s ja aus.
    schönen Abend noch
    Erika

  9. theomix Says:

    Ja, liebe Erika, aber das ist das schöne an den kommentar-dialogen: Sie machen es, wenn es gut geht, noch präziser, – und das ist geglückt.
    Lieben gruß, Jörg

  10. ig Says:

    Soeben komme ich von der Eröffnungsveranstaltung der Ausstellung „100 Jahre Synagoge Wittlich“ zurück. „Unsere“ Synagoge ware leider nur von 1909 bis 1938 ein Gotteshaus, danach Kriegsgefangenenlager und Ruine, bis sie in den 70er Jahren liebevoll restauriert und zum Tagungszentrum „umfunktioniert“ wurde.
    Heute Abend wurde nochmal an die MENSCHEN der Gemeinde erinnert, von denen so viele umkamen.
    Es wurden viele gute Sachen gesagt, aber am meisten beeindruckte mich, was ein Repräsentant der Juden in unserm Land nicht ohne Trauer und Bitterkeit sagte: Er sagte, dass leider die Synagogen (auch die Wittlicher) nur wie ein Epitaph, eine Gedenktafel daherkommen. Es gebe einfach kein richtiges jüdisches Leben mehr in Deutschland. Er sprach auch von „Verweiljuden“, die nach dem Krieg blieben, auf gepackten Koffern.
    Allen sei dennoch ein Besuch der Ausstellung empfohlen. Sie ist wirklich sehenswert.
    http://emil-frank-institut.de/index.php?option=com_content&task=view&id=145&Itemid=1

  11. Claudia Says:

    Vielleicht bin ich die einzige, die heute absolut an nichts dergleichen dachte – sondern die erste Tageshälfte nur an einen Prozess (Bericht auf meinem Blog) und danach an alles mögliche Amüsante bei einem Treffen mit Freunden.
    Aber hätte ich mich heute intensiv mit dem Gedenken beschäftigt, so wäre mir zum Handeln (Prozessbeobachtung, Berichterstattung) keine Zeit geblieben. Und wem hätte dann mein Gedenken genützt?

  12. werner Says:

    Ja, wem nützt „Gedenken“?
    Uns selber, weil es unser Gewissen beruhigt?
    Den Opfern, weil sie ncith vergessen sind und ihnen nachihremTod die Würde zurück gegeben wird die ihnen die Nazis genommen haben?
    Ihren Angehörigen und Freunden, weil sie spürendürfen, dass ihnen durchuns keine neue Verfolgung droht?
    Unserer Jugend, weil ihnen durch unser Gedenken – hoffentlich – die Augen geöffnet werden?

    und natürlich immer wieder die Frage nach dem WIE des Gedenkens.

    Im Sinne derer denenwir heute in der Wittlicher Synagoge gedachten ist es sicher auch dass du, Claudia, durch deine Prozessbeobachtung für Gerechtigkeit stark machst.
    Vielleicht ist auch das eine Form des Gedenkens – und wohl nicht die schlechteste.

  13. Claudia Says:

    @Werner: Ich bin keineswegs gegen Gedenken und sehe den Nutzen wie Du. Ich mag es nur nicht besonders, wenn Gedenken immer wieder an bestimmte Daten gebunden ist. Tag des sozialen Handelns, Woche des Kindes, Jahr des Wassers oder was immer uns noch präsentiert wird, ist ähnlich; da wird einen Tag, eine Woche, ein Jahr lang alles mögliche getan, um zu erinnern, und dann ist gut. Ich habe bei der offiziellen, verordneten Art des Gedenkens ähnliche Befürchtungen.
    Hingegen scheinen mir bleibende Denkmäler, z.B. die Spiegelwand in Berlin-Steglitz, als wiederkehrender Anlaß zum Gedenken sinnvoll. Und dann: Handeln – nicht müde werden, sich um Gerechtigkeit und Liebe zu bemühen, um aller Menschen willen.

  14. theomix Says:

    @Wittlich:
    Dieses Gedenken geht nicht, ohne die Gegenwart einzubeziehen. Nicht nur Kopf und Herz, sondern auch Hand und Mund.

    @Claudia:
    Ich verstehe das Misstrauen gegen Gedenktage, und ich schließe die Gedenkjahre mit ein. Das Calvinjahr hat mich eines Besseren belehrt, ich will genauer hinschauen.
    Bestimmte Gedenktage bringen halt bestimmte Inhalte auf den (Tagesordnungs-)Punkt. Auch im Kirchenjahr ist einmal im Jahr Ostern oder Ewigkeitstsonntag.
    Ich nutze den 27. Januar (auch im letzten Jahr war das so), um hier einmal innezuhalten – wo es doch sonst eher weniger ernst zugeht.

  15. Wolfram Says:

    @tmp: streiche „beispiellos“ und „einmalig“, und ich unterschreibe.

    @ig: es GIBT jüdisches Leben in Deutschland. Es gibt lebendige Gemeinden. Allerdings längst nicht mehr überall – das aber ist nicht erst eine Folge des Dritten Reichs. In meiner Geburtsstadt wurde die Synagoge 1930 geschlossen, weil seit Jahr und Tag das minjen nicht mehr zusammenkam. In meinem jetzigen Wohnort in Ostfrankreich steht das wohl auch an, dabei ist die größte jüdische Gemeinschaft Frankreichs nur eine gute Autostunde entfernt.
    Wie viele praktizierende Juden es in Deutschland gibt, wissen die Straßburger übrigens möglicherweise besser als manche deutsche Juden: in Straßburg sieht man, wie viele Autos besonders aus dem Frankfurter Umland jeden Freitag kommen und vor den jüdischen Lebensmittelgeschäften und Metzgereien parken…
    Sie sind da. Aber sie pflegen keine Normalität, aus welchen Gründen auch immer – und diese Gründe liegen teilweise in ihnen selbst, nicht in ihrer Umwelt.

