Mit ‘Erinnerung’ getaggte Artikel

Sesam, öffne dich!

29. 5. 2012

Es war wohl in der neunten oder zehnten Klasse, da gab uns die Englischlehrerin einen Fernsehtipp: Um gutes, einfaches Englisch zu lernen sollten wir doch mal nachmittags  ins dritte Programm gehen, da liefen die Originalfolgen der Sesame Street.

Knallbunt und peppig waren die Animationen, die Figuren waren wirklich sehr witzig. (Ich glaube, damals hat sie noch niemand “Muppets” genannt.) Und die Rahmenhandlung jeder Sendung spielte in einem Hinterhof einer Hochhaussiedlung.

Und immer begann es damit:

Für deutsche Kinder gab es zunächst synchronisierte Fassungen. Das hakte irgendwie . Und war wohl manchen auch nicht brav genug.  Rotzfreche Figuren und Kinder passten nicht für brave deutsche Familien – und ins deutsche Studio kam das deutsche Mittelstandshaus. Wenn ihr wissen wollt, wie sich die deutschen Fernsehverantwortlichen Ende der Siebziger vorstellen, wie Kinder sein sollten, dann seht euch die ersten deutschen Folgen.

Mein Herz hängt weiterhin an dem Original der ersten Jahre.

Auch das waren die Neunziger

29. 9. 2011

Ja, auch das waren die Neunziger… Von den dunklen Seiten des Lebens. Ob so ein Song heute die Chance hätte, so weit oben in den Hitlisten zu laufen? 1992 kam es auf Platz 5 in der Bundesrepublik. Heute kommt mir das Meiste stromlinienförmiger vor. Oder?

Und Ofrah Haza singt mit. Die gab es ja auch mal… (Demnächst mehr.)

Susan L. aus Brasilien hatte mich an diesen Song erinnert.  Danke!

Das Gedächtnis der Johannisbeeren

24. 6. 2011
aalbessen / red currants / rote johannisbeeren

Image by tdietmut via Flickr

Die Kälte war vorüber. Man konnte draußen sitzen. Und der Biergarten sah verlockend aus. So ließen wir dort den Tag ausklingen.

Mir war noch nach einem Dessert. Erdbeer-Tiramisu klang verlockend. Es schmeckte traumhaft. Am besten gefiel mir der Kontrast, der durch den Verzehr der beiden Zweiglein rote Johannisbeeren entstand. Sommer! Sommer um Sommer, es war ein weiter Weg… Was für seltsame Gedanken am Ende eines erfüllten Tages.

Wie kam noch das Gespräch  darauf? “Weißt du noch,” fragte meine Schwester, “im Garten der Großeltern gab es schwarze, rote und weiße Johannisbeeren.” Blasse Fetzen der Erinnerung: Rhabarber (lecker): ja, Stachelbeeren (mochte ich noch nie): ja. Johannisbeeren – ich zögerte, doch, stimmt. Weiße? Wie lang habe ich die nicht mehr gesehen. Der Geschmack war wieder auf der Zunge.

Mein Kreis wechselt sich fast immer mit der Gruppe ab, heute tagen wir parallel.  Die Teilnehmer sind da wie dort gegangen,  es bleibt Zeit für einen Schwatz mit der Leiterin und ihrem Mann. Auf dem Tisch liegen zwei Beutel, der eine voll mit roten Johannisbeeren, der andere mit weißen.

Oh, ich frage, ob ich mal probieren darf. Frau S. prompt: “Nehmen Sie die doch mit. Wäre mir recht. Wir haben im Garten so viel.” Ich bedanke mich herzlich. Und aus beiden Säckchen probier ich einen Zweig. Ja, das ist der Geschmack. Damals natürlich viel süßer. So ist das mit über 45 Jahren Abstand.

Ich komme nach Hause mit zwei Portionen Kindheitserinnerungen. Süß-sauer. Und alles ist wieder da, die Wiese, die Sträucher, vorm Haus links das Ziegelmäuerchen. Das Haus abgerissen für den Autobahnzubringer, Bäume, Sträucher, alles weg.
Dank den Johannisbeeren für ihr langes Gedächtnis,
sonst wär auch die Erinnerung in Trümmern.

Zwei Seelen und drei Herzen

22. 6. 2011

… so hat Hao das Bild betitelt.

Und dann lobt er mich tüchtig. Lest selbst. So wunderbar und freundlich formuliert. Ich versuche es erst gar nicht umzukehren. Ich freue mich einfach und sage “Danke!”.

