Lamm, depri oder peppig (Sühnopfer, die dritte)

Gerne bemühe ich mich um differenzierte Urteile. Wenn mein Herz aufatmet, weil kirchenleitende Menschen Denkverbote abbauen, ist das die eine Seite. Die andere ist der stets skeptische Kopf, der fragt, ob ich denn 49 (oder etwa 45 bewusste) Jahre so falsch gelebt habe – als ich diesen Gedanken des Sühnopfers geschluckt hatte.

Unbeschadet der Tatsache, dass es andere Modelle gibt: ich habe einen Zugang, und zwar über das „Lamm Gottes“. „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt“: So heißt es bei Johannes, als der Täufer Jesus kommen sieht. Johannes meint das ganze Lebens Jesu, aber bezogen wurde das traditionell auf die Passion.

Das „Lamm Gottes“, Agnus Dei, ist Teil der Abendmahlsliturgie geworden. Mit dieser Tradition bin ich groß geworden, ich praktiziere sie aktiv in meinem Beruf, fast immer, wenn ich in einem Gottesdienst Abendmahl feiere. Es ist Teil meiner Kultur.

Aber nicht das beste Stück. Das Lamm ist ja hier ein deprihafter Hänger. Ich fand ein aufschlussreiches Video:

In den Gottesdiensten meiner Gemeinde nehme ich nicht wahr, dass das „Lamm Gottes“ so grauselig klingt. Aber die Übertreibung ist lehrreich.
Die Orgel spielt schleppend die alte Melodie. Man kann die Gemeinde nur hören. Wir sehen zwei evangelische Pfarrer. Fast einsam stehen sie da, sie haben kaum Beziehung zueinander. Zur Rechten zeigt das  Gesicht zeigt Mitsingen. Links sehen wir ein wenig Bewegung, weil der Talar mitschwingt. Ich möchte nicht neben dem Filmer sitzen, so vereinsamend ist das anzusehen. Dieses Lamm macht traurig. Wenn es für das Sühnopfer steht, dann folgere ich: Das zieht herunter, es führt den Glauben in eine Krise statt ihn herauszuführen.

Nun Bilder aus einer anderen Kultur:

Im Altarraum verströmt ein Haufen Menschen Schwung, es wird geklatscht, auch in der Gemeinde. Man versetzt sich in Schwingung. Dann der Einsatz der Sängerin („Evangelistin“). Sie wirkt nicht fröhlich,  anders als  Melodie und Stimmung der anderen. Sie singt mit kräftiger Stimme, der Chor unterstützt, auch die Gemeinde singt mit.

Hier hat das Lamm „Power“, Dynamis. Es beschwingt, macht geradezu fröhlich. Und es stiftet Gemeinschaft. Da ist deutlich:  das Lamm befreit, es führt ins Weite, nicht in die Enge. Sogar zugespitzt: das Blut bewirkt das, es hat Heils-Charakter. Eine Botschaft, die bewegt.

Mit dieser Tradition könnte ich ein Sühnopfer bejahen. Natürlich bin ich  dieses Wibbeln und Wackeln im Gottesdienst nicht gewohnt. Groß geworden bin ich theologisch mit einem gewissen Ordnungsdenken.

Wenn auch der Kopf skeptisch bleibt: Wenigstens das Herz stimmt ein, wenn das precious blood of the Lamb besungen wird.  Und es wird den Kopf schon mitziehen.

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24 Antworten to “Lamm, depri oder peppig (Sühnopfer, die dritte)”

  1. Erika Says:

    Lieber Jörg,
    die zweite Version gefällt mir …. so eine Power, das erinnert mich an einen Gottesdienst in Heidelberg von der Art, er dauerte drei Stunden und wir waren mit dem Chor dahingereist….
    Das ist auch nicht jedermanns Sache, aber die erste Version ist sehr einschläfernd, die kenne ich auch….
    Gestern habe ich die CD von unserem Gospelworkshop-Konzert bekommen, die hat auch Power, wenn ich das Lied Iwill survive nochmal höre, wo wir uns alle an den Händen hatten, die ganze Kirche war berührt….wunderschön,
    danke, dass Du mich an all dies erinnerst heute morgen
    einen schönen Tag
    herzliche Grüße Erika

  2. onebbo Says:

    Wenn ich die beiden Filme so sehe, kommt mir das vor, als würdest du doch die steuerllich finanzierte Kirche mit ihren verkrusteten Strukturen lieber abschaffen 😉 Es ist eben doch ein Unterschied, ob in einer Kirche nur die „wirklich Gläubigen“ ihren Obulus leisten oder eine Masse von mehr oder weniger meckernden Stummen (wobei ich ja durchaus keine absolute Gegnerin der steuerlich gestützten Kirche bin….)

