Atheistische Weihnachten

Bis in die Jugendzeit kam ich fast jedes Jahr in den Genuss einer atheistischen Weihnachtsfeier.

Mein Großvater war Sozialdemokrat und Gewerkschaftler der alten Schule. Seine Eindrücke von der evangelischen Kirche waren von klein auf äußerst mies, und nach dem Krieg 14-18 war Schluss. (Da haben sich die Kirchen mit kriegsfördernden Predigten auch kein Ruhmesblatt erworben.) Die Austrittsbescheinigung aus dem Jahre 1919 hat sich bei der Haushaltsauflösung gefunden, und ich bewahre sie seither auf. Und der Austritt geschah aus inhaltlichen Gründen, nicht als Steuersparmodell. Jesus war zwar der erste Kommunist, aber der Kapitalismus hatte ihn sich zum dienstbaren Gottessohn an den Himmel projiziert.

Nun war Weihnachten Kulturgut. Und Anlass, den Sohn und seine Familie wiederzusehen. Da kam man an diesem Fest nicht vorbei.

In meiner Erinnerung sammelte sich die Familie nach dem ersten Ankommen vor dem hübsch geschmückten Tannenbaum. (Tatsächlich, „früher war mehr Lametta.“)

Dann kam obligatorisch ein Weihnachtsslied, „O Tannenbaum“. Mag sein, „Schneeflöckchen Weißröckchen“ war auch noch drin. Aber bitte, kein Lied mit Christkind! Nur „Lieder ohne“ durften es nach Großvaters Richtlinien sein.

Es folgte die Bescherung. Und dazu gehörte auch für jeden ein Weihnachtsteller mit Naschwerk.  Diesen Tellern habe ich es zu verdanken, dass mich Schokoladenherzen oder -ringe mit bunten Zuckerperlchen an die Tage der Kindheit erinnern. Leider auch die mit Knickebein oder Imitat gefüllte Schokolade. Die mochte niemand von uns, aber es gab sie jedes Jahr. Penetrantes Zeug! Es brauchte mindestens fünf Zuckerperlendinger, um den Geschmack zu vertreiben.

Der Mensch sucht nach kausalen Zusammenhängen. Ungelöst seit den Tagen meiner Kindheit ist die Frage: Was qualifiziert Knickebein für eine atheistische Weihnachtsfeier?

17 Antworten to “Atheistische Weihnachten”

  1. Hausfrau Hanna Says:

    Dein Grossvater und mein Grossvater,
    lieber theomix,
    waren Brüder im Geist. Auch mein Grossvater war ein strammer Gewerkschafter, der die gewerkschaftliche Farbe sogar im Nachnamen trug 😉

  2. Muriel Says:

    Knickebein gehört verboten. Frau von der Leyen tut sonst doch immer so, als wären ihr die Kinder so wichtig, aber wenn es um Knickebeinmissbrauch geht, dann wird einfach weggeschaut…
    Falls es dich übrigens interessiert: Mein Weihnachten ist ja auch atheistisch, es gibt aber keine verbotenen Lieder und keine Gewerkschafter. Selbersingen gehört bei uns allerdings eh nicht zum Programm.

  3. Claudia Says:

    Auch ich kenne aus Kinderzeiten das atheistische Weihnachtsfest – allerdings mit Singen von Weihnachtsliedern, die meine Eltern schön fanden (ich übrigens auch). Weihnachten war immer ein schönes Fest.
    Mir wurde beigebracht, daß die Geschichte von der Geburt im Stall anrührend und menschlich ist, daß sie unzählige Künstler inspiriert hat und daß man, wenn man behauptet, die deutsche Sprache zu beherrschen, Luther kennen muß. Daß die Bibel Weltliteratur ist.
    Das war eine gute Basis, der Wahrheit in alledem mal ernsthaft nachzuspüren.

  4. Dunkelangst Says:

    Im Bezug auf den Kirchenaustritt kann ich deinen Großvater echt verstehen. Genau genommen denke ich über selbiges nach, obwohl oder gerade weil ich ein gläubiger Christ bin. Dein Großvater ist wohl aus selbigen Gründen ausgetreten, wie dieser Herr. Ich überlege das, da mir die evangelische Kirche zu politisch ist. Wenn z.B. Frau Margot Käßmann Frau Merkel gratuliert, ist mir die evangelische Kirche eineindeutig zu politisch.

    „Wir sind keine Politikerinnen und Politiker“, unterstrich die neu gewählte Spitzenrepräsentantin der 25 Millionen Protestanten in Deutschland. Allerdings wolle die Kirche politische Themen begleiten.

    Das ist zum einen ein Wiederspruch in sich und zum anderen hat das mit Glauben an Gottes Wort nichts aber auch überhaupt nichts zu tun (Mt 22,21):

    So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!