  16. theomix Says:

    Die Mischung aus Zynismus und Rassismus war (bis dahin) beispiellos, und die systematisch geplante Vernichtung findet nur wenige Parallelen.

    Ich glaube gern, dass es noch ein Weilchen bis zur Normalität dauern wird, und ich gestehe das den Juden auch gerne zu.

    Dass es einen natürlichen Rükgang einer Bevölkerungsgruppe gab und gibt, kann natürlich vorkommen. Aber was zwischen 1933 und 1945 passierte, kann ich nicht so ganz damit vergleichen.

  17. Wolfram Says:

    Nach der Lektüre des Buches „Und wurden zerstreut unter alle Völker“ von Werner Keller kann ich nicht mehr behaupten, der Judenhaß der Nazis wäre beispiellos. Im Mittelalter hat man es hingekriegt, die iberische Halbinsel binnen weniger Wochen judenfrei zu machen…
    Die zynische Menschenabschlachtung war ebenfalls nicht neu. Vom Herero-Aufstand und den Concentration Camps nicht weit davon, nämlich im britisch besetzten Südafrika spricht man zwar heute wenig, aber sie sind dennoch Realität. Die politischen Säuberungen im Übergang von Lenin zu Stalin, die systematische Ausmerzung von Trotzkisten, Juden (oh!) und anderen unangenehmen Zeitgenossen waren auch eher Beispiel als Folge der Hitler-Regie. Auch davon spricht man in Westeuropa wenig, schließlich war Stalin als Alliierter doch einer von den „Guten“…
    Ein wenig weiter südöstlich wären dann der Völkermord an den anatolischen Kurden oder auch die Rote-Khmer-Herrschaft zu nennen, die der NS-Vernichtung nicht nachstanden. Vor 20 Jahren haben wir noch die HÄnde über den Kopf geschlagen, wenn man vom „Platz des Himmlischen Friedens“ sprach (welcher Zynismus allein in der Spannung zwischen dem Namen und dem Massaker) – und vor zwei Jahren haben fast alle den Chinesen die Füße geküßt, weil da ja Olympia… und „unsere“ Sportler sind auch hingefahren.

    Die Un-Normalität wird meiner Erfahrung nach gerade nicht durch die Alten bewirkt, sondern seltsamerweise durch die Jungen, die jünger sind als ich. Sie schäumen auf einmal alte Vorstellungen wieder hoch, die eigentlich längst überwunden sein sollten. Russische Einwanderer jüdischen Glaubens, noch nicht volljährig, fragen sich, ob Juden in Deutschland leben können. Ihre Eltern scheinen sich diese Frage nicht zu stellen… sonst wären sie woanders hingegangen. Woher kommt dieses Wiederhochspülen von Vorstellungen, die sie nicht aus sich selbst und eigenem Erleben haben können?

    Es ist ein historisches Faktum, daß Wohlstand und religiöses Praktizieren nicht unbedingt gut miteinander gehen. Je weniger Vorurteile auf staatlicher Seite gegen jüdische Menschen bestanden, je gleicher ihre Rechte und Möglichkeiten wurden, desto paralleler auch die Desertion der Gebetsstätten mit steigendem Wohlstand. Vielen Nachkommen jüdischer Menschen war dieses Erbe gar nicht bewußt, bis es durch den NS-Rassenwahn ausgegraben wurde.

    Aus diesem Grund waren viele kleine Gemeinden schon vor 1933 längst verschwunden, und viele Synagogen, die 1938 zerstört wurden, schon lange nicht mehr benutzt worden. Und viele, viele Menschen, die in die Lager transportiert wurden, hätten zehn Jahre vorher nicht mal gewußt, daß sie Juden waren.

  18. theomix Says:

    Meines Wissens haben die Nazis zum ersten Mal eine rein rass(ist)ische Verfolgung durchgeführt. Deshalb konnte es eben dazu kommen: „viele Menschen, die in die Lager transportiert wurden, hätten zehn Jahre vorher nicht mal gewußt, daß sie Juden waren.“ Und der rassischen Einordnung konnte man nicht entkommen, im MA hat eine Konversion das Leben gerettet.

    Meines Wissens haben die Nazis zum ersten Mal eine Massenvernichtung von Menschen so systematisch und „effektiv“ durchgeführt. Der Begriff und die Idee des Konzentrationslagers mag übernommen sein. Vernichtungslager sind meines Wissens von den Nazis zum ersten Mal geschaffen worden.

  19. Claudia Says:

    vgl. Esther 3,8-15
    http://www.bibel-online.net/buch/17.ester/3.html#3,8

    Die Nazis haben deshalb so grauenhaft wüten können, weil sie die technischen Möglichkeiten hatten. Die Unmoral gab es schon vorher.

  20. theomix Says:

    Die Unmoral gab es schon vorher. Die Kombination mit den technischen Möglichkeiten, und das mit deutscher Gründlichkeit gepaart – das hatte schreckliche Folgen.

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