  3. theomix Says:

    @Erika:
    Liebe Erika, Gospel bringen’s halt. Und sie geben etwas, was woanders fehlt – und sind christlichen Inhalts. Sie bringen eine guten Geist, wenn nicht sogar Gottes.
    Liebe Grüße, Jörg

    @onebbo:
    Dies materielle Sicht hatte ich noch gar nicht bedacht. Alsl beruflicher Teil der Struktur lehne ich es natürlich ab, von verkrustet zu reden. Und Vorteile in vielen Arbeitsbereichen hat das Finanzsystem ja. Aber ich will meine Beiträge über Kirchensteuer nicht vorwegnehmen.
    Nur darauf hinweisen: In solchen freiirchlichen bereichen wird meist eine hohe Opferbereitschaft erwartet. Etwa, gut biblisch, „der Zehnte“, 10 %, und auch vom Netto ist das mehr als die Steuer.
    Es kann aber gut sein, dass das Gefühl der Freiwilligkeit beflügelt.
    Auf der anderen Seite, die Strukturen sind allerdings so krustig, dass man so „Tote-Hosen-Gottesdienste“ eigentlich durchführen muss und es äußerst schwierig ist, sie zu streichen, selbst wenn ein anderes Konzept im Raum steht.

  4. mialieh Says:

    Lieber Jörg, ich war mal in einem Gottesdienst, da sang ein afrikanischer Chor. Die waren alle so bei der Sache, dass man mitwippen musste. Die deutschen Gottesdienste, das sind ja die, die ich kenne, sind meistens so getragen. Da ist mein Lieblingslied „Geh aus mein Herz und suche Freud“ ein Glanzstück. Nur das wird ja nie gesungen. Dauernd diese Opferlieder und Sühnelieder, das ist ein echter Runterzieher. Da hast du recht. Es wird Zeit, etwas zu verändern.

    @onebbo
    Ich denke, wenn es eine Pflicht gäbe, zur Kirche zu gehen, würde ich dir recht geben. Aber der Besuch von Gottesdiensten ist freiwillig. Die Verkrustung liegt vielleicht mehr daran, dass Routinen eben bequem sind und dass auch noch immer viele Leute diesem Stil anhängen. UNd bis die dann weg sind und den peppigen Platz gemacht haben, ist es ein langer Weg und man kommt sicheer auch in Schwierigkeiten, wenn die „gutendeutschen Christen“ sich beschweren im hierarchisch gegliederten Beamtensystem der Staatskirche.

  5. onebbo Says:

    Es wird vielleicht den einen oder anderen wundern…. aber mein Lieblingskirchenlied ist „Oh Haupt voll Blut und Wunden“ (vielleicht nur deshalb, weil es das erste Lied war, dass ich mit der Blockflöte als Kind selbst eingeübt hatte ). Ach, das ist soooo herrlich traurig…

  6. mialieh Says:

    ich habe auch ncihts gegen „Es kommt ein Schiff geladen“, „Agnus Dei“ usw. Aber andauernd… das ist nervig.

  7. onebbo Says:

    So oft, wie ich in die Kirche gehe, kann das schlecht nervig werden hihi. Wobei: Ich würde auch noch einmal freiwillig gehen, wenn ich wüsste, dass es Orgel mit Posaune und Fanfaren gibt. Das habe ich einmal gehört, das ist wirklich einen Kirchenbesuch wert.