    Ich bin gegen jedwede Einflussnahme der Kirche auf Politik. Weltliche und geistige Dinge müssen schon im Grundsatz getrennt sein und auch bleiben – schon um die Religionsfreiheit der anderen Menschen nicht zu diskriminieren.
    Ich überlege daher in eine freikirchliche Gemeinde zu wechseln. Welche wird sich zeigen…

    Aber ansonsten:
    Ich finde es schon verwunderlich, dass Atheisten Wihnachten feiern. Auf der einen Seite finde ich dies schön, da hierdurch wenigstens die Familien zusammen rücken und sich näher kommen. Auf der anderen Seite geh hierdurch der Grund verloren, weshalb wir eigentlich Weihnachten feiern: Die Geburt Jesu.

  5. theomix Says:

    @Hausfrau Hanna:
    Es gibt bestimmt viele Erben solcher Großväter. Im Namen trug es mein Großvater nicht, ihm war eine andere Lebenspointe bestimmt. https://theomix.wordpress.com/2009/05/01/der-1-mai/

    @Muriel:
    Ich seh schon, Polemik geht nicht, weil sich auch der Atheismus ausdifferenziert. Immerhin, die Gemeinsamkeit im Kampf gegen Knickebein ist Grenzen überwindend…

    @Claudia:
    Die Sicht der Dinge war meinem Großvater wohl durch die eigenen Erfahrungen verstellt. Und wohl durch den Unwillen sie zu relativieren. Was du schilderst, ist auch gut kulturprotestantisch.

    @Dunkelangst:
    Ohne Politischsein wirst du keine Weltanschauung, keine Religion, kein Christentum leben können. Da wird dich auch die Mitgliedschaft in einer Freikirche nicht retten. Denn „wer schweigt, stimmt zu.“
    Mt 22,21 will ja nicht nachweisen, dass es einen anderen Bereich gibt. Sondern in dieser einen Welt sollen wir so leben, dass Gottes Wille an erster Stelle steht.
    Als biblischen Beleg nimm Römer 12, 1-2 nehmen: Das ganze Leben soll Gottesdienst sein. Letzten Endes hat die Barmer Theologische Erklärung 1934 das Gleich gesagt: Kein Bereich des Lebens ist von Zuspruch und Anspruch Christi ausgeschlossen. (2. These) Und die 5. These spricht von der „Verantwortung der Regierenden und REGIERTEN“ (innerhalb der staatlichen Ordnung für Recht und Frieden zu sorgen). Nach über einem Jahr Nazi-Diktatur ist das recht deutlich gesagt…
    Und in dieser Tradition sind die evangelischen Landeskirchen (wie auch die einzelnen Christen) gut beraten, nach Gottes Willen auch im politischen und gesellschaftlichen Leben zu fragen.
    Wer die Evangelen kennt, weiß dann auch, es gibt kein verbindliches Lehramt, was ein für allemal die richtige Meinung hat. Erst recht bei einer Einzelmeinung, mag der, der sie äußert, Ratsvorsitzende, Bischöfin, Papst oder sonst was sein.
    Du musst das nicht teilen, du magst in eine Freikirche gehen, die unpolitisch wirkt. Sie bejaht dann das Bestehende. Einfach so, ohne Worte. Ob das besser ist als Lobeshymne und Sachkritik durcheinandergemengt? Ganz im Gegenteil, meine ich.

  6. mialieh Says:

    Knickebein – wer brauchte das jemals? Man hat es gegessen, um das Süße nicht verkommen zu lassen und ich vielleicht auch, um das, worauf alle geschimpft haben (jetzt hat die Ommi sicher wieder Knickebein auf den Teller getan), auszuprobieren. Fondant-Kram… fand ich lecker. Aber es wurde einem auch schnell schlecht. So war Weihnachten oft mit einem Hauch von Übelkeit überzogen.

    Religion und Politik: untrennbar. Sieht man daran, dass der Kern der modernen Verfassungen christliche Werte beinhaltet, so säkularisiert man sich auch geben will. Und an vielen ursprünglich christlichen Traditionen kommt man kaum vorbei. Wieso hätte sonst die ganze DDR auch Weihnachten feiern sollen? Säkularisiert zwar, aber der Sinn des Festes: die Familie kommt zusammen, man bereitet sich sorgfältig vor und versucht anderen eine Freude zu machen, war doch ähnlich. Natürlich siehst du als theomix das anderes. Da geht es um „Das Wort ward Fleisch geworden“. Aber der Kern ist doch auch das Miteinander. Für mich vorrangig das… Und dafür bin ich der christlichen Tradition echt dankbar.