Hier nur, was ich im Kommentar vergaß: Alles Gute für die Wurzeln, die im Kiefer! Auf dass du im analogen Leben den Biss wiederbekommst!

Notwendige Erinnerungen

27. 1. 2011

Nicht nur zum Gedenktag

Zu Weihnachten habe ich mir und der gesamten Familie ein  hochinteressantes Buch geschenkt, das ich auf WDR 5 vorgestellt hörte:

Katharina Bader,
Jureks Erben: Vom Weiterleben nach dem Überleben

Die Autorin, Jahrgang 1979, arbeitet nach dem Abitur als Freiwillige ein Jahr lang in Auschwitz. Sie lernt den ehemaligen KZ-Häftling Jerzy Hronowski, genannt Jurek, kennen. Es entwickelt sich eine  Freundschaft, die ihr weiteres Leben prägt: Sie lernt Polnisch und studiert in Polen. Im Jahr 2006 stirbt Jurek, sie reist zur Beerdigung an, erfährt von mysteriösen Todesumständen, lernt Jureks Sohn und seine Familie kennen. Sie wird neugierig, forscht über dieses Leben, das sie von Anfang an fasziniert hat. Sie begegnet früheren Weggefährten und entdeckt viele – bis dahin unbekannte – Facetten an Jurek. Je mehr sie forscht, desto mehr Fragen tauchen auf: Wie war das Verhältnis zum Sohn, der mit 16 von zu Hause weglief? Welche Rolle spielte Jurek in der kommunistischen zeit? Was trieb ihn an, sich für die deutsch-polnische Verständigung einzusetzen?

Katharina Bader hat einen guten Schreibstil, man kann ihr gut folgen, und sie hat eine spannende Geschichte mit vielen Hintergründen zu erzählen. Ich kann das Buch nur empfehlen.

Hier gibt es auf mephisto 97.6, dem Leipziger Universitätsradio, ein Interview mit Katharina Bader.

Nachtrag: Mehr zum Gedenktag und seinem Thema

16.10.2008: Das Grausen in der Kiste

19.10.2008: Das andere Grausen

27.01.2009: Gedenktag und Tageslosung – theologische Gedanken

27.01.2010: 65 Jahre danach – eine Reflexion des Zeitgeists

Der Rollator

8. 10. 2010

Was gab es nicht vor 20 Jahren? – 7 -
Eigentlich älter, aber…

Erfunden wurden Rollatoren vor mehr als 20 Jahren. Doch vor zehn oder zwölf Jahren sah ich sie zum ersten Mal im Straßenbild.

 

mijn rollator

Image via Wikipedia

 

Eine geniale und segensreiche Erfindung: Wer nicht mehr gut zu Fuß ist, muss nicht mehr an Krücken kriechen und am Stock gehen. Der Rollator ist Gehilfe und  Stehstütze zugleich. Und auch noch Sitz und Einkaufswägelchen. Multifunktional, zum Wohl der Menschen, die ihn benutzen. Ich habe schon öfters alte Menschen erlebt, die mit genügend Energie einen Rollator führten und Jüngeren das Leben schwer gemacht haben, weil sie denen davonliefen…

Ein besonderes Verhältnis zu Kafka

3. 4. 2010

Kafka hat mir mal ein schönes Deja-Vu-Erlebnis beschert, denn ich muss mir die Strafkolonie* im ersten Lesealter angetan haben. Die Erinnerung verdrängte ich (was soll ein Siebenjährger sonst auch damit machen?), und als Student las ich die Geschichte vermeintlich zum ersten Mal.

Die Gänsehautschauer, die ich erfuhr, bleibt mir unvergessen. Währenddessen tauchte ein Erinnerungsbild auf: Wie ich auf dem Sofa liege, Buchstabe um Buchstabe lese, sich die Geschichte Wort um Wort bildet – und ich verstehe und es nicht fasse. Das Bild, das die Geschichte auf den ersten Seiten malt, blieb stehen, die Erinnerung kapselte es ein wie die Haut einen Fremdkörper.

Da trat es nun heraus. Und ich billige seitdem Franz Kafka Sprachgewalt zu, mit besonderer Kompetenz in Düsternis.

Wie war ich damals an Kafka geraten? Ich muss es mir vom Nachttisch meines Vaters ausgeliehen haben; der liebte science fiction, und vermutlich hatte eine Anthologie die Kafka-Geschichte ausgewählt, um die Seiten zu füllen.