  8. theomix Says:

    @mialieh:
    Ecclesia semper reformanda. Wir müssen was, wir müsssen uns ändern. Ich hätte ja gerne Vielfalt. Was nicht immer geht. Manchmal zieht das Traditionelle nach unten. Nicht immer. Manchmal kann ich das sehr gut ab. Obwohl wir nicht in Händen haben, dass die Tradition auch Zukunft hat.

    @onebbo:
    Und weil es so herrlich traurig ist, kann ich es manchmal ganz gut ab. Karfreitag muss es einfach traurig sein. Und die Passionen von Schütz oder Bach sind auch schön, weil sie schön traurig sind.
    Aber mitten im Jahr ist es manchmal traurig, obwohl es fröhlich sein könnte. Das ist dann SEHR traurig…

  9. OneBBO Says:

    @theomix: ja, das hast du schön geschrieben, trotz des traurigen Themas habe ich spontan gelacht 😉

  10. mialieh Says:

    @onebbo und theomix
    wer hat schon etwas gegen schaurige traurigkeit. aber, wie theomix es sagte: alles zu seiner zeit. auch tradition ist vor allem dann schön, wenn sie ein behagliches gefühl schafft oder sicherheit gibt.

  11. theomix Says:

    @onebbo:
    Lachen wie Weinen kann Tränen zutage fördern…

    @mialieh:
    Eben. Leider strahlt das erste Video weder Behaglichkeit noch Sicherheit aus.

  12. freidenkerin Says:

    Mein Lieblings-Kirchenlied in Kinder- und Jugendtagen war „Großer Gott, wir loben dich…“ Da konnte ich mich stimmlich so richtig verausgaben, und es war schön, es richtete auf, es verlieh Seelenkräfte. Es wurde stets zum Schluß der Messe gesungen und danach verließ ich das Gotteshaus wie ein Schiff unter vollen Segeln.
    Jesus wäre von dem ersten Video höchstwahrscheinlich entsetzt und würde bei dem zweiten begeistert mitsingen und mitswingen. Man sollte sich bei seinen Andachten – alle materiellen und auch liturgischen Aspekte außer acht lassend – doch fragen, ob Jesus, der während seines kurzen irdischen Daseins mit einer solchen Innigkeit sein Leben „zelebrierte“ sich über das Zelebrieren seines Angedenkens freuen würde oder nicht.
    Liebe Grüße, wünsche dir und den Deinen ein gutes und schönes Wochenende!

  13. theomix Says:

    Eine schöne Erinnerung.
    Und eine sehr gute Frage, weil sie eine wichtige Perspektive hineinbringt. Wie ich es nach Niemöller sage: „Was würde Jesus dazu sagen?“
    Das erste Video ist für mich dehsalb so schaurig, weil es so unlebendig wirkt. Wenn diese Liturgie mit Inbrunst gefeiert wird, dann hat auch sie Leben. Sie ist in der Tendenz natürlich ernster als das Brodeln beim Gospel.
    Aber die beiden Männer da vorne haben es mindestens 6 Meter bis zum nächsten Menschen. Das ist doch traurig.
    Der Gottesdienst, den Jesus mitgefeiert hat, lief in Synagogen. vermutlich sind die Gottesdienste heute nicht so viel anders: In einer Synagoge ist Bewegung, ist Feier. Der Raum ist eher schlicht.
    Den Jesus auf Erden haben wir stets nur durch die Brille der ersten Christusverehrer, das heißt er war für sie ohne Frage auferstanden usw. Unser historisches Denken ist da heute anders.

  14. freidenkerin Says:

    Und durch das heutige historische Denken haben wir leider oftmals so viel Bezug zum ursprünglichen, lebendigen und frischen Glauben und Christentum verloren. Leider, leider.

  15. theomix Says:

    Kein „Leider“, ich bewerte das nicht negativ.
    Dem historischen Blick verdanken wir eine Menge Einsichten, so ist es nicht. Ohne diesen Blick würden wir wahrscheinlich gar nicht nach dem Jesus vor Ostern fragen und forschen. Und wir wüssten nichts von der ursprünglichen Lebendigkeit der ersten Gemeinden.