  7. theomix Says:

    Woher willst du wissen, dass ich das anders sehe? Ich mag es, das Profane heilig zu sehen (Entwicklung von Ritualen im säkularen Bereich etwa) und das Heilige profan (damit es uns nicht gen Himmel entschwebt). Manchmal verschwimmen die Grenzen: Ist der Segen ein gen Himmel gehobener Abschiedsgruß oder ist der Abschiedsgruß ein profaner Segen?
    So finde ich „Familie“ als das verbindende Stichwort zwischen dem atheistischen und dem christlichen Weihnachten. Andere Möglichkeiten wären auch noch die Lichtsymbolik, die Menschen unten gegen die da oben oder das junge, zu beschützende Leben…

  8. mialieh Says:

    Ach, du denkst so komplex o Theomix… das habe ich natürlich in meiner einfältig subsumptionslogischen Schlussfolgerung nicht berücksichtigt… zu sehr war ich noch beim Fleisch gewordenen Wort, zu wenig beim Lametta-Knickebein-Großvater.

    Wahrscheinlich, weil der Spruch auch in der diesjährigen Weihnachtspredigt unserer neuen Pfarrerin vorkam. Und 20 andere Prophezeihungen auch. und dann die Weihnachtsgeschichte nach Lukas und eine Predigt über die Weihnachtshektik die ja so schlimm sei, da viele Weihnachten und seine Botschaft zwischen Glühweinstand und Würstchen und letzten Geschenken vergessen. Und dann die Überladenheit (da fragte ich mich: welche: die der Gabentische oder die der Predigt).

    Dann geht man beschämt nach Hause, obwohl man sich vorher gefreut hatte. Man war ja auch am Glühweinstand und war hektisch und hat den Gabentisch beladen. Aber warum? Für wen? Für die Familie! Für sich selbst in der Familie! Und das hat Spaß gemacht! Und deshalb ist meine künftige Botschaft: Genuss der vorweihnachtlichen Hektik! Sie ist Teil von der Vorfreude und der Freude darüber, dass schon vor 2000 Jahren eine Geschichte zeigen konnte, wie die unterschiedlichsten Menschen trotz widrigster Umstände vereint werden konnten.

    Also, das mit der Familie und der profanen Heiligkeit, das klingt schon gut. Einverstanden.

  9. theomix Says:

    Ich weiß zwar nicht, was subsumtionslogisch ist, aber dass man sich selbst zuerst predigt, das weiß ich. Da hat die Pfarrerin wohl über ihre eigene Hektik und über ihr Leiden daran gesprochen – und so alle mit hinein gezogen. Ob sie wirklich anderen ein schlechtes Gewissen machen wollte?
    Es werden dann doch wohl auch andere trostreiche Elemente dagewesen sein, etwa die Lieder…

  10. Noah Says:

    War ich doch sehr versucht, ob des fehlenden Buchstabens „JAAA!“ zu rufen….

    (Sorry.)

  11. mialieh Says:

    oh Noah, me tooooooo! Aber ja. Lieder waren auch da. Und die waren tröstlich, auch wenn der Chor und Gloria in Excelsis Deo weggeschnappt hat! Aber Oh, du fröhöliche und Stihille Nacht durfte gesungen werden. Nun ja. Ein Gottesdienst, wo man sich von Lied zu Lied rettet.

  12. Erika Says:

    bei den Liedern, die gesungen,
    sind manche Lider gesunken
    🙂

  13. theomix Says:

    @Noah:
    Was war? War was? (Auch sorry…)

    @mialieh:
    Deswegen soll an solchen Gottesdiensten viel gesungen werden.

    @Erika:
    So oder so, wir werden Opfer der Lautverschiebung 😉

  14. klanggebet Says:

    😀 Knickebein mochte ich als Kind echt gern! Aber vermutlich nur, weil sich da schon abzeichnete, dass ich einer feinen Spirituose nicht abgeneigt bin 😉 Als ich dann im angemessenen Alter auch mal am echten Likörglase nippen durfte, war alles verknickbeinte freilich nicht mehr ohne Würgereiz zu schlucken. Heute gruselt es mich. Mehr gruseln eigentlich nur noch diese Waffeleier zu Ostern, die mit so einer schmalzig-fettigen Füllung vollgestopft sind, wahlweise in weiss oder braun. Herrje ich brauch schon beim Gedanken ein Magenbitter ;).
    LG
    Giannina

  15. theomix Says:

    Aber immerhin Magenbitter, Giannina…
    Hätte es damals schon das Bloggen gegeben, hätte ich sie dir gerne zugeschickt…
    Heute bleibt uns Knickebein erspart. Manchmal ist es doch gut älter zu werden.
    Herzlichst, Jörg

  16. Tannengrüner Lichtblick | Theomix Says:

    […] mich “O-Tannenbaum-Geschädigten” ein Lichtblick. Froh macht mich […]

  17. Vor 10 Jahren: Atheistische Weihnachten | Theomix Says:

    […] https://theomix.wordpress.com/2009/12/28/atheistische-weihnachten/ […]

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