Mit ‘Gedicht’ getaggte Artikel

endlich und mehr

15. 5. 2012

So voller glück
doch alles wird enden
das glück und ich und alles

in meinen händen bleibt nichts
doch ich, ich bleib in guten händen

Gedanken beim Aussortieren alter Kleidung

12. 4. 2012

die weisheit ist gewachsen
wie das gewicht
der horizont hat sich ausgedehnt
wie die bundweite

Zarte Hälmchen

7. 3. 2012

Frühling

Nun ist er endlich kommen doch
In grünem Knospenschuh;
“Er kam, er kam ja immer noch”
Die Bäume nicken sich’s zu.

Sie konnten ihn all erwarten kaum,
nun treiben sie Schuss auf Schuss;
im Garten der alte Apfelbaum,
er sträubt sich, aber er muss.

Wohl zögert auch das alte Herz
und atmet noch nicht frei,
es bangt und sorgt; “Es ist erst März,
und März ist noch nicht Mai.”

O schüttle ab den schweren Traum
und die lange Winterruh:
Es wagt es der alte Apfelbaum,
Herze, wag’s auch du.

Theodor Fontane

Das musste jetzt mal sein. Hälmchenweise kommt er…

Heißes Herz und eisiges Wetter passen nicht zusammen

10. 2. 2012

Der Seufzer

Ein Seufzer lief Schlittschuh auf nächtlichem Eis
und träumte von Liebe und Freude.
Es war an dem Stadtwall, und schneeweiß
glänzten die Stadtwallgebäude.

Der Seufzer dacht an ein Maidelein
und blieb erglühend stehen.
Da schmolz die Eisbahn unter ihm ein -
und er sank – und ward nimmer gesehen.

Christian Morgenstern

Das muss jetzt sein

7. 2. 2012

Matthias Claudius:

Ein Lied hinterm Ofen zu singen

Der Winter ist ein rechter Mann,
kernfest und auf die Dauer;
sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an
und scheut nicht süß noch sauer.

War je ein Mann gesund, ist er’s;
er krankt und kränkelt nimmer,
weiß nichts von Nachtschweiß noch Vapeurs
und schläft im kalten Zimmer.

Er zieht sein Hemd im Freien an
und lässt’s vorher nicht wärmen
und spottet über Fluss im Zahn
und Kolik in Gedärmen.

Aus Blumen und aus Vogelsang
weiß er sich nichts zu machen,
hasst warmen Drang und warmen Klang
und alle warmen Sachen.

Doch wenn die Füchse bellen sehr,
wenn’s Holz im Ofen knittert,
und um den Ofen Knecht und Herr
die Hände reibt und zittert;

wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht
und Teich’ und Seen krachen;
das klingt ihm gut, das hasst er nicht,
dann will er sich tot lachen. -

Sein Schloss von Eis liegt ganz hinaus
beim Nordpol an dem Strande;
doch hat er auch ein Sommerhaus
im lieben Schweizerlande.

So ist er denn bald dort, bald hier,
gut Regiment zu führen.
Und wenn er durchzieht, stehen wir
und sehn ihn an und frieren.

Tragisches Gefühl zu Weihnachten – typisch 21. Jahrhundert

28. 12. 2011

Da habe ich mal günstig
etiketten gekauft
für disketten

die disketten habe ich nicht mehr
kein computer mag sie annehmen

zum heiligen fest
find ich den rest
der netten
etiketten

jetzt sitz ich hier
und schneid namensaufkleber
aus den etiketten
der disketten

Und jetzt mal auf Deutsch, Herr Eichendorff

26. 12. 2011

Weil es so schön war, nur noch ein Mal…

Markt und Straßen stehn verlassen,
Strahle-Licht in jedem Haus,
ich streif lustig durch die Gassen,
alles sieht voll spacig aus.

An den Fenstern haben Frauen
tolles Spielzeug hingestellt,
tausend Kinder stehn und schauen,
ihre Augen  süß erhellt.

Und ich geh mal weg ins Freie
hinten zwischen Wald und Feld,
geiles Glänzen, Vorfreude aufs Feiern -
irre still ist ‘s auf der Welt!

Sterne so weit weg da oben,
der Seele ihre Einsamkeit
singt, so wie die Engel loben:
Megakrasse Weihnachtszeit!

Hier Erklärungen, nicht nur für OneBBO:

Erste Strophe:
differenzierte Gefühlsbeschreibung, kein romantisches Wischi-Waschi.

Zweite Strophe:
Ohne hell glänzende Kinderaugen geht es gar nicht. Wie konnte Eichendorff das nur auslassen?

Dritte Strophe
Hauptsache, es reimt sich hinten. Wenigstens so ein bisschen …

Vierte Strophe:
Den Deutschen ihre Grammatik ist sowieso immer am Fließen.

Wenn der Hass den Reim verzerrt

9. 11. 2011

Vorwort

Es gibt hier, wie ich auch an Kommentaren merke, einige neue Leserinnen und Leser. Da möchte ich noch mal an einen der Grundzüge meines Blogs erinnern

Nämlich: ich schreibe gern ironisch. Nur als Vorwarnung für zarte Gemüter. :) (weiterlesen…)

Von Ort zu Ort

30. 9. 2011

Besser den umweg nehmen
die fahrerin lotsen
wofür hast du siebzehn jahre hier gelebt?
und vorbei an den häuserfronten
die trostlos geworden sind

Über den abschied reden
den tod der eltern
so lange her bei mir
und über die straßen geht es
die auch mal neuer waren

Vorbei am dichtbewachs’nen grün
dahinter irgendwo das elternhaus
abschied, war da mal abschied?
die fahrt geht weiter
das zuhause wartet

Unerhörtes Erlebnis

5. 8. 2011

Christian Morgenstern:

Der Gaul

Es läutet beim Professor Stein.
Die Köchin rupft die Hühner.
Die Minna geht: Wer kann das sein? -
Ein Gaul steht vor derTüre.

Die Minna wirft die Türe zu.
Die Köchin kommt: Was gibt’s denn?
Das Fräulein kommt im Morgenschuh.
Es kommt die ganze Familie.

“Ich bin, verzeihn Sie”, spricht der Gaul,
“der Gaul vom Tischler Bartels.
Ich brachte Ihnen dazumaul
die Tür- und Fensterrahmen!”

Die vierzehn Leute samt dem Mops,
sie stehn, als ob sie träumten.
Das kleinste Kind tut einen Hops,
die andern stehn wie Bäume.

Der Gaul, da keiner ihn versteht,
schnalzt bloß mal mit der Zunge,
dann kehrt er still sich ab und geht
die Treppe wieder hinunter.

Die dreizehn schaun auf ihren Herrn,
ob er nicht sprechen möchte.
Das war, spricht der Professor Stein,
ein unerhörtes Erlebnis! …

Ja, die Pferde, die Philosophie – und die Deutungshoheit der Eliten…