  16. rotegraefin Says:

    Handelt es sich bei dem 1. Video um eine lutherische Kirche? Ich hätte es genauso gut für einen katholischen Gottesdienst mit Konzelebration halten können.
    Ja diese permanente depressive Ausstrahlung. Damit bin ich groß geworden. Gekoppelt mit dem Gift und das Lamm tat seinen Mund nicht auf und trug unsere Schuld, kombiniert mit einem von Leid erfüllten Elternhaus, wo etwas für sich selber tun oder wollen, die schwerste Todsünde darstellte, gibt es unter konservativen Christen keine Rettung auf eine Heilung, weil jeder sofort tödlich beleidigt ist, wenn ein Schmerz angesprochen wird. Welch eine Indoktrination.
    Da lobe ich mir doch folgende Darstellung

  17. theomix Says:

    Nein, nicht explizit lutherisch. Uniert ist auch so.
    Danke auch für den „Münchener im Himmel“. Für ihn ist ja wohl das Bier das Element vom Sakrament. (Quasi als des Münchners Variante des Abendmahls.)

  18. freidenkerin Says:

    Mei, der Münchner im Himmel! Is des a Freid! Den hab i ja seit Ewigkeiten nimmer g’segn!
    Früher hab ich das ganze Stückerl auswendig hersagen (herbeten) können, mit verschiedenen Stimmen für die einzelnen Sprechrollen. Das wurde in unserem Rathaus immer an Regentagen als Kurzweil für die Feriengäste gezeigt, wir haben uns da immer mit hinein geschmuggelt, und selbst beim hundertsten Anschauen ist uns dieser Schwank nicht langweilig geworden.
    Liebe Grüße!

  19. theomix Says:

    Ich bin ja auch froh, dass die Rotegräfin diesen Link hierhin gestellt hat.
    Gruß, Jörg

  20. Elisabeth Says:

    Lieber Jörg,
    das kenne ich auch… ein bisschen mehr Lebensfreude kann keinem Gottesdienst schaden…
    Und ist es nicht einfach, alles einem Lämmchen aufzubürden??? Ich kenne Katholiken, die erst fremd und dann beichten gehen und wirklich glauben, das reicht, das passt dann schon… und das immer wieder…
    Für mein Tun bin nur ich selbst verantwortlich. Und ich bin bestimmt kein Unschuldslamm… 😉
    Liebste Grüße zu dir von Elisabeth

  21. theomix Says:

    Bei den Evangelischen ist die Übung der Beichte unterentwickelt, da müssen wir uns schon andere Mechansimen suchen. Lutherisch ist dann eher ein Dauerkampf gegen die Sünde; dazu passen dann die Deprimelodien.
    Bei den Gospels ist das Bewusstsein deutlicher, dass Christus befreit HAT. Da sind alle Sünden schon weg, bevor man hingucke kann… Ist auch gut paulinisch, der verwendet das Wort Sünder nicht für Christen…

  22. Noah Says:

    Paulus verwendet das Wort „Sünder“ wirklich nicht für Christen?
    Je nach Übersetzung, je nach Theologie, oder fehlt mir da jetzt was?

  23. theomix Says:

    Noah, herzlich Willkommen hier!
    Meines Wissens in den als unumstritten“echt“ geltenden Pauslusbriefen (Röm 1Kor 2Kor Gal Phil 1 Thess Philmn): wer zu Christus gehört, ist frei von Sünde. Für die Verfehlungen der Christen in 1 Kor werden nicht Sünde genannt.)
    Als ich das das erste Mal hörte, war ich auch sehr erstaunt. Luthers allumfassendes Sündenverständnis war/ist sehr prägend. Hat ja seelsorglich viel für sich: Die Taufe schützt ja nicht vor schlechtem Gewissen.
    Aber auch wenn es das Herz kaum fassen kann, ahnt mein Kopf, dass der christliche Glaube etwas Revolutionäres bekommt.
    Ist dir mit dieser Auskunft geholfen?

  24. Noah Says:

    Herzlichen Dank, das hilft mir weiter (hatte gestern Römer 7 im Kopf, so ich stutze heute hier).

    (Frei von Sünde – das gäbe viel theologischen Denkstoff her, den vmtl. mein Kopf kaum fassen kann. Gegen eine Revolution des Herzens hätte ich aber nix.)

    Liebe Grüße.
    🙂

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