*: “In der Srafkolonie

65 Jahre danach

27. 1. 2010

Damals:
Niemand hat was gewusst.
Niemand hat was gesehen.
Selbst wenn: Richtig deuten konnte es niemand.
Und wir taten nur unsere Pflicht.

Heute:
Wir können alles wissen.
Wir können alles sehen.
Ja doch: Wir sind zugehagelt mit Wissen und Bildern.
Und wir wollen nur unseren Spaß.

“Wie schade!!”

7. 1. 2010

Das mailte mir eine Freundin zum Tod von Lhasa de Sela. Mit 37 Jahren an Brustkrebs gestorben.

Bevor mich dank WDR 5 Miss Platnum mit ihrer Lebenslust angesteckt hat, bin ich durch diesen Sender auf Lhasa gestupst worden. Lhasa: Meist melancholisch, aber mit kraftvoller Stimme, auf Englisch, Französisch oder Spanisch. Vielfältig, weil sie aus einer Zirkusfamlie kam.

Ihre Biografie fand ich so reizvoll, habe nach wenigen Hörproben die CD “The Living Road” bestellt und fand die Musik – exzentrisch und betörend. Kein Mainstream. Drei CDs hat sie insgesamt produziert.

Wie schade, dass keine weitere folgen wird.

Hier das Stück “My Name” mit dem Plattencover von “The Living Road”.

Die CD wird eröffnet von dem Stück “Con toda palabra” – hier ein Video mit Lhasa selbst…

Von der Großmutter

11. 11. 2009

Jetzt muss doch elisabeth einen Beitrag über Samhain bringen, und das am Reformationstag. Och nein, da auch noch Halloween-Gedöns?

elisabeth schreibt kein Gedöns. Ich atme tief durch. Nach Abzug meiner Bedenken lese ich ihren Beitrag durch – und schaue auf den Schleier.

Wer Schleier zu durchschauen versteht, wird sehen. Ich muss ja nicht Kontakt aufnehmen.

Kontakt zu den Toten? Niemals! Meine Großmutter, die ihre Bibel kannte, hätte die Hände überm Kopf zusammengeschlagen. Sie hätte mir wohl von der Hexe von Endor erzählt und was dem Saul geschah. Obwohl, hat sie nicht in früher Jugend damit geliebäugelt?

Winkt sie mir zu? Winkt sie mich weiter?

Mir ist nicht klar,
ob sie das Mädchen auf der Kaimauer ist,
die da winkt,
oder die alte Frau mit dem kleinen Enkel an der Hand.

Dem Mädchen auf der Mauer ist die Mutter früh verstorben. Noch darf  sie in Antwerpen bleiben:  Der ostfriesische Vater ist Schiffsoffizier, hat die  See im Blut und kümmert sich nicht um sie. Seine Mutter zieht sie groß , kann aber schon lange nicht mehr die Zügel straff halten. Das Mädchen kann oft auf der Kaimauer sitzen, in die Sonne blinzeln und träumen –  und die Angst vor Omas Tod verdrängen.
Sie ahnt nichts vom strengen Waisenhaus. Kein Hauch großbürgerlichen Lebens wird mehr wehen,  nach der Schule geht  es zackzack als Hausmädchen über Land. Im Westfälischen wird sie die Herzen ihrer Dienstherrschaft gewinnen. Deren Vetter ist oft zu Besuch. Auch sein Herz soll sie erobern. Und darum wird er immer häufiger kommen…

Der alten Frau ist nicht viel geblieben:
Den ersten Sohn, Kleinkind noch, verlor sie durch Fieber.
Der Krieg nahm den zweiten, wie auch den Mann.
Der Sohn starb in Russland, mit 22 Jahren.
Der Mann, Eisenbahner, starb, als Bomben auf den kleinen Bahnhof fielen, sechs Wochen vor Ende des Krieges…

Ihr bleibt die Tochter,  als einziges Kind – und  ihre Familie.
Ihr bleibt der Glaube, der sie getragen hat bis zuletzt.

Wer winkt da?

Es ist nicht klar,
ob es das Mädchen auf der Kaimauer in Antwerpen ist,
die ihr Leben träumt,
oder die alte Frau,
die ihrem Enkel durch die Haare streicht.

„Geh weiter, sieh nicht auf mich“, ist ihre Botschaft.

Ich gehe weiter,
ich, der so gerne die Seele baumeln lässt, als ob ich auf einer Kaimauer säße,
und den der Segen getragen hat bis heute.