Sprachmode, Folge 4: grenzwertig

„Ein grenzwertiges Verhalten“ kann jemand an den Tag legen. Was ist damit gemeint? Der Grenzwert bestimmt das Maß, bis zu dem z. B. ein Gift als noch tragbar gilt.

Ist das Adjektiv auch im Inhalt davon abgeleitet? Sinntragend ist im deutschen normalerweise der hintere Teil des Wortes. Der Grenzwert ist der Wert an der Grenze, der Mittelwert der Wert in der Mitte.

Mein Sprachempfinden sagt mir: „grenzwertig“ bestimmt sich vom Anfang her. Beide Bestandteile bilden plötzlich eine Einheit und der Sinn rückt zur „Grenze“. Das „grenzwertige Verhalten“ zeichnet sich nicht durch seinen Wert (eher: negativen Wert) aus, sondern dadurch, dass es sich einer Grenze genähert hat.

So bringt das Wort eine „doppelte Ableitung“: es substantiviert – nicht mehr „Du hast die Grenze überschritten“, sondern dein VERHALTEN ist grenzw. Und zweitens ist die Botschaft mit „Wert“ umkleidet. Jeder spürt den Ernst, aber niemand ist direkt angesprochen. Ein negatives Werturteil, doppelt in Watte gepackt.

Wie ein sanfter Tritt unterm Tisch statt laut auf den Tisch geschlagen. Beides gehört sich nicht. Aber beim Tritt wissen nur zwei davon, es fällt nicht auf.

Ergebnis: Untauglich für eine gute Kommunikation.

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3 Antworten to “Sprachmode, Folge 4: grenzwertig”

  1. ig Says:

    Genau! Welchen „Wert“ haben schon Grenzen? Wir sollten sie mutig überwinden! [Außer die virtuellen, pädagogisch „wert“vollen Grenzgebilde, die man (also wir alle) z.B. Kindern setzen]. Denn sonst wachsen sie vielleicht zu Menschen heran, denen man „grenzwertiges“ Verhalten vorwirft, nicht wahr? Was meinst Du zum verhalten der Banken/Börsen etc. elite? Haben diese nicht die Grenzen des Anstandes überschritten, wenn nicht sogar viel mehr?

    Noch so was Verführerisches; all zu oft sagen wir „man“, wenn wir „ich“ oder „wir“ meinen.

  2. Ute-Marion Says:

    Ich hätte da noch ein wunderschönes Wort. Proaktiv. Na, löst das was bei dir aus? 🙂

  3. ig Says:

    Ach ja – da gibt es doch dieses kurzweilige Spielchen „Bullshitbingo“. Kennst Du das? Alle so genannten BUZZWORDS, die gerade en vogue sind, lassen sich trefflich einsetzen, um das blabla-Ziel ohne Hürdenläufe zu erreichen.

    Seit Jahren besitze ich auch schon eine Phrasendreschmaschine (je nach Laune „konservativ“ oder „progressiv“). Auch im Internet online zu bedienen unter
    http://roetsch.de/pdm oder bei anderern einschlägigen Anbietern.
    „Proaktiv“ grenzt (pardon!) schon fast an den klassischen Euphemismus.

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