Sprachmode, Folge 1: Auf Augenhöhe

„Auf Augenhöhe“: der Kommentar von ig lässt mich zu diesem Ausdruck zurückkehren.

Ich hörte ihn zum ersten Mal von einem Behindertenpfarrer und fand sie sehr passend: Wenn ich einem Rollstuhlfahrer auf Augenhöhe begegne, dann muss ich etwas bei mir ändern. Wie ich die Welt wahrnehme, zum Beispiel.

Aber seit etwa drei oder vier Jahren ist eine Augenhöhen-Inflation ausgebrochen.
Was meint das Bild, in alten Worten? Gleichberechtigt? Um Recht geht es auch, aber nicht nur. Gleichwertig. Das ist schon besser. Mein Gegenüber und ich, wir haben den gleichen Wert.

Ich empfehle, nehmt häufiger „gleichwertig“, denn die Augenhöhe ist ein zu oft benutztes, blank geputztes und deshalb blass gewordenes Bild.

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7 Antworten to “Sprachmode, Folge 1: Auf Augenhöhe”

  1. ig Says:

    Vielen Dank für den Gedankenanstoß – ich verfolge Deinen Blog mit großem Interesse…

    Wie so oft sollte man sich solche vermeintlich hohlen Phrasen genauer anschauen. Oft sind sie abgedroschen, doch hier ist ein guter Kern.

    Für das Ansprechen von Menschen und Problemen auf „Augenhöhe“ reicht bereits oft, dass man sich überhaupt anschaut, dass man – nein WIR – nicht wegschauen, oder an dem Menschen oder dem Problem vorbeischauen. Das bedeutet mitunter auch, sich mit der eigenen Geistes-, Nasen- und Körperhaltung „herunter“ zu bemühen, und den eigenen Blick zu öffnen, die Brille zu putzen, und dann die Sprache entsprechend anzupassen: keine weihrauchschwangeren lateinischen Messen im Kongo, keine hochtrabenden Fremdwörter mit Jugendlichen in der Bronx, kein gedankenlos dahin geträllertes, salopp-bevormundendes „Wie geht es uns denn heute?“ im Altersheim.

    Vorbild Jesus: immer wieder hat er die Menschen angeschaut, den Blick gewendet, im Schauen innegehalten, und sehr oft den Blick zum „himmlischen Vater“ aufgerichtet. „Kann man dazu schon „Blickfang“ sagen? Und zwar ein herzerfrischend anderer!
    Allein dieser Blick war heilend. Zum ersten Mal in Ihrem Leben wurden Menschen davon angerührt und bewegt. Auch heute noch!
    Anschauen, Hinschauen braucht Mut. Mir selber geht es so, dass ich mich feige hinter meinen Fremdwörtern verstecke…. Doch fühle ich mich ernst genommen, wenn mein Gegenüber und ich uns gegenseitig anschauen – Es gibt doch viel zu entdecken.

  2. rotegraefin Says:

    Wer das Bilderbuch von Maurice Sendak „Wo die wilden Kerle wohnen“ hat spätestens da begriffen, wie wichtig das anschauen ist.
    Ich arbeitete als das Buch zum ersten Mal kaufte in einem Heim für schwer erziehbare Jungen. Einer der Jungen las es mit Interesse durch und hatte ganz offensichtlich seine Botschaft gut verstanden. Am Abende machte er Krawall und ich sagte ihm: „M schau mir mal in die Augen.“ Prompt kniff er sie ganz fest zu. 😀 Er wollte sich nicht zähmen lassen.

  3. theomix Says:

    Ja, Augenbilder sagen viel… Wollen wir mal ein Auge zudrücken?

  4. rotegraefin Says:

    Damals konnte ich es. Ein Auge zudrücken, weil ich sofort begriffen habe was er meinte.

  5. theomix Says:

    Also so: 😉

  6. Winterbegegnung « Theomix Says:

    […] der schneehaufen wächst und begegnet mir bald schon auf augenhöhe […]

  7. Mündigkeit « Theomix Says:

    […] Interessant: In der Bibel gibt es diese Richtung, zum mündigen Leben – genauso wie die Regression, den Rückzug in die Kinderwelt. Beides nah beieinander findet sich zum Beispiel im Johannesevangelium: Christus sagt: “Ich bin der gute Hirte” und die, die zu ihm gehören, sind seine Schafe (10, 14) – und an anderer Stelle: “Ich nenne euch nicht mehr Knechte, sondern Freunde” (15, 15). Freunde sind, um den modischen Ausdruck zu benutzen, auf Augenhöhe. […